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Kultur „Azzurro“ für alle
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06:48 17.10.2014
Von Mathias Begalke
Ein bisschen Venedig in Maastricht: Orchesterchef André Rieu dirigiert für das Foto im Schlossgarten Komparsen und Journalisten.
Ein bisschen Venedig in Maastricht: Orchesterchef André Rieu dirigiert für das Foto im Schlossgarten Komparsen und Journalisten. Quelle: Massel
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Maastricht

Der Vergleich mit Bruce Springsteen scheint ihm gut zu gefallen. André Rieu horcht auf und lächelt. „Ich bin ein riesiger Fan“, sagt er. „Es ist ein Traum von mir, irgendwann einmal mit ihm gemeinsam aufzutreten.“ Und dann spielt der Geiger Luftgitarre, und nicht etwa Luft-Stradivari, und ahmt den Sound von Springsteens Telecaster nach: „Dwäng, dwäng, dwäng.“

Eine skurrile Vorstellung: der schunkelfreudige Walzerkönig und der sozialkritische Working Class Hero zusammen auf einer Bühne. Der Orchesterchef hat zum Medientag nach Maastricht eingeladen. Dort wurde der Niederländer vor 65 Jahren geboren, und dort lebt er bis heute. Er will sein neues Album „Eine Nacht in Venedig“, das Ende Oktober erscheint, bewerben. Er hat es wie
immer im eigenen Tonstudio aufgenommen. Der Komplex, wo Teil eins der PR-Show stattfindet, liegt in einem Gewerbegebiet. Er unterscheidet sich von außen kaum von den benachbarten Zweckbauten.

Innen wird frenetisch fotografiert und gefilmt, bis Rieu um Ruhe für die Pressevorführung bittet. Er lässt sein Orchester „Azzurro“ spielen, eines der Lieder vom neuen Album. Adriano Celentano hatte mit dem Song 1968 einen Nummer-eins-Hit in Italien. Der Sehnsuchtsschlager ist derart populär, man will ihn eigentlich mitpfeifen. Doch dazu lässt sich keiner der Journalisten hinreißen. Rieu vergoldet Gefühle. Das kann er perfekt. Wie viele Posaunen und Pauken, wie viel Pathos sind dafür nötig? Auf die Frage nach seinem Trick, wie genau er das denn mache, die Menschen zum Schwärmen zu bringen und mit Hymnen wie „You’ll Never Walk Alone“ selbst Männer zum Weinen, gibt er eine Antwort, die man von einem Gefühlevergolder auch erwarten kann: „Es ist kein Trick“, erklärt er streng, um dann sanft fortzufahren: „Es ist mein Herz, das mir sagt, dass ich es so spielen soll.“

Wenn er sich und seinen Sound beschreibt, spricht Rieu häufig von seinem Herzen, von Träumen und Gefühlen, die ihn leiten. So lieb ihm diese Wörter sind, so wenig gefällt ihm der Begriff „Trick“, weil er suggerieren könnte, dass er ein Schwindler wäre, dass es ihm vor allem darum ginge, reich zu werden. „Geld ist absolut nicht mein Antrieb. Wenn es das wäre, würde ich Pipelines bauen“, sagt er und erinnert an seine Fastpleite vor fünf Jahren – als wäre sie ein Beweis für Authentizität und Ehrlichkeit.

Damals hatte er zwischenzeitlich 34 Millionen Euro Schulden. Er hatte sich verkalkuliert. Aus Größenwahn, könnte man meinen. Tatsächlich aber waren die Produktionskosten für seine Konzerte wohl explodiert, weil Rieu, der Perfektionist, so detailverliebt ist. Der Johann-Strauss-Fan hatte als Kulisse die Fassade von Schloss Schönbrunn in Originalgröße nachbauen lassen – und das nicht nur einmal. Auch eine goldene Kutsche mit sechs Schimmeln war Teil der Show.

Alles soll damals der Bank gehört haben: die Marke Rieu, sein Studio, seine Stradivari und sein Maastrichter Schloss, das seiner Produktionsfirma als Zentrale dient. Dort geht auch Teil zwei der PR-Show über die Bühne. Bevor er Interviews gibt, posiert Rieu im Schlossgarten inmitten von etwa 20 Komparsen in venezianischen Karnevalskostümen und weit mehr als doppelt so vielen Reportern.

Man erfährt, dass er gern kocht, schnelle Autos und Tiere liebt, ganz besonders die Schmetterlinge in seiner Orangerie. Er erzählt auch, dass er schon als Kind Schlossbesitzer sein wollte, nicht wegen der drei Musketiere, sondern wegen „Tim und Struppi“. Denn der Comic-Held und sein Hund lebten zeitweise auch in einem Schloss.

Die Anekdote wirkt wie eine Klarstellung. Rieu will sich als ein Mensch verstanden wissen, der nicht aus Kalkül handelt, sondern intuitiv, der seine Träume lebt, auch Widerständen zum Trotz. Dies gilt auch für die Gründung seines eigenen Orchesters. Seinem Vater, der zu DDR-Zeiten Chefdirigent an der Leipziger Oper war, hatte Rieus Richtungswechsel gar nicht behagt. Erst kurz vor dem Tod lenkte er ein: „Du bist der Einzige, der so was machen kann“, lobte er den Sohn.„In einem Sinfonieorchester wollte ich nicht sterben“, sagt Rieu, der zu Beginn seiner Karriere in seiner Heimatstadt bei den Limburger Sinfonikern spielte. Die „gekünstelt-feierliche Atmosphäre“, der Dresscode schwarz und die ernsten Mienen passten ihm überhaupt nicht. Bei ihm dagegen herrscht vorwiegend Promenadenkonzert-Stimmung.

„Würde im Leben mehr gelacht, gäbe es weniger Kriege, denke ich“, sagt er, merkt aber selbst sehr schnell, wie kindlich-naiv dieserSatz klingt und fügt deshalb hinzu: „Ich meine das seriös.“
Das Album „Eine Nacht in Venedig“ erscheint am  31. Oktober. Im Januar und Februar 2015  tritt André Rieu mit seinem Orchester in Deutschland auf.

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