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Kultur Die Rückkehr der Wunderheilung
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18:49 10.04.2014
Von Daniel Alexander Schacht
Blutige Provokation: Joseph Beuys beim Fluxus-Event 1964 in Aachen. Quelle: Heinrich Riebesehl
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Hannover

Kakophonisches Kratzen statt klarer Klänge: So tönt ein Konzertflügel, wenn er brutal mit der Bogensäge als Streichinstrument missbraucht wird. So endet 1962 in Wiesbaden das „Festival Neuester Musik“. Und so beginnt die Serie jener Happenings und Performances, die damals Musik, Malerei und Theater als „Fluxus“ zum Avantgarde-Gesamtkunstwerk vereinigen, das schrille Aufmerksamkeit erheischt – aber auch schnell vorbei ist, verflossen eben.

Und jetzt, mehr als ein halbes Jahrhundert später, wird das Fluxus-Event im Sprengel Museum ein Revival erleben? Nicht ganz. Angeknüpft werden soll in dem Haus am Maschsee nicht an das erste und mit der Flügelzerstörung vielleicht kostspieligste Fluxus-Happening, sondern an die vor genau 50 Jahren inszenierte skandalträchtigste Fluxus-Performance. Daran haben Künstler und Kunstkenner wie Joseph Beuys, Wolf Vostell oder Bazon Brock teilgenommen.

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Dabei ist erstmals vom „erweiterten Kunstbegriff“ die Rede, werden Menschen, Materialien und Aktionen zu dem gruppiert, was Beuys später „soziale Plastik“ nennt. „Jeder Mensch ist ein Künstler“, lautet die Losung dazu. Noch ein Versuch also, Kunst in Leben zu überführen – wie man das aus der Dada-Bewegung vor fast hundert Jahren kennt.

„Wo soll ein solches Event stattfinden, wenn nicht in der Dada- und Schwitters-Stadt Hannover?“, begründet Sprengel-Museumschef Reinhard Spieler das Revival in seinem Haus. Immerhin erweist das Sprengel Museum damit einem Kulturereignis von durchaus internationalem Rang seinen Respekt. Schließlich war Fluxus eine globale Kunstbewegung, programmatisch entstanden 1961 in New York, mit Events, die außer in Deutschland unter anderem auch in Frankreich stattfanden – und so illustre Künstler wie John Cage, Nam June Paik, Yoko Ono oder George Macunias zur Aktion vereinigt haben.

Die Performance mit Beuys im Audimax der TH Aachen am 20. Juli 1964 ist nicht zufällig auf den Jahrestag des Hitler-Attentats datiert und auch sonst so auf Provokation inszeniert, dass das Ereignis aus dem Ruder läuft und Spontanität die Inszenierung an den Rand drängt – eigentlich der Glücksfall der Aktionskunst: Im Hintergrund tönt von einer Tonband-Endlosschleife das Goebbels-Gebrüll: „Wollt ihr den totalen Krieg?“, Wolf Vostell läuft mit einer Gasmaske herum, Joseph Beuys kocht Fett, und irgendwann wird auch hier ein Klavier beschädigt. Als einem Studenten Salzsäure auf die Hose kippt, versetzt er Beuys einen Hieb, sodass dessen Nase blutet. Der hannoversche Fotograf Heinrich Riebesehl hält wenig später die Szene fest, in der Beuys mit blutverschmiertem Gesicht ein Kruzifix präsentiert und den rechten Arm wie zum Hitler-Gruß streckt. Foto im Kasten, Skandal perfekt. Seit diesem Augenblick kennt jeder Joseph Beuys.

So dramatisch das Fluxus-Event im Sprengel Museum wohl nicht werden. Schließlich führt dabei ein älterer Herr die Regie: Benjamin Patterson ist einer der Veteranen der Fluxus-Bewegung, und der US-Amerikaner nimmt das Nahen seines 80. Geburtstags zum Anlass für eine Revival-Tour. In Genua und Zagreb war er schon, nach Hannover stehen noch Berlin, Köln, Tokio, Blois, Amsterdam, Brünn, Krakau und Schwerin auf dem Programm. Das Finale soll, wie einst der Start, in Wiesbaden sein.

Angekündigt ist „Dr. Ben’s Medicine Show“, bei der Patterson Wunderheilmittel all jenen verspricht, die zeitgenössische Kunst nicht verstehen. Das könnte im Museumsladen ein Renner werden. Sprengel-Chef Spieler empfiehlt indes eine andere Rezeptur: „Einfach mal entspannen, sich darauf einlassen und Spaß haben“, sagt er. Aber bleibt der Museumsdirektor auch mit Blick auf den bislang unversehrten Flügel im Museum entspannt? „Den Flügel“, sagt Spieler lachend, „haben wir schon weggeräumt.“
Heute um 18.30 Uhr im Sprengel Museum, Kurt-Schwitters-Platz, Eintritt 7 Euro.

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