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Kultur Am Ende ein Anfang
Nachrichten Kultur Am Ende ein Anfang
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11:34 24.01.2011
Von Stefan Stosch
Quelle: Wilde / Surrey
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Wenn die Routine überhandnimmt, wird's schwierig mit der Liebe. Und die Nervereien beginnen. Wenn Fred (Bruno Ganz) zum Beispiel mit dem Messer laut kratzend die Butter auf seinen Frühstückstoast streicht, verkriecht sich Anita (Senta Berger) lieber hinter ihrer Zeitung. Die beiden kennen sich schon seit Tanzschultagen - und nun müssen sie sich plötzlich die Frage stellen, was von ihrer Liebe geblieben ist.

Fred ist an Prostatakrebs erkrankt. Ein paar Jahre bleiben ihm noch, vielleicht auch weniger. Er will sich nicht behandeln lassen. Erst halten Fred und Anita den Befund geheim vor ihrer Familie und irgendwie auch vor sich selbst, dann ist die Nachricht raus. Die beiden müssen für sich klären, wie sie weitermachen wollen.

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Kompliziert wird's, weil ihm die Endlichkeit seines Daseins bewusster wird. Fred sagt: „Ich gehe jetzt ins Büro“, und Anita findet per Zufall heraus, dass er ganz woanders ist. Heimlich hat er sich eine Wohnung gekauft. Er brauche Rückzugsraum, sagt Fred. Und Anita sagt: „Entweder die Wohnung oder ich.“ Dann zieht sie erst einmal aus dem gemeinsamen Häuschen im Grünen aus und ein in ein Luxusaltenheim. Dort sitzt sie wie ein Hotelgast am Frühstückstisch und beobachtet die Mitbewohner, die schon so hilfsbedürftig sind, wie sie womöglich irgendwann sein könnte.

Für eine 1973 geborene Regisseurin ist das ein ungewöhnlicher Stoff, erst recht für einen Debütfilm. Andere Jungregisseure erzählen davon, wie Geschichten von Menschen ihrer eigenen Generation beginnen. Sophie Heldmans Abschlussfilm an der Berliner Filmhochschule handelt davon, wie zwei Menschen im Alter ihrer Eltern das Ende würdig zu gestalten versuchen. Inspiriert wurde Heldman nach eigenen Worten von einem Erlebnis aus ihrem privaten Umfeld. Das Drehbuch schrieb sie zusammen mit Felix zu Knyphausen.

Glücklicherweise ist „Satte Farben vor Schwarz“ kein Depri-, sondern ein Liebesfilm. Bewusst hat Heldman danach ihre Hauptdarsteller ausgesucht und mit Senta Berger und Bruno Ganz zwei hervorragende gefunden. Erstaunlicherweise stehen die beiden hier erstmals gemeinsam vor der Kamera. Ohne viele Worte zeigen Berger und Ganz seelische Verletzungen ihrer Figuren. Wenn Fred lacht, ist das kaum vom Weinen zu unterscheiden. Und wenn Anita gegenüber ihrem Sohn (Barnaby Metschurat), ihrer Tochter (Carina Wiese) oder ihrer Enkelin (Leonie Benesch) Stärke demonstrieren will, ist sie der Verzweiflung nah.

Ein Problem bleibt: Die beiden Protagonisten wirken - trotz ihrer beinahe siebzig Lebensjahre - zu jung. Nie hat man das Gefühl, dass sie mit körperlichem Verfall zu kämpfen haben. Anita spricht zwar von sich als „alter Frau“, aber das mag man bei ihrer strahlenden Erscheinung kaum glauben. Die Falten in ihrem ungeschminkten Gesicht lassen sich locker übersehen.

Und doch folgt man gern dem Weg dieses Ehepaars. „Satte Farben vor Schwarz“ wagt sich an die großen Lebensthemen, und nichts dabei wirkt altklug oder bedeutungsheischend. Die Regisseurin lässt ihren Darstellern genau wie dem Publikum viel Raum. Immer wieder räumt sie Lücken im Erzählstrom frei, die man selbst füllen muss. Umso erschreckender ist die Lösung, die sie für Fred und Anita bereithält. Zuvor aber entdecken die beiden tatsächlich ihre Gefühle neu. Einmal fragt er ganz vorsichtig: „Willst du noch mit mir zusammenbleiben?“ Hier klingt das wie ein Heiratsantrag, und so ist es wohl auch gemeint.