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Kultur Alte Kameras und ihr letztes Bild
Nachrichten Kultur Alte Kameras und ihr letztes Bild
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22:20 30.12.2010
Von Uwe Janssen
Klick und weg: Esther Shalev-Gerz zeigt in Braunschweig lauter letzte Bilder – darunter ein alter Trabi.
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Letzte Dinge. Heute ist ein Tag für letzte Dinge. Nicht die großen letzten Dinge. Nicht Schöpfungslehre. Nicht Tod und Jüngstes Gericht. Nicht Himmel und Hölle. Kleine persönliche letzte Dinge. Die letzte Zigarette. Das letzte Stück Sahnetorte. Der letzte Streit. Die Gelegenheit ist günstig, der Kalender gibt sie vor, er bietet Anlässe. Manchmal die einzigen. Das Jahresende ist ein Premiumanlass für letzte Dinge. Wer gibt schon am Dienstag, 14. Juni, das Rauchen auf? Je größer der kalendarische Zeitraum, der zu Ende geht, desto pathetischer die Ankündigung letzter Dinge.

Voraussetzung dafür ist, dass man den Zeitpunkt für letzte Dinge selbst bestimmen kann. Schwieriger wird es, wenn etwas kaputtgeht. Körper – egal, ob Mensch oder Tier – versagen nicht im Kalendertakt, und schon sind wir wieder bei den großen letzten Dingen. Weniger dramatisch ist es, wenn Sachen kaputtgehen. Sind es aber Habseligkeiten, Gebrauchsgegenstände, die uns, wie man so schön sagt, ans Herz gewachsen sind, die wir also ein bisschen eingemenschlicht haben, fällt uns die Trennung schwer. Sie setzt einen oft melancholischen Erinnerungsprozess in Gang. Das kann ein altes Auto sein, dessen Reparatur nicht mehr lohnt, das aber treues Vehikel für viele Urlaubsfahrten war. Das kann Omas Musiktruhe sein, vor der man als Kind schon gesessen hat. Gut, dass es noch Fotos davon gibt, mit denen man das, woran man sich tatsächlich zu erinnern glaubt, ein wenig optisch möblieren kann.

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Überhaupt, Fotos! Der Erinnerungspool schlechthin. Dieser Umstand hat die Israelin Esther Shalev-Gerz zu einem interessanten Projekt in Braunschweig bewogen. Die Künstlerin hatte erfahren, dass das dortige Museum für Photographie immer wieder als Museum für Fotogerätschaften missverstanden wird und Menschen sich melden, die ihre alten, analogen Kameras zur Verfügung stellen wollen. Per Zeitungs- und Internetaufruf wurden Menschen gesucht, die nicht nur ihre Kameras mitbringen, sondern auch noch die Geschichten dazu – und das letzte Foto, das mit der Kamera gemacht wurde. Das Ergebnis heißt „Der letzte Klick“ und ist jetzt in eben jenem Museum zu sehen, das bis zum 23. Januar ein Ort der Erinnerung ist. Nicht nur, weil die Künstlerin in einer zweiten Fotoserie an die Braunschweiger Firma Rollei erinnert, von deren großer analoger Tradition im digitalisierten 2010 nur noch ein paar verlassene Fabrikhallen übrig sind.

Shalev-Gerz hat 35 Männer und Frauen jeweils eine halbe Stunde interviewt, sie dabei gefilmt und fotografiert. Die alten Kameras, man darf auch ruhig Fotoapparate sagen, liegen bei den Interviews wie gute, alte Freunde auf dem Tisch. Spiegelreflexkameras aus West- und Ostdeutschland und natürlich Japan, von Rollei, Praktika, Leica oder Canon, mit Schraubgewinde und meistens mit den typischen harten Ledertaschen in Braun oder Dunkelrot.

Aus vielen Teilnehmern, wie man in einem spannenden und amüsanten Zusammenschnitt sehen kann, sprudelt es geradezu heraus. Eine Dame erzählt, wie sie ihre alte Kamera zunächst gegen eine 50-Euro-Gutschrift beim Kauf einer neuen eintauschte – und ein paar Tage später, von Gewissensbissen geplagt, das gute Stück wieder zurückkaufte. Ein Mann berichtet vom letzten Foto seiner Kamera, das zugleich einen Aufbruch markierte: Es war das Bild seiner Hochzeit. Oft werden die Geräte über Generationen weitergereicht, und mancher, der auf diese Weise an eine Kamera kommt, entdeckt eher zufällig sein Interesse. Wie der Mann aus der Heide, der die Kamera von seiner Tante bekam. „Ich weiß nicht“, sagt er, „ob das nun ein berühmtes Ding ist oder nicht. Es gibt nicht viel einzustellen. Ich hab’ mir hier was eingeklebt, damit ich wusste, welche Belichtung, und dann habe ich probiert und probiert.“ Auch diese Kamera ist, in einer Holzkiste aufbewahrt, nun Teil der Braunschweiger Ausstellung.

Mit einigen hätten die Besitzer im Internet sicher noch Geld verdienen können. Aber es schien ihnen kein angemessener Abschied zu sein. Ein emotionaler Abschied wird den meisten digitalen Kameras wohl nicht zuteil. Das digitale Bild ist wie seine zahlreichen Erzeugergeräte ein charakterloser Massenartikel, dem jeglicher Reiz des Besonderen fehlt.

Viele Teilnehmer haben auch die letzten Fotos mitgebracht, den tatsächlich „letzten Klick“ also. Fröhliche Familienbilder sind dabei, Naturaufnahmen – und ein paar Besonderheiten. Das Bild eines Trabis vor einem völlig heruntergekommenen DDR-Gasthaus namens „Goldbroiler“ hätte auch heute noch Chancen bei jedem Fotowettbewerb. Und die Nahaufnahme, die ein junger Mann zu Hause machte, war nicht nur das letzte Bild für seine Kamera. Zwischen den Fingern hält er eine tote Motte. Immerhin: Die Pullover werden sich gefreut haben.

Bis zum 23. Januar, Helmstedter Straße 1, Braunschweig.

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