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Kultur „Bücher! Jetzt wird alles gut!“
Nachrichten Kultur „Bücher! Jetzt wird alles gut!“
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00:20 11.10.2014
„Schweiß und Posie“ auf der Buchmesse: Die finnischen Autoren Harri Hertell (links) und Katariina Vuorinen in der mobilen Sauna. Quelle: Frank Rumpenhorst
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Frankfurt am Main

„Macht aus Ihrem Abteil eine Bibliothek.“ Mit diesem Werbeplakat für das hauseigene E-Book-Lesegerät ist Amazon im Zug nach Frankfurt sehr präsent. Passend zum Start der Frankfurter Buchmesse, zu der bis Sonntag rund 7000 Aussteller aus 100 Ländern sowie 300.000 Besucher erwartet werden, hat Amazon hierzulande eine 
E-Book-Flatrate in Höhe von 9,99 Euro im Monat angekündigt. Auf der Messe hingegen ist Amazon versteckt: Man muss erst an Geschenkartikeln und Grillratgebern vorbeikommen, um im letzten Winkel der Halle 8 den Stand von Amazon Publishing zu finden – den sich der konzerninterne Verlag mit vier anderen Anbietern teilt, darunter einem amerikanischem Schulbuchverlag. Man könnte also sagen: Auf der Buchmesse ist die Welt noch in Ordnung, hier fristet der Riese ein Zwergendasein.

Analoge und digitale Bücherwelt

Indirekt ist Amazon dann aber doch präsent – in Form all der Ideen, die die Buchbranche als Antwort auf die immense Konkurrenz durch das US-Unternehmen entwickelt hat. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels zeigt in einer Ausstellung Ergebnisse des Ideenwettbewerbs zum Thema „Wie kann man digitale Inhalte sichtbar machen?“ Viele der Programme orientieren sich an Kauf- und Lesegewohnheiten aus der analogen Welt, der Gewinnerbeitrag „Bookshelf 2.0“ imitiert das Stöbern im Buchladen.

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Die Buchmessen in Leipzig und Frankfurt treten alljährlich den Beweis an, dass gute Geschichten unabhängig vom Medium Erfolg haben. Exemplarisch steht dafür der britische Bestseller-Autor Ken Follett, der als smarter Entertainer vor geladenen Gästen bei der Messe in Frankfurt den Abschluss seiner Jahrhunderttrilogie vorstellt. Der Roman „Kinder der Freiheit“ spielt vor dem Hintergrund des Mauerbaus in Berlin. „Bei mir ist alles Geschichtliche wahr“, verspricht Follett.

Auf dem Blauen Sofa des ZDF zwischen den Hallen 5 und 6 geht es ebenfalls um Freiheit und 25 Jahre Mauerfall. Lutz Seiler, frisch gekürter Träger des Deutschen Buchpreises, erzählt von der „existenziellen Freiheitsphilosophie“, die sich sein Titelheld „Kruso“ aus Bloch, Rousseau und Schamanenkultur zusammengebastelt habe. „Er glaubt, die eigene Freiheit sei immer schon da, wie eine Wurzel in uns eingewachsen.“ Seine Utopie, auf Hiddensee einen Ort der Freiheit jenseits des DDR-Systems zu schaffen, scheitere jedoch. Als der Moderator Wolfgang Herles Seiler fragt, ob er bei all den durch den Roman inspirierten Reiseberichten schon zum Ehrenbürger von Hiddensee ernannt worden sei, antwortet Seiler bescheiden: „Eigentlich würde ich lieber weiterhin unbekannt bleiben, wenn ich dort wie jedes Jahr am ersten Advent in einer der wenigen geöffneten Kneipen Sanddornschnaps trinke.“ Mit seinem blau-weißen (Fischer-)Hemd, dem Dreitagebart und den tiefen Furchen im Gesicht sieht der Autor selbst aus wie ein Inselbewohner, der im Messegewimmel auf eine sympathische Weise deplatziert wirkt.

Eine Lesebühne weiter spricht die Bestsellerautorin Charlotte Link über den Krebstod ihrer Schwester. Davon handelt ihr autobiografisches Buch „Sechs Jahre: Der Abschied von meiner Schwester“. Auf der Messe spricht sie über das Schuldgefühl, als Autorin Karriere gemacht zu haben, während ihre Schwester um ihr Leben kämpfte.

Die dänische Autorin Janne Teller („Nichts“) will in dem Projekt „Frankfurt Undercover“ gemeinsam mit Kollegen wie Marica Bodrožic, Arnon Grünberg und Michael Kleeberg in einer neuen, nur für Autoren zugänglichen Lounge über die Bedrohung durch Extremisten im Irak und in der Ukraine diskutieren. „Die traditionelle, internationale Politik ist offenbar hilflos, also wollen wir in diesem Experiment nach alternativen Lösungen suchen“, sagt Teller zur Eröffnung der Lounge.

„Jääpähää“ und Mumins

„Under cover“, der doppeldeutige Titel, spielt auch auf Buchtitel an. Bei einem Bummel durch den Pavillon des Ehrengastes Finnland fallen dabei vor allem die unvertrauten Buchstabenkombinationen auf: „Jääpähää“ oder „Sina päätät itse, Jori“. „Cool“ wie das Motto des finnischen Messeauftritts ist es auch auf der Freifläche Agora. Bei dem Nieselregen wünscht man sich die fahrbare Sauna herbei, in der finnische Autoren unter dem Motto „Schweiß und Posie“ ihre Texte vorstellen. Unterschlupf gewährt aber auch der Mumin-Bus, eine mobile Bibliothek. Es riecht nach frischem Druck, und die allgegenwärtigen, nilpferdartigen Mumin-Trolle, die die finnische Autorin Tove Jansson vor 100 Jahren erfand, strahlen Gemütlichkeit aus. In einem Comic stöbert ein Mumin in einem Regal und stößt einen Seufzer aus, der auch als Motto dieser Messe dienen könnte: „Bücher! Jetzt wird alles gut!“     

Nina May

Am Rand der Frankfurter Messe

„Darf ich vorstellen, das ist Ihre Frau“: So begrüßte Bundespräsident Joachim Gauck gestern seinen finnischen Amtskollegen Sauli Niinströ, der verspätet zum Treffen mit Gauck auf der Buchmesse eintraf. Die beiden Präsidenten und ihre Frauen unternahmen einen Rundgang übers Frankfurter Messegelände.

Marente de Moor aus den Niederlanden, Ben Blushi aus Albanien und elf weitere Nachwuchsautoren wurden als Gewinner des Literaturpreises der Europäischen Union benannt. Je 5000 Euro bekommen die jungen Schriftsteller bei der Preisverleihung am 18. November in, natürlich, Brüssel. Ein deutscher Autor ist in diesem Jahr nicht unter den Ausgezeichneten.

Die E-Book-Nutzer rennen den deutschen Bibliotheken die Türen ein: Innerhalb eines Jahres hat sich die Zahl der digitalen Ausleihen auf mehr als sieben Millionen verdoppelt, gab gestern der Deutsche Bibliotheksverband in Frankfurt bekannt. Allerdings sorgt die Ausleihe auch für Ärger: Ungeklärt ist, welche Lizenzgebühren an die Verlage gehen.

Angela Plöger hat den finnischen Übersetzerpreis, dotiert mit 15.000 Euro, erhalten: Seit Jahrzehnten überträgt die gebürtige Danzigerin Literatur aus Finnland ins Deutsche. Auch die aktuellen Romane von Sofi Oksanen („Als die Tauben verschwanden“) und Katja Kettu („Wildauge“) hat Plöger übersetzt.

„Chili im Blut: Mein Tanz durchs Leben“: So heißt das Buch der Profitänzerin Motsi Mabuse, die zur Jury der RTL-Show „Let’s Dance“ gehört. In Frankfurt stellte sie die Neuerscheinung vor und sagte, was sowieso schon jeder wusste: „Frauen können besser tanzen als Männer. Leider.“

Zum 25. Geburtstag der UN-Kinderrechtskonvention hat Unicef einen Bildband herausgegeben: „We the Children“ zeigt auf rund 300 Seiten Fotos von verletzten oder unterernährten Kindern, aber auch von unbeschwert spielenden Mädchen und Jungen. „Hinsehen und handeln ist die Botschaft dieses Buches“, sagte der deutsche Unicef-Vorsitzende Jürgen Heraeus in Frankfurt.

Lutz Seiler, Gewinner des Deutschen Buchpreises, ist in Frankfurt ein gefragter Mann – und nicht nur dort: Die Nachfrage für seine Lesung bei der Lesetournee LiteraTour Nord am 13. November in Hannover ist so groß, dass der Auftritt vom Literaturhaus an der Sophienstraße ins Sparkassen-Forum am Schiffgraben 6–8 verlegt wird. Beginn des Auftritts: 19.45 Uhr.     

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