Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Andrej Kurkow: "Der Milchmann in der Nacht"
Nachrichten Kultur Andrej Kurkow: "Der Milchmann in der Nacht"
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:01 24.02.2010
Von Heinrich Thies
Anzeige

Die Geschichten sind alle ziemlich verrückt. Trotzdem kommen einem die Menschen, die darin verstrickt sind, ganz nahe. Der Ukrainer Andrej Kurkow erzählt in seinem neuen Roman „Der Milchmann in der Nacht“ von drei jungen Paaren, deren Schicksale auf groteske Weise Absonderlichkeiten seines Heimatlandes widerspiegeln.

Da fährt zum Beispiel Irina jeden Morgen bei Eiseskälte mit dem Bus nach Kiew, um sich für kargen Lohn ihre Muttermilch abpumpen zu lassen, während sie ihr Töchterchen von Milchpulver ernährt. Und anders als sie meint, wird ihre Milch nicht etwa einem Kind reicher Eltern zugeführt, sondern von einem Parlamentarier als Wundermittel genutzt. Als sie sich verliebt und nicht weiter als Amme herhalten will, schickt der Abgeordnete seine „Jungs“, um sie unter Druck zu setzen – bis ihr Freund die Bedränger schließlich aus dem Weg räumt.

Anzeige

Parallel erzählt Kurkow von dem Personenschützer Semjon, der nachts als Schlafwandler durch die Straßen von Kiew geistert und sich daher selbst observieren lässt, während sich seine Frau mit einer Apothekerswitwe anfreundet, die ihren ermordeten Mann mithilfe von Plastilin konserviert und als stummen Hausgenossen in die Wohnung holt. Der Zollbeamte Dima schließlich versucht sich an einem beschlagnahmten Koffer mit merkwürdigen Ampullen zu bereichern und gerät damit in große Schwierigkeiten. Zu seinem Glück sind führende Persönlichkeiten des Landes in die Koffer-Affäre verstrickt, sodass an einer Strafverfolgung kein Interesse besteht und die Sache auf höhere Weisung hin vertuscht wird. Ebenfalls zu seinem Glück überlebt auch sein Kater die Affäre – ein wahrer Katzenzombie, der nicht totzukriegen ist und sogar aus seinem eigenen Grab heraussteigt.

Erst ganz am Schluss verknüpft Kurkow die drei Erzählstränge und lässt das bizarre Geschehen in einem märchenhaften Finale enden. Ausgehend von den Alltagsmysterien kleiner Leute mit liebenswerten Defekten zeichnet der frühere Kameramann und Drehbuchautor das Bild einer durch und durch verkommenden Gesellschaft, deren Spitzen nur ihren persönlichen Vorteil im Auge haben. Fast jede Nacht etwa legen Frauen, die von Volksvertretern geschwängert wurden, ihre Babys demonstrativ vor dem Parlament ab.

Mit feiner Ironie und schwarzem Humor treibt der 48-Jährige, der in Deutschland mit seinem Roman „Picknick auf dem Eis“ bekannt wurde, seine Politsatire ins Extrem. Keinem, lautet die Botschaft seines Buches, ist in dieser Welt zu trauen. Ein Psychiater, bei dem die Beladenen Zuflucht suchen, erweist sich als führender Kopf einer Schattengesellschaft, die sich „Botschaft des Mondes“ nennt – und nicht nur Schlafwandler vereint.

Mit solchen Absurditäten mutet Kurkow dem Leser einiges zu. Doch mit der liebevollen Charakterisierung seiner Figuren, detailgenauen Schilderungen in Tschechow-Manier und dem Mut zu poetischen Bildern haucht er seinem Roman Leben ein. Nie kommt so das Gefühl auf, dass man es nur mit albernen Karikaturen zu tun hat. Kurkows Helden des Absurden sind leibhaftige Menschen.

Der Autor stellt sein Buch am Donnerstag, 25. Februar, 20.30 Uhr, in Lehmanns Buchhandlung in Hannover vor.

Weitere Informationen gibt es auch im HAZ-Kulturkalender

Autor

Andrej Kurkow

Titel

Der Milchmann in der Nacht

Untertitel

Aus dem Russischen von Sabine Greding

Verlag

Diogenes

Seitenzahl

340 Seiten

Preis

22,90 Euro