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Kultur Angeblich Caravaggio-Zeichungen aufgetaucht
Nachrichten Kultur Angeblich Caravaggio-Zeichungen aufgetaucht
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19:41 06.07.2012
Echt oder falsch: Der Soldat auf einer der in Mailand gefundenen Zeichnungen hat motivische Ähnlichkeiten mit dem alten Soldaten auf Caravaggios „Bekehrung des Paulus“.dpa Quelle: Ansa
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Hannover

In einem Mailänder Schloss, dem Castello Sforzesco, wollen italienische Kunstexperten rund hundert Frühwerke des Barockmalers Michaelangelo Merisi (1571 oder 1573 bis 1610), genannt Caravaggio, entdeckt haben. Die Bilder, vor allem Zeichnungen, waren nicht im Dachboden oder in einer Kammer der Zitadelle versteckt, sondern als Teil des Nachlasses von Caravaggios Lehrer seit Jahrzehnten für Forscher zugänglich. Erst jetzt wagen zwei Wissenschaftler, Maurizio Bernardelli Curuz und Adriana Conconi Fedrigolli, die Zuschreibung Dutzender Blätter aus der Werkstatt des spätmanieristischen Meister Simone Peterzano an dessen berühmten Schüler.

Nach Angaben der italienischen Nachrichtenagentur Ansa kamen die Forscher nach zweijähriger Recherche zu dem Schluss, dass es sich um Jugendwerke Caravaggios handle. Den Wert des Konvoluts beziffern die Entdecker mit 700 Millionen Euro. Wenn es sich tatsächlich um Caravaggio-Werke handeln sollte, wäre das eine Weltsensation. Dann wäre das Œuvre des für seine dramatischen Hell-Dunkel-Effekte in der Malerei ebenso wie für seinen ruhelosen Lebenswandel bekannten Künstlers nicht nur auf einen Schlag mehr als verdoppelt, sondern es wären die ersten bekannten Caravaggio-Zeichnungen überhaupt.

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Nur zwischen 70 bis 90 Gemälde konnten dem Maler, der mit nur 39 Jahren gestorben ist, bisher zugeschrieben werden. Ein einziges Gemälde hat er signiert: das in drastischer Realistik gehaltene Werk „Die Enthauptung Johannes des Täufers“, und zwar setzte Caravaggio seine Signatur in Rot neben eine Blutlache. Keine einzige Zeichnung aber konnte dem Künstler bislang zugeschrieben werden. Caravaggio gilt als der Maler, der nicht zeichnete.

Am Donnerstag wandten sich die Forscher mit ihrer angeblichen Entdeckung an die Presse. Beim Internetbuchhändler Amazon stellten sie zeitgleich eine zweibändige Studie zu den im Besitz der Stadt Mailand befindlichen Werken auf Englisch, Italienisch und Deutsch zum Download bereit, für 17,50 Dollar pro Band zum Downloaden aufs E-Book.

Bei Kunsthistorikerkollegen mischt sich Staunen mit ungläubiger Verwunderung. „Ich kann’s mir eigentlich nicht vorstellen“, sagt Sabine Söll-Tauchert, die 2006 Projektleiterin der großen Düsseldorfer Ausstellung „Caravaggio - Auf den Spuren eines Genies“ war. Hart fällt das Urteil der Grande Dame der Caravaggio-Forschung, Sybille Ebert-Schifferer, aus. Die Direktorin der Bibliotheca Hertziana - Max-Planck-Institut für Kunstgeschichte in Rom sagte gestern gegenüber der HAZ: „Die Geschichte ist ein Sommerloch-Heißluftballon“. Kein Caravaggio-Experte habe von den Forschungen gewusst. Als „sehr unseriös“ bezeichnete Ebert-Schifferer die Art der Veröffentlichung. Üblich sei es, derartige Thesen Kollegen in Kongressen zur Diskussion vorzulegen. Der Bestand an Zeichnungen in Mailand sei „lange bekannt gewesen und x-mal durchforscht worden. Es gibt keinerlei Kriterien for eine derartige Zuschreibung“.

Erst im vergangenen Jahr sei in Ottawa ein „Heiliger Augustinus“ ausgestellt gewesen, der angeblich von Caravaggio stammen sollte. „Nur die Entdeckerin ist davon überzeugt, dass es ein Original ist, sonst niemand“, sagt die Expertin. Die letzte sichere Zuschreibung liege 22 Jahre zurück: Sie betraf 1990 das Gemälde „Gefangennahme Christi“ der National Gallery of Ireland in Dublin.

Maurizio Bernardelli Curuz und Adriana Conconi Fedrigolli argumentieren damit, eine erkennbare Handschrift identifiziert zu haben, ein „geometrisches Regelwerk“. Sie verweisen auch auf Motivähnlichkeiten, beispielsweise einer Kopfstudie eines alten Mannes mit dem Soldaten auf dem 1600 entstandenen Gemälde „Die Bekehrung des Paulus“. Das hieße allerdings, dass schon der 14- oder 15-jährige Knabe das spätere Gemäldemotiv im Kopf gehabt hätte.

Ein Mordskünstler war Caravaggio auf jeden Fall. Seine Biografie bietet nicht nur Kunsthistorikern Stoff, sondern auch Krimiautoren. Im Caravaggio-Jahr 2010 erschienen viele Publikationen, eine Ausstellung in Rom besuchten mehr als eine halbe Million Menschen, und die Gebeine des Künstlers wurden exhumiert und mit DNA-Analyse und Radiokarbonmethode geprüft. In Deutschland hängen nur zwei Bilder des Meisters: „Amor als Sieger“ in der Berliner Gemäldegalerie und „Der ungläubige Thomas“. Diese gelten als eigenhändige Werke des Meisters.

Johanna di Blasi

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