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Kultur Amazon verlegt jetzt auch Bücher
Nachrichten Kultur Amazon verlegt jetzt auch Bücher
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00:22 19.06.2014
Die Lagerebene des Amazon-Logistikzentrums in Leipzig.
Die Lagerebene des Amazon-Logistikzentrums in Leipzig. Quelle: Phil Noble
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Hannover

Groß war der Aufschrei der Buchbranche, als Amazon im Frühjahr ankündigte, jetzt auch Verlag zu spielen. Der Internethändler vertreibt Bücher seit März nicht mehr nur, sondern verlegt sie unter dem Label Amazon Publishing auch gleich selbst. Der Logistikriese, der den E-Book-Markt dominiert und dem stationären Buchhandel das Wasser abgräbt, macht dem traditionellen Buchmarkt nun auch im Verleger-Segment Konkurrenz und droht damit auch die Inhalte der Literaturwelt zu diktieren.

Wie diese Inhalte tatsächlich aussehen, war bislang kaum ein Thema. Das ist insofern kein Wunder, als es gar nicht so einfach ist, die verlagseigenen Bücher auf der Verkaufsplattform zu identifizieren. Die über Amazon Publishing publizierten Bücher werden auf der Website nicht einmal gesondert beworben, man muss schon gezielt danach suchen. Keine Spur von Crossmarketing.

Gerade mal vier Romane deutscher Autoren sind bislang erschienen. Johanna Danningers „Vorhofflimmern“ dreht sich um einen „äußerst attraktiven“ Assistenzarzt, der zu allem Überfluss auch noch Desiderio heißt, und den Herzschlag der Icherzählerin aus dem Takt bringt. Auch Emily Bolds „Klang der Gezeiten“ greift tief in die Kitschkiste; Der Roman handelt von einer Witwe, die am Meer und in den Armen eines Freundes Trost sucht. Die beiden anderen Titel (Alexander Hartungs Thriller „Bis alle Schuld beglichen“ und Babsy Toms Schmonzette „Liebesvergessen“ über eine junge Frau mit Amnesie) sind Neuauflagen alter Bücher. Verkaufszahlen veröffentlicht Amazon nicht.

Während die regulären Verlage ihre Herbstvorschauen verschicken, hüllt sich Amazon Publishing in Schweigen. Nicht einmal einen deutschen Ansprechpartner gibt es, erst wiederholte Nachfragen in den USA bringen Einblick in die Pläne: 200 Titel will Amazon Publishing in diesem Jahr noch auf den hiesigen Markt bringen - alle sowohl als E-Book wie auch als Printversion.

Im Juni und Juli kommen acht neue Titel heraus. Die Romane tragen Titel wie „Vor deinem Grab“ oder „Stirb für ihn“, es sind allesamt seichte Krimis und Romanzen. Heute erscheinen zwei neue Romane: „New York für Anfängerinnen“ von Susann Remke wirkt wie eine Mischung aus „Sex and the City“ und Sophie Kinsellas Frauenromanen. Das Debüt der New Yorker „Focus“-Korrespondentin handelt von der Modebloggerin Zoe Schuhmacher, die sich entlang der Benimmfibel „New York für Anfängerinnen“ durch die Großstadt und sich dabei ihren Nachbarn (h)angelt. Zeitgleich erscheint die Romanserie „Hoffnung auf Gansett Island“ der US-Autorin Marie Force, in der eine Frau nach dem Tod ihres Mannes auf die Insel zurückkehrt, wo sie einst glückliche Stunden mit ihrer Jugendliebe verbrachte. Beide Titel waren zuvor bereits E-Book-Bestseller im Selbstverlag.

Bewährte Verkaufsschlager statt neuer Autoren

Amazon setzt also auf bewährte Verkaufsschlager, statt neue Autoren zu entdecken. In gewisser Hinsicht ist Entwarnung angesagt: Mit einem solchen uninspirierten und wenig literarischen Programm wird Amazon die Inhalte der Buchwelt auch in naher Zukunft nicht diktieren. Ein anderer aktueller Fall zeigt jedoch, dass Amazons Marktmacht nicht zu unterschätzen ist: Der Konzern setzt Verlage unter Druck, um bessere Konditionen auszuhandeln. In den USA entfernte Amazon bei zahlreichen Titeln des Verlages Hachette die Möglichkeit zur Vorbestellung. Prominentes Beispiel: der neue Roman der Harry-Potter-Autorin J.K. Rowling, der in englischer Sprache und unter Pseudonym am 19. Juni erscheint. Leser aus den USA können ihn nicht vor dem Erscheinungstermin ordern.

Auch Leser aus Deutschland sind von Amazons Verhandlungstaktik betroffen. Sie müssen derzeit tagelang warten, wenn sie über die Internetplattform Werke des Cartoonisten Joscha Sauer („Nicht lustig“) oder den Krimi „Böser Wolf“ von Nele Neuhaus bestellen. Amazon will mit dieser Verzögerungsmasche bei den Verlagen bessere Konditionen im E-Book-Markt herausschlagen. Bislang gingen 30 Prozent der Verkaufserlöse an Amazon, zukünftig verlangt der Konzern die Hälfte. Wer nicht spurt, wie die Verlage Ullstein, Piper und Carlsen, hat das Nachsehen.

Angesichts solcher Methoden fordert der Börsenverein des deutschen Buchhandels ein neues Kartellrecht im digitalen Markt. Hauptgeschäftsführer Alexander Skipis zieht eine Parallele zum Verlagsgeschäft: „Amazon mag Autoren zunächst mit besseren Konditionen locken. Doch der aktuelle erpresserische Umgang mit Verlagen zeigt, wie der Konzern seine Partner, also dann auch die Autoren, ausbluten lässt. Am Ende wird Amazon auch im Verlagsbereich seine Marktmacht nutzen, um auf Kosten anderer noch mehr Gewinn herauszuholen.“ In einer Amazon-Pressemitteilung wird dagegen die Autorin Emily Bold („Klang der Gezeiten“) zitiert: „Ich habe mich entschlossen, mein Buch mit Amazon Publishing zu veröffentlichen, weil ich damit einen visionären Verlagspartner an meiner Seite habe, der flexibel auf die rasanten Veränderungen des Buchmarkts reagieren kann.“

Wenn es um die Zukunft der Buchwelt geht, gibt es eben mehr als nur eine Seite.

Von Nina May

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