Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Alles eine Frage der Frage
Nachrichten Kultur Alles eine Frage der Frage
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
11:17 17.03.2014
Was ist Gerechtigkeit? Um das Thema des hannoverschen Philosophie-Festivals wurde im Lichthof der Universität heftig gestritten. Quelle: Küstner
Anzeige
Hannover

Es klang schon etwas herablassend, wie ein prominenter Vertreter der professionellen Philosophie seinen Auftritt beim 4. hannoverschen Festival der Philosophie begründete. Offensichtlich fühlte sich Michael Quante, Präsident der deutschen Gesellschaft für Philosophie, gegenüber jenen seiner Zunft begründungspflichtig, die einen „Ausverkauf von Standards“ befürchten, wenn sich Philosophen an eine größere Laienöffentlichkeit wenden. Das sei unklug, meinte er am Freitag im Lichthof der Universität, weil man bei solcher Enthaltsamkeit den Scharlatanen die Bühne überlasse und damit allerlei Blödsinn Raum gebe.

Erinnert man sich der öffentlichen Funktion der Philosophie im antiken Athen, bedarf es solcher defensiven Stellungnahmen eigentlich nicht. Es geht ja auch nicht darum, der dumpfen Plebs zu ersparen, dumm zu sterben, sondern eine lebendige Demokratie zu ermöglichen, indem man den Demos, das Staatsvolk, zu rationalerem Denken und Handeln befähigt. Denn das Selberdenken kann in einer Demokratie dem Bürger nicht erspart bleiben. Und dazu gehört es, Ambivalenzen, Widersprüche, Uneindeutigkeiten aushalten zu lernen. 8000 Besucher taten dies diesmal bei den rund 90 fast immer ausverkauften Veranstaltungen des Festivals, teilte eine Sprecherin gestern mit. Das sei Besucherrekord.

Anzeige

Das Selbstverständliche erweist sich bei genauerer Prüfung immer als in vielerlei Hinsicht frag-würdig. Mit der Forderung nach Gerechtigkeit beginnt erst die Arbeit, wie in der Podiumsdiskussion „Was ist Gerechtigkeit?“ deutlich gemacht wurde. Konsens, so der Würzburger Jurist Horst Dreier, sei in der heutigen akademischen Debatte, dass Recht ohne Gerechtigkeit nicht gültig und dass die Freiheit und Selbstbestimmung des Menschen die normative Grundlage unseres Zusammenlebens ist. Der demokratische Verfassungsstaat bietet den institutionellen Rahmen, innerhalb dessen die politische Debatte über die Geltung von Gerechtigkeitskriterien und die konkrete Ausgestaltung des Rechts geführt werden kann. Recht und Gerechtigkeit stünden immer in einem spannungsvollen Verhältnis.

Als Soziologe beobachtete der Jenaer Wissenschaftler Hartmut Rosa die Spannung, die sich zwischen propagiertem Gerechtigkeitsbewusstsein und tatsächlichem Handeln auftut, etwa im Umweltverhalten. Einen Grund sieht er darin, dass wir auf Vorstellungen von Verteilungsgerechtigkeit beharren. Diese unterstellten letztlich, dass jeder immer mehr haben wolle und wir über Verzicht zur Gerechtigkeit gelangen. Statt solche „Dingqualität“ sollte man die Beziehungsqualität in den Mittelpunkt stellen. Es tue einem nicht gut, wenn es andern schlecht gehe. Die Steigerung der Lebensqualität durch gemeinsames Handeln könne Solidarität stiften.

Auch der Frankfurter Sozialphilosoph Axel Honneth kritisierte die Ansätze der klassischen Verteilungsgerechtigkeit, die vor allem von den Individuen ausgehe. Er plädiert dagegen für eine plurale Gerechtigkeitskonzeption, die sich auf unterschiedliche Lebensbereiche und deren je besondere Gesetzmäßigkeiten bezieht. Er fragt: Welche Bedingungen müssen jeweils hergestellt werden, sodass individuelle Freiheit und Selbstbestimmung möglich sind? Welcher sozialen Rahmenbedingungen bedarf es beispielsweise, damit in den Familien Kinder liebevoll und zur  Selbstbestimmung erzogen werden können? Dabei werde deutlich, dass hier Gerechtigkeit allein mit den Mitteln des Rechts, der Gesetze nicht zu erzielen sei. Je besondere Bedingungen für ein selbstbestimmtes Leben müssten dann auch für den Markt oder die  Teilnahme am demokratischen Prozess erarbeitet werden.

Nur in einer öffentlichen Debatte können sich dann die Bürger darüber verständigen, welche Regelungen oder Maßnahmen im Einzelnen ergriffen werden müssen. Das Problem sei dabei, betonte Dreier, dass man sich leichter darüber einigen kann, was ungerecht ist, als Gerechtigkeit positiv zu definieren. In der Demokratie entscheide das Mehrheitsprinzip, das die Minderheit auch deshalb akzeptieren müsse und könne, weil die Entscheidungen durch neue Mehrheiten verändert werden können. Honneth sieht mehr als ein Hin und Her, er beobachtet einen Fortschritt bei der Normsetzung. Heute finde niemand mehr in Europa die Sklaverei oder die Todesstrafe gerecht.

Ob man wirklich von einem Fortschritt sprechen kann, war einen Tag später an gleicher Stelle bei der von dem hannoverschen Philosophen Paul Hoyningen-Huene moderierten Podiumsdiskussion „Woher kommt das Recht?“ sehr umstritten. Während der hannoversche Religionswissenschaftler Peter Antes diese These unterstützte und glaubt, dass durch neue Erkenntnisse, etwa beim Umgang mit der Homosexualität, Gerechtigkeitsvorstellungen verändert worden seien, verwies der bis vor Kurzem in Hannover, nun in Freiburg lehrende Jurist Ulrich Haltern darauf, dass im 20. Jahrhundert zwar das Recht, aber auch die Gewalt explodiert sei.

Einigkeit herrschte darüber, dass nur der Mensch und nicht Natur oder Gott Autor des Rechts sein könne. Allerdings enthalten alle Verfassungsordnungen auch sakrale Anteile. Antes verwies auf die „metaphysische Notbremse“ des Grundgesetzes, das das Prinzip der Würde des Menschen und die demokratische Verfasstheit der Bundesrepublik dem Zugriff eines späteren Gesetzgebers entzieht.

Die Passauer Politologin Barbara Zehnpfennig nahm ausdrücklich positiv Bezug zum Naturrecht, das nicht zufällig nach den katastrophalen Erfahrungen mit dem Totalitarismus eine Renaissance erfahren habe. Auch für sie ist weder die Natur noch Gott, sondern der Mensch, vor allem seine Vernunftfähigkeit, der normative Bezugspunkt. Ohne einen solchen Maßstab wäre jedes positive Recht, auch das totalitärer Regimes, gültig.

Viele solcher Gerechtigkeitskonzeptionen sind Haltern zu abstrakt und zu unrealistisch. Er widersprach auch dem Bemühen, die Gerechtigkeit zum alles beherrschenden Prinzip zu machen. Liebe beispielsweise lasse sich nicht nach Gerechtigkeitskriterien bestimmen. Er beharrte auch darauf, dass die Gerechtigkeitsvorstellungen von den konkreten historischen Erfahrungen einzelner Gesellschaften geprägt sind. Es sei unsinnig, wenn etwa die Europäer glauben, Amerika in Rechtsstaatlichkeit belehren zu müssen.

Die überraschendste Pointe der Veranstaltung war, dass der Jurist Haltern das Politische gegenüber der Politikwissenschaftlerin Zehnpfennig in Stellung brachte. Er betont, dass es bei der Entwicklung des Rechts vor allem auf die leidenschaftliche, hoffentlich seriöse politische Debatte ankomme. „Das Recht“, so sein ernüchterndes Resümee, „ist kein sicherer Hafen.“

Und so hätte das Hin und Her der Argumente weitergehen können, wenn nicht der Moderator Hoyningen-Huene die Programmplanung exekutiert hätte. Man könne, versuchte er zu trösten, ohnehin nichts Positives, nichts Endgültiges nach Hause tragen.
Wer auf philosophische Fragen Antworten sucht, landet, wenn es optimal läuft, eben immer nur bei genaueren oder neuen Fragestellungen.

Von Karl-Ludwig Baader

Kultur Gerburg Jahnke im Pavillon - Maria Barth
17.03.2014
Kultur Premiere von „Corpus Delicti“ - Der Show-Prozess
Jutta Rinas 16.03.2014
Kultur Schandmaul in Hannover - Ritter in Bundfaltenhose
18.03.2014