Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Zeichen und Wunder
Nachrichten Kultur Zeichen und Wunder
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:15 28.03.2014
Von Johanna Di Blasi
Ein Kraftzentrum: Der Lette Andris Nelsons am Dirigentenpult.
Ein Kraftzentrum: Der Lette Andris Nelsons am Dirigentenpult. Quelle: Borggreve
Anzeige
Hannover

Manchmal kann gerade das Undeutliche für vollkommene Klarheit sorgen. Zumindest beim Dirigieren: Die Zeichengebung eines Orchesterleiters entzieht sich in besonderen Momenten der Logik des Handwerks und scheint nach ganz eigenen, fast magischen Gesetzen zu funktionieren. Wie sonst soll man die seltsamen Bewegungen erklären, mit denen der lettische Dirigent Andris Nelsons bei seinem Pro-Musica-Auftritt mit dem City of Birmingham Orchestra im Kuppelsaal die Einsätze gibt? Im langsamen Satz des zweiten Klavierkonzertes von Johannes Brahms bringt er die Musiker mit einer Art überschwänglichem Handschütteln dazu, gemeinsam zu spielen. Statt einen einfachen, klaren Impuls zu setzen, öffnet Nelsons mit dem schnellen Auf und Ab seiner rechten Hand eher ein Zeitfenster, in dem der Akkord erklingen könnte. Die Musiker sind sich wie durch ein Wunder trotzdem einig: Der Akkord, mit dem die Phrase wunderbar verzögert abschließt, erklingt an allen Pulten gleichzeitig und tönt ungewöhnlich schwer und voll.

Man muss schon in der Musikgeschichte suchen, um Dirigenten zu finden, bei denen sich körperliche Präsenz und Musikalität so interessant verbinden wie bei Nelsons. Von Wilhelm Furtwängler sind unzählige Anekdoten über seine unklaren Einsätze überliefert – der besonders freie, dunkle Klang, den das hervorrief, kann man noch heute auf Aufnahmen hören. In jüngerer Vergangenheit war es vor allem Lorin Maazel, der allein mit dem Taktstock mehr bewegen konnte als viele seiner Kollegen.

Nelsons braucht heute noch nicht einmal einen Dirigentenstab. Nicht selten legt er ihn beiläufig aus der Hand, um die Finger frei zu haben für andere, unkonventionelle Bewegungen aus seinem anscheinend unerschöpflichen Zeichenrepertoire. Es ist ein Vergnügen, den 35-Jährigen bei der Arbeit zu beobachten. Und es scheint ein Vergnügen zu sein, mit ihm zu arbeiten: Die Musiker aus Birmingham sind sehr engagiert bei der Sache und können als Kollektiv die kleinen Schwächen ihrer Solisten bei Weitem aufwiegen. Jede Streicherfigur ist bis zum Ende gespannt und mit satten Tiefen abgefedert.

Nie droht ein Tempo zu verschleppen, immer stimmt die Balance zwischen den Orchestergruppen. Seit 2008 ist Nelsons Musikdirektor bei den Engländern. Die Klangkultur, die Musiker und Dirigent seither entwickelt haben, ist beispielhaft. Zum Ende der Saison wird der Lette Birmingham allerdings verlassen, um die Leitung des Boston Symphony Orchestra zu übernehmen. Und schon jetzt wird sein Name hoch gehandelt, wenn darüber spekuliert wird, wer in vier Jahren Simon Rattle bei den Berliner Philharmonikern beerben wird.

In Hannover war nun zu erleben, dass es sehr gute Gründe für eine solche Karriere gibt. Nelsons und sein Orchester sind etwa auch hervorragende Begleiter. Das späte Brahms-Klavierkonzert bietet trotz seiner strengen Konstruktion viele Gelegenheiten, das zu beweisen. Nelsons und die französische Pianistin Hélène Grimaud können sich eine sehr flexible Tempogestaltung leisten. Wenn bei ihnen die Musik gestaut wird, gerät sie danach nur noch mitreißender in Fluss. Das Allegro appassionato des zweiten Satzes klingt so tatsächlich leidenschaftlich und scheint trotz seiner Länge von fast zehn Minuten wie auf einem einzigen langen Atemzug gespielt. Als Zuhörer bleibt man jedenfalls nach dem letzten Akkord atemlos zurück.

Natürlich hat die Solistin, die gerade in diesem Satz einige ungewöhnliche Dissonanzen schön herausarbeitet, Anteil an dieser Wirkung. Doch verglichen mit dem unwiderstehlichen Zug und dem plastischen Klang des Orchesters wirkt ihr zweifellos virtuoses Spiel gleichsam neutral. Grimaud sucht nicht die unterschiedlichen Tönungen in dem Stück, sondern bleibt bei einer hellen Farbe, der sie bei größerer Lautstärke zusätzliche Spitzen verleihen kann. Ein Kraftakt bleibt das knapp einstündige Konzert allemal. Trotz des begeisterten Applauses gibt es daher keine Zugabe.
Auch nach der Auswahl aus Sergej Prokofjews Ballettmusik zu „Romeo und Julia“ folgt keine weiteres Stück. Aber spektakulärer als mit diesen Orchester-Show-Stücken hätte das Konzert kaum zu Ende gehen können. Nelsons ist der richtige Mann, um diese effektvolle Musik auch effektvoll zu servieren: All die überraschenden harmonischen Wendungen, die blitzenden Schlagzeugeinwürfe und die schwindelerregend eng verzahnten Nachschläge klingen noch beeindruckender, wenn Nelsons sie mit seiner unglaublich virtuosen und doch natürlichen Schlagtechnik hervorhebt. Am Ende scheint sogar ein gewaltiger Paukenschlag durch seinen Körper zu laufen. Die Energie, die von diesem Mann ausgeht, elektrisiert den ganzen Saal.

Am 10. April spielt das Rotterdam Philharmonic Orchestra im Kuppelsaal. Solistin ist die Geigerin Lisa Batiashvili, Yannick Nézet-Séguin dirigiert. Karten: (05 11) 36 38 17.

Kultur Höchstdotierter Preis für Kinder- und Jugendliteratur - Schwedin erhält den Astrid-Lindgren-Preis
25.03.2014
Kultur Notunterkünfte in Krisengebieten - Shigeru Ban gewinnt Pritzker-Preis
25.03.2014
Kultur The Australian Pink Floyd Show - Augen zu, Känguru
25.03.2014