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Kultur Alicja Kwade und das Regelwerk der Wirklichkeit
Nachrichten Kultur Alicja Kwade und das Regelwerk der Wirklichkeit
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13:51 09.04.2010
„Ereignishorizont“ hat die 31-jährige Kwade ihre Ausstellung genannt
„Ereignishorizont“ hat die 31-jährige Kwade ihre Ausstellung genannt Quelle: Martin Steiner
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Das Energiezentrum der Kestnergesellschaft befindet sich zurzeit in Halle V, jenem rückwärtig gelegenen, fensterlosen Raum, der nur selten für große Auftritte genutzt wird. Doch diesmal hat Alicja Kwade Hand angelegt und ein Ensemble arrangiert, das schon deshalb eine ungeheure Anziehungskraft entwickelt, weil ein aufregendes Knistern in der Luft liegt. Zwei Leuchtstoffröhren flackern simultan an gegenüberliegenden Wänden, als tauschten sie geheime Botschaften aus. Ihr Zündungsmechanismus wird akustisch verstärkt und lädt die Atmosphäre mit vibrierender Spannung auf. Licht hören. Klang sehen: In Alicja Kwades Welt werden physikalische Gesetzmäßigkeiten außer Kraft gesetzt.

Auf wundersame Weise entfaltet sich das Möglichkeitsfeld der Wirklichkeit auch in der mehrteiligen Skulptur „Kooperatives Phänomen (Grundkraft)“. Dachlatten, Heizungsrohre, Spiegel, Glas- und Granitplatten sind um eine leere Mitte angeordnet, als ob sie von einer verborgenen Macht unwiderstehlich angezogen würden. Je näher sie dem Zentrum kommen, desto stärker biegen sie sich gen Himmel. Als hätte die Künstlerin ihnen Leben eingehaucht, verhalten sich die Materialien ganz gegen ihre Bestimmung. Statt starr und steif scheinen sie elastisch und ziemlich beweglich zu sein und ihr eigenes Ziel zu verfolgen.

Die Glaubwürdigkeit dieses magischen Modells ist dem Umstand geschuldet, dass die Gegenstände tatsächlich wie „Objets trouvés“, wie alltägliche Fundstücke wirken. Doch die Objekte sind natürlich „gemacht“. Selbst der Granitquader, der in jedem Detail dem Vorbild einer alten Berliner Gehsteigplatte (dem sogenannten „Schweinebauch“) entspricht, wurde vorsätzlich aus einem Stein geschnitten. Nur so ließ sich seine elegante Krümmung realisieren. Auch wenn man um den Eingriff weiß, kann man sich dem suggestiven Sog der Installation nicht entziehen. Es entsteht vielmehr der Eindruck, als hätte uns Alicja Kwade die Augen geöffnet für eine parallele Wirklichkeit, deren Existenz wir bislang nicht wahrhaben wollten.

Besonders sinnfällig wird diese Strategie in der Arbeit „Parallelwelt (Ast/AntiAst)“. Zwei Äste, die identisch scheinen, lehnen ein paar Meter voneinander entfernt in den Nischen der Halle V. Der eine Zweig ist das Original, der andere ein gespiegeltes Double, gefräst aus Holzersatzmaterial nach einem 3-D-Computerscan. Wer fasziniert vor dieser Erscheinung steht, weiß selbstverständlich davon nichts. Die Übereinstimmung bleibt Hypothese. Sie ist nur eine leise Ahnung, die nicht zu überprüfen ist, weil man nicht gleichzeitig beide Objekte in Augenschein nehmen kann. Im Grunde fungiert die „Parallelwelt“ als Metapher für das menschliche Unvermögen, über sich hinauszuwachsen und die eigene Wirklichkeit kritisch infrage zu stellen. Wir sind Gefangene unserer subjektiven Wahrnehmung.

„Ereignishorizont“ hat die 31-jährige Kwade ihre Ausstellung genannt und verweist damit auf jene wissenschaftlich definierte Grenze um ein schwarzes Loch, aus dem keinerlei Informationen dringen können. Die Leere bleibt uns ein Geheimnis, eine unheimliche Macht, deren traumlogische Auswirkungen wir allenthalben spüren, ohne sie benennen zu können.

Für ihre Auseinandersetzung mit dieser rätselhaften Realität hat die in Polen geborene und in Hannover aufgewachsene Künstlerin bereits 2008 den Piepenbrock-Förderpreis für Skulptur erhalten. Und eine Ausstellung im Hamburger Bahnhof in Berlin. Dass ihre Arbeiten nun in der Kestnergesellschaft zu Gast sind, ist ein großes Glück. Denn Alicja Kwades plastische Parallelwelten sind von der Überzeugung durchdrungen, dass Kunst jenseits konventioneller Erwartungen ihre eigene Realität behaupten kann. Das ist ein starkes Statement. Und eigentlich unverzichtbar.

Bis 24. Mai in der Kestnergesellschaft Hannover. In Kooperation wird bis zum 27. Juni im Westfälischen Kunstverein in Münster die Ausstellung „Alicja Kwade. Probleme massereicher Körper“ gezeigt. Der gemeinsame Katalog kostet 26 Euro.

Kristina Tieke

Stefan Stosch 08.04.2010