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23:51 05.10.2009
Von Stefan Arndt
Die Nackten und die Toten: Sandra Bayrhammer und Florian Hertweck. Quelle: Ribbe

Am Anfang ist die Bühne wüst und leer, und Rauch schwebt über der Ebene. Am Ende, nach vielen Geschichten von Krieg und Menschen und noch viel mehr Toten, hat sich daran nichts geändert. Die Welt bleibt, was sie ist: das Chaos. Das Schauspiel Hannover zeigt eine Bühnenversion von Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausens lebensprallem und todessüchtigem Roman „Der abentheuerliche Simplicissimus Teutsch“ – und nichts geschieht. Zweieinhalb Stunden dreht sich das grausame Panoptikum des Dreißigjährigen Krieges, und dennoch kommt der Abend nicht vom Fleck. Rasch tritt der Tod den Menschen an, sicher, aber was weiter?

Der 1977 geborene Florian Fiedler, Hausregisseur im neuen Team von Lars-Ole Walburg, zeigt zum Abschluss des langen Neustartwochenendes am hannoverschen Schauspiel ein zähes Endzeitstück. Dabei ähnelt die Simplicissimus-Bühnenversion von Soeren Voima (hinter dem sich früher mal eine Autorengruppe verborgen haben soll; heute so raunt es, sei Voima ein Einzelschreiber, möglicherweise sogar ein Dramaturg des Schauspiels Hannover) eher einem Kinomassaker von Quentin Tarantino als einem klassischen Theaterstück.

Doch Regisseur Fiedler, der das Stück beherzt gekürzt hat, ist an blutigem Realismus nicht interessiert. Das Leben und der Tod sind hier so flach und grau wie das Bühnenbild von Maria-Alice Bahra: gerade ein paar Zentimeter über das Nichts erhaben oder mit ihm sogar durch Löcher verbunden. Dabei reiht das Stück grellbunte Szenen aneinander. Als Kind muss Simplicissimus miterleben, wie seine Eltern getötet werden und ihr Hof in Flammen aufgeht. Im Wald wächst er bei einem Einsiedler auf, dem er bald helfen muss, das eigene Grab zu schaufeln. Zurück in der Welt gerät der Knabe unter die Soldaten, wird erhoben und zum Vieh degradiert. Simplicissimus erlebt Himmel und Hölle, wird gefürchteter Partisan und zwielichtiger Diplomat. Doch welche Rolle das Schicksal ihm auch zuteilt: Er ändert sich ebenso wenig wie die Welt.

Dass Fiedler weitgehend auf Humor und Pathos verzichtet und sich vor allem für die Stagnation in der schnellen Bewegung interessiert, macht den Abend nicht eben rasant. Dabei muss Florian Hertweck, einmal als Simplicissimus in die Bühnenwelt geworfen, fast atemlos von Szene zu Szene hecheln. Am Anfang drapiert er die Leichen seiner Eltern zu lebendigen Menschen, doch die Auferstehung reicht nur bis zu einem alle Hoffnung erstickenden Blöken. Später wird er gemeinsam mit Andreas Schlager die Seilschaften des Soldatenlebens ganz hautnah erleben oder als Eisläufer selbst über den stumpfen Boden gleiten: Ein bisschen Theaterzauber immerhin ist den Schauspielern vergönnt. Dazu zählt auch die schöne, lakonische Musik, die Martin Engelbach und Frank Wulff als aus der Zeit gefallene Bundeswehrsoldaten vom Bühnenhintergrund beisteuern.

Weil es so existenziell zugeht, sind die Schauspieler mit Ausnahme von Christian Kuchenbuch als Pfarrer oft fast nackt, oder vielmehr mehr als das: Die Uniform der unterschiedlichen Soldaten besteht aus unvorteilhaften Unterhosen, die die Hilflosigkeit und das Lächerliche des Nacktseins nur noch unterstreichen – der Mensch als Betriebsunfall der Schöpfung.

Manchmal sieht es so aus, als wolle Fiedler die Stagnation auf die Spitze treiben. An einer Stelle lässt er Simplicissimus immer wieder direkt das Publikum ansprechen. Doch bevor er, wie Einar Schleef es in seinem Theater geliebt hat, durch quälende Wiederholung einen anderen Bewusstseinszustand beim Publikum erzwingt, gibt er schon wieder auf: Die erste zahme Reaktion reicht zum Weiterspielen. Vielleicht ist der Abend deshalb fast eine halbe Stunde kürzer, als im Programmheft angekündigt. Darauf verzichtet man doch gerne.

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