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Kultur Alte Nationalgalerie Berlin zeigt das Mittelalter
Nachrichten Kultur Alte Nationalgalerie Berlin zeigt das Mittelalter
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07:30 14.09.2012
Friedrich Schinkels Monumentalgemälde „Gotische Klosterruine und Baumgruppen“ ist im Treppenhaus der Alten Nationalgalerie  in Berlin zu sehen. Quelle: A.K.
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Berlin

Mittelaltersehnsucht drückt sich heute bei Burgfestspielen, auf Weihnachtsmärkten und in Form von Gothic aus. Gothicfans erkennt man an blassen Gesichtern, schwarzen Roben und eigenwilligem Musikgeschmack. Architektonisch lebten sich diese bislang kaum aus. Dafür entstehen in Städten wie Berlin gerade ganze Neubauquartiere im neoklassizistischen Stil mit Pilastern und Loggien, beispielsweise im luxuriösen Neubaugebiet der Berliner Luisenstadt.

Beim großen preußischen Architekten und Stadtplaner Karl Friedrich Schinkel (1781-1841) war beides da: Für das Alte Museum auf der Museumsinsel nahm Schinkel bei griechischen Tempeln Maß. Während der napoleonischen Besatzungszeit schwärmte der Architekt für mittelalterliche Architekturrelikte mit Fialen und filigranem Maßwerk - und beflügelte die romantische Bewegung.

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In der Alten Nationalgalerie ist Schinkel, der ästhetische und technische Erneuerer, jetzt als gemütvoller Romantiker zu erleben. Die Ausstellung „Romantik und Mittelalter. Architektur und Natur in der Malerei nach Schinkel“ versammelt neben Schinkel-Werken auch Gemälde von Künstlern wie August Wilhelm Julius Ahlborn, Johann Karl Schultz, Carl Georg Hasenpflug oder Karl Friedrich Lessing. Nicht wenige Maler schlossen damals ihre Ausbildung mit einem „Dom nach Schinkel“ ab.

Während der napoleonischen Besatzung, also von 1806 bis 1815, konnte Schinkel nicht bauen. Als Kompensation malte der junge Architekt Phantasiegebäude: Burgen und mittelalterliche Dome, die als dunkle Silhouetten vor tiefenperspektivischen Hintergründen hoch emporragten. Das gigantische, sechs Meter breite Schinkel-Gemälde „Gotische Klosterruine und Baumgruppen“ von 1809 hing jahrzehntelang im Berliner Präsidentensitz Schloss Bellevue und gab dem dortigen „Schinkelsaal“ seinen Namen. Für die Romantikausstellung, die eine aktuelle Schinkel-Schau im Berliner Kulturforum ergänzt, ist das frühromantische Programmbild in das Marmortreppenhaus der Alten Nationalgalerie gewuchtet worden. Dort wird es jetzt dauerhaft bleiben.

Links im Bild liegt ein antikes Grabmal im Schatten riesiger Bäume. Rechts - im warmen Sonnenschein - schlummert ein Ritter aus Stein, eine Grabfigur, die aber auch als Comicgestalt durchgehen würde. Über der Figur erhebt sich, einer Fata Morgana gleich, eine neogotische Kathedrale. Das Gemälde sei beseelt vom politisch-patriotischen Traum mittelalterlicher Kaiserherrlichkeit und einer neuen staatlichen Einheit im territorial zerstückelten Deutschland, sagte Angelika Wesenberg, die Kuratorin der Ausstellung. In den Bildern der Schau gehe es „nicht ums Mittelalter, sondern um eine Fiktion, ein utopisches Gegenbild zur ernüchternden frühindustriellen Wirklichkeit“.

Krönung der politisch motivierten Mittelalterverklärung war die Fertigstellung des Kölner Doms als nationales Projekt. Was aber Schinkels Bewunderer an gemalten Ritterburgen im Mondschein, mit Ausblick aufs Hochgebirg’ oder am Tannweiler aufboten, erinnert mitunter eher an Theaterkulissen oder Märchenbuch-Illustrationen. Carl Wilhelm Kolbe d. J. ließ den Hochmeister Siegfried von Feuchtwangen als eine Art Priesterherrscher 1825 mit märchenhaft herausgeputzten Kreuzrittern in die Marienburg einziehen. Carl Blechen setzte fünf Jahre später einen putzigen Flugdrachen auf den zersprengten Turm des Heidelberger Schlosses.

Auf manchen Bildern werden Ruinen verklärt, auf anderen ruinöse Gebäude quasi mit dem Pinsel restauriert, noch bevor Denkmalschützer sich die Originale vornehmen konnten. Caspar David Friedrich ließ die „Klosterruine Eldena bei Greifswald“ noch naturüberwucherter erscheinen als in der Realität. Es ist eine kleine Gemeinheit der Ausstellungsmacher, dass sie Friedrich wie einen Schinkel-Epigonen aussehen lassen.

In rund 60 Gemälden wird das romantische Mittelalterbild beschworen, von symbolischen Landschaften mit Ritterburg bis hin zu späten atmosphärischen Gemälden, in denen romantische Schauplätze bereits zu Wandertouristenattraktionen geworden sind. Das Kultbuch der deutschen Romantiker, „Franz Sternbalds Wanderungen“ von Ludwig Tieck, liegt als vergilbte Ausgabe in einer Vitrine aus. Ebenso die Ikone der englischen Schauerromantik: Horace Walpoles „Die Burg von Otranto“. Als Walpole 1764 seine pittoreske Gothic-Revival-Villa „Strawberry Hill“ eröffnete, war auch der Fürst Friedrich Leopold Franz von Anhalt zugegen - und zutiefst beeindruckt. Gotik galt damals als modern.

„Romantik und Mittelalter. Architektur und Natur in der Malerei nach Schinkel“, Alte Nationalgalerie Berlin, bis 6. Januar. Weitere Information auf der Internetseite der Staatlichen Museen zu Berlin.

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