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Kultur André Butzer zeigt Riesenformate und fröhliche Fingermalerei
Nachrichten Kultur André Butzer zeigt Riesenformate und fröhliche Fingermalerei
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22:46 25.05.2011
Von Johanna Di Blasi
Der Meister André Butzer vor seinem Gemälde. Quelle: Martin Steiner
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Seit gut 200 Jahren wird das Ende der Malerei proklamiert. Die Malerei sei tot, heißt es. Dass sich ungeachtet dessen immer noch Leute finden, die den Pinsel schwingen, gern auch auf großen Formaten, was mitunter ganz schön Cash einbringt und ein bequemes Künstlerdasein erlaubt, könnte man als vitalen Beweis gegen die These ansehen. Allerdings geht es in der „Tod der Malerei“-Debatte weniger um die Behauptung eines faktischen Endes der Malerei als um die Bezweiflung ihrer weiteren Entwicklungsmöglichkeiten. Insbesondere der schöne Mythos des evolutionären Fortschreitens von der gegenständlichen Malerei hin zur reinen Abstraktion hat heute kaum noch Anhänger.

Wenn Fortschrittsmythen nicht mehr greifen, hat man eigentlich wieder alle Freiheiten. Das russische Künstlerpaar Ilya und Emilia Kabakov konstruiert beispielsweise eine Kunstgeschichte nach eigenem Gusto. Es hat einen fiktiven Schüler erfunden, den 1970 geborenen Igor Spivak. In liebevoller Detailarbeit haben die Kabakovs dessen Œuvre gemalt – es zeigt deutliche Kabakov-Einflüsse – und eine Biografie erfunden. André Butzer hat auch jemanden erfunden: sich selbst.

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Der gebürtige Stuttgarter, Jahrgang 1973, dem die Kestnergesellschaft Hannover eine Einzelschau widmet, spricht von sich gern in der dritten Person. Seinen Stil bezeichnet er als „Science-Fiction-Expressionismus“. Butzer gibt vor, sein Œeuvre aus grau-schwarzen Abstraktionen sowie knallbunten Riesenformaten in der Manier fröhlicher Fingermalerei – neun derartige Werke sind in der Kestnergesellschaft zu sehen – gar nicht selbst gemalt zu haben, zumindest nicht bewusst. Er habe die Werke, auch die wild und expressiv wirkenden, eher mechanisch und serienmäßig hervorgebracht, sagte er am Mittwoch in Hannover. Tja, der Kunstmarkt fordert Nachschub wie am Fließband. Nicht von ungefähr nennt Butzer Henry Ford als Vorbild.

Die behauptete Distanzierung von sich selbst versetzt den Künstler in die Lage, sich mit Kritikeraugen quasi unvoreingenommen betrachten zu können. Der Kritiker Butzer hält große Stücke auf den Maler Butzer. Er hält ihn für den „wahrscheinlich besten abstrakten Maler der Welt“ – so lautet denn auch der Titel der Schau. In einer gestelzten Danksagung im Katalog erklärt der Künstler, dass nach dem „langen Ende der Pop Art“ sein in Hannover ausgestelltes Gemälde „Ich will erstmal ‘ne Cola“ – zwei schwarze Rechtecke auf grauem Grund – den entscheidenden Wendepunkt hin zum Künstler als Souverän der Produktion und Interpretation darstellt.

Das „sensible Werk“ sei ein „schier unantastbarer Monolith“, stelle sich zugleich aber selbst in Frage und sei mit seiner Kargheit Ausdruck von Bescheidenheit. Als Student an der Stuttgarter Merz-Akademie und der Hamburger Hochschule für Bildende Künste hatte Butzer das Problem, als Kunstverunglimpfer missverstanden zu werden. Seine Ausbildung blieb fragmentarisch. Als einer der legendären „Baudach-Boys“ (die international erfolgreiche Truppe um den Berliner Galeristen Guido W. Baudach) aber kam André Butzer in den Nullerjahren groß heraus.

Um die 70.000 Euro kosten nach Galerieangaben Butzer-Formate, wie sie in der Kestnergesellschaft hängen. Die Besucherschar wird sich unweigerlich in Begeisterte und Verärgerte spalten. Hier nur noch der Hinweis: So zynisch, wie er erscheinen mag, ist Butzer gar nicht. Neben Henry Ford ist der Romantiker Friedrich Hölderlin ein Bezugspunkt für ihn. Immerhin auch ein Schwabe.

Wirkliche Zyniker sind dagegen die beiden Flamen Jos de Gruyter & Harald Thys – und zwar geniale. Ihnen widmet die Kestnergesellschaft ebenfalls eine Schau. „Objekte als Freunde“ lautet der Titel. Aber die Objekte auf den grau grundierten Fotografien, die in Hannover in einem labyrinthischen Stellwandgefüge präsentiert werden, sind keine Freunde. Es sind Dinge, die kurz vor der Entsorgung zu stehen scheinen: Trash aus Haushalten, Utensilien aus Puppenstuben, Knetfiguren aus Hobbytöpferwerkstätten. All das ist in extremer Scharfstellung aufgenommen, mit Schatten, die sich wie vieles andere in den nur scheinbar realistischen Fotografien der Computermontage verdankt. Kein menschliches Auge kann so etwas erblicken, nur ein maschinelles. Hier triumphiert der Computerblick. Passend dazu tönt eine monotone Computerstimme aus einem Lautsprecher. Der Mensch ist abgeschafft oder ausgestorben. „Eine Affenpopulation in ferner Zukunft blickt auf Relikte menschlicher Zivilisation“ – so beschrieben die Künstler am Mittwoch ihren unterkühlten Blick auf die Dinge.

Als Betrachter bleibt man aber nicht kalt, sondern ist fasziniert von den Bildzwittern aus Realität und Manipulation.
Kestnergesellschaft, Goseriede 11, 27. Mai bis 14. August, Katalog von André Butzer 38 Euro, der Katalog zu „Objekte als Freunde“ folgt im August.