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Kultur Als die Grillette gesamtdeutsch wurde
Nachrichten Kultur Als die Grillette gesamtdeutsch wurde
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13:07 20.08.2011
Zwei Duden: Eine Ausgabe aus der DDR (l.) und eine gesamtdeutsche Ausgabe aus dem Jahr 1991.
Zwei Duden: Eine Ausgabe aus der DDR (l.) und eine gesamtdeutsche Ausgabe aus dem Jahr 1991. Quelle: dpa
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Leipzig/Mannheim

Gibt es einen Unterschied zwischen einer Datsche und einer Datscha? Bis zum Mauerfall hätte Werner Scholze-Stubenrecht, Leiter der Dudenredaktion in Mannheim, ihn jedenfalls nicht erklären können. Als er aber 1991 zusammen mit Kollegen der einstigen DDR-Duden-Redaktion in Leipzig den ersten Einheitsduden auf den Markt brachte, hatte Scholze-Stubenrecht dazugelernt. Die Datsche, so steht es seither im Nachschlagewerk, ist ein Wochenendgrundstück, und die Datscha ein russisches Holzhaus. Diese und einige hundert weitere Wörter hielten 1991 Einzug in den Duden.

Vier Jahrzehnte lang hatte es zuvor zwei deutsche Duden gegeben: die in Mannheim produzierte West-Variante und den DDR-Duden aus dem Bibliografischen Institut in Leipzig. Schuld daran war die deutsche Teilung, die die 1880 in Leipzig begründete Tradition des Vollständigen Orthographischen Wörterbuchs der deutschen Sprache - so der erste Titel des Dudens - in Ost und West aufspaltete. In der Zeit des Mauerfalls, erinnert sich Dieter Baer, damaliger Leiter der Leipziger Redaktion, sei jedoch schnell klar gewesen, „dass es in den sich näher kommenden deutschen Staat nicht mehr zwei Duden geben kann“.

1990 setzten sich die Mannheimer und die Leipziger zusammen und begannen mit der Arbeit am Einheitsduden. Basis sei die West-Variante gewesen, weil sie umfangreicher war, sagt Scholze-Stubenrecht. Der West-Duden habe um die 100 000 Stichwörter enthalten, der Ost-Duden 60 000 bis 70 000. „Das hat mit dem freien Wettbewerb zu tun“, sagt Scholze-Stubenrecht. Auf dem westdeutschen Markt gab es Konkurrenz-Wörterbücher, weswegen der Duden einfach umfangreicher und besser sein wollte. Und er enthielt schon damals DDR-Wörter wie LPG oder Kaderleiter. „Wir haben DDR-Zeitungen ausgewertet oder Literatur“, berichtet der Mannheimer Redaktionsleiter.

„Der Mannheimer Duden hatte den Anspruch, für Gesamtdeutschland zuständig zu sein, wie auch wir bestimmte Westdinge aufgenommen haben“, bestätigt Baer. „Das war auch der Grund, warum 1991 so wenige Wörter dazugekommen sind, weil bereits so viel sachkundig und präzise enthalten war.“ Einige hundert Ausdrücke steuerte der Osten bei - darunter Bezeichnungen wie Dreiraumwohnung, Exquisitladen und das Kunstwort Grillette, eine Art Anti-Hamburger.

An die Arbeit am Einheitsduden erinnern sich der Mannheimer und der Leipziger einmütig gerne zurück. „Es war eine sehr angenehme Arbeit. Wir wussten ja nicht, was auf uns zukommt“, sagt der 62-jährige Scholze-Stubenrecht. Schnell habe man aber festgestellt, „dass wir uns fachlich sehr einig waren“. Ohnehin sei die Rechtschreibung hüben wie drüben gleich gewesen, nur wenige Wörter und manche Bedeutungen unterschieden sich. Auch Baer sagt: „Es war eine tolle Zeit.“ Man habe harmonisch zusammengearbeitet. „Diese unsäglichen Ossi-Wessi-Diskussionen waren mir ohnehin immer fremd“, sagt der 66-Jährige.

Die Wörter, die 1991 neu in den Duden aufgenommen wurden, stehen immer noch drin. Und sie sind auch nicht in Gefahr, gestrichen zu werden. Eher musste so etwas Altertümliches wie Federbüchse weichen. Nicht mehr existent ist allerdings das Bibliographische Institut in Leipzig. 1991 war es als GmbH eine Tochterfirma des Mannheimer Lexikonverlages Bibliographisches Institut und F.A. Brockhaus AG geworden. Das Ende kam mit dem Verkauf der Brockhaus-Markenrechte 2009. Baer erlebte den Untergang der Leipziger Redaktion mit zuletzt 60 Mitarbeitern nur noch aus der Ferne mit. Er ist seit 2008 im Ruhestand. Sein Kollege Scholze-Stubenrecht ist noch in Mannheim aktiv.

dpa