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Kultur „Alkestis“: Liebe, Tod und (zu) großes Kino
Nachrichten Kultur „Alkestis“: Liebe, Tod und (zu) großes Kino
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09:43 18.04.2010
Von Ronald Meyer-Arlt
Szene aus dem Stück „Alkestis“ Quelle: Katrin Ribbe (Schauspiel Hannover)

Schlimm ist der Tod, furchtbar das Sterben. Und keine Erzählung, kein Drama, kein Gedicht kann uns die Angst davor nehmen. Wer aber vom Sterben erzählt, erzählt ja immer auch vom Leben, und für die Frage nach dem richtigen oder falschen Leben ist das Theater immer noch die erste Adresse. Vor knapp 2500 Jahren wurde in Athen ein Theaterstück uraufgeführt, das viel vom Tod und noch mehr vom Leben erzählt: „Alkestis“ von Euripides. Es ist eine traurige Geschichte: König Admet war gut zu Apollon, weshalb der Gott dem König auch etwas Gutes tun wollte. Ihm gelang es, etwas für ihn auszuhandeln: Admet darf weiterleben, wenn er jemanden findet, der an seiner Stelle die Reise ins Totenreich antritt. Was schwer ist: die greisen Eltern winken ab, die einzige, die bereit ist, für ihn zu sterben, ist Alkestis, seine schöne Frau, Mutter seiner beiden Kinder.

Im Schauspiel Hannover, wo „Alkestis“ (in der Übersetzung von Hans von Arnim) jetzt auf der großen Bühne Premiere hatte, ist das Sterben ganz großes Kino. Die kranke Königin liegt im Ehebett und sieht die schönsten Momente ihres Lebens an sich vorüberziehen. Videobilder (von Jo Schramm, der auch für die eindrucksvolle Hub- und Schubbühne verantwortlich ist) an der Schlafzimmerwand zeigen die Hochzeit, große Feste, die Geburt der Kinder, Kuscheln mit der Familie im Bett oder kurzes Innehalten auf der Stehleiter beim gemeinsamen Tapezieren.

Momente des Glücks, bald werden sie vergessen sein. Vorhin hat ein Chor alter Menschen auf der Terrasse das schöne alte Lied der Puhdys vom Menschen, der lange Zeit lebt, gesungen. Den Text für die Puhdys hat Ulrich Plenzdorf (inspiriert von der Bibel) geschrieben: „Jegliches hat seine Zeit, Steine sammeln – Steine zerstreun. Bäume pflanzen – Bäume abhaun, leben und sterben und Frieden und Streit“.

Was aber, wenn der Tod vor der Zeit kommt? Dann wälzt sich der junge Witwer im zu breiten Bett, und nichts ist wie es war, und alles ist falsch. Regisseur Tom Kühnel hat für die Verwundung durch die Trauer ein wunderbares Bild gefunden: Admet (Rainer Frank, der gut ist im Tragischen, weil er den Schmerz gut zeigen und die kalte Fröhlichkeit, mit der man ihn manchmal zuzudecken versucht) hält es im Bett nicht aus, er wirft sich die Jacke über und tritt vor die Terrassentür, und dann spricht er, das Gesicht ans Glas gepresst, so dass sein Atem die Scheibe beschlägt. Und er wundert sich, dass er atmet, dass er noch da ist. Dass er überhaupt noch da ist.

Und man denkt vielleicht: Ja, genau so! Genau davon muss das Theater erzählen. Von denen, die staunend übrigbleiben, wenn ihnen das Liebste stirbt, von den Plastikschalen, die neben den Betten der Kranken stehen, von der Unfassbarkeit des Umstands, dass da einer nicht mehr sein soll, von den Schmerzen der Sterbenden und denen der Überlebenden. Und hinten singt der Chor der alten Menschen (wunderbar: der Projektchor der Seniorenkantorei der Neustädter Hof- und Stadtkirche) „Hurra, wir leben noch!“ Und fast hätte man geglaubt, dass sich das Theater den großen Fragen nicht verweigert und hier ganz ernst und mutig etwas verhandelt, was uns alle angeht.

Aber dann war’s doch wieder nur ein Witz. Aus Alkestis Sterben jedenfalls macht Regisseur Kühnel am Ende nur Großkino der falschen Gefühle. Geigen schmachten, Carolin Eichhorst barmt und fleht und winkt ermattet wie in Zeitlupe den traurigen Kindern. Das Theater spielt, wie das Kino Sterben spielt. Kühnel begnügt sich mit schmaler Kulturkritik an Hollywood, wo er klug und anders vom Leben und Sterben hätte erzählen können (und ein bisschen ja auch erzählt hat).

Und dann der Herakles! Aljoscha Stadelmann als starker Sohn des Zeus, der im Trauerhaus zu Gast ist, tritt nicht durch die Tür, sondern gleich die Wand ein. Er schwingt die Keule und schlägt sich auf die Brust und brüllt, als wolle er den Löwen auch noch spielen. Soll das unterhaltsam sein? Ist es nicht. Wenn man sich Götter nur als Witzfiguren vorstellen kann, warum erzählt man dann ihre Geschichten?

Am Ende mischt sich ein deutlicher Buhruf in den freundlichen Applaus.

Der Unmut ist verständlich. Denn was hätte das für ein grandioser Abend werden können, wenn Kühnel sich an die großen Fragen getraut hätte und nicht beim Kleinklein der Kitschkritik stehen geblieben wäre.

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