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00:15 05.03.2014
Von Johanna Di Blasi
Quelle: Screenshot
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Berlin

Große flauschige Engelsflügel bewegen sich. Ganz sachte, so als würde ein warmer Sommerwind sie streicheln. Eine Mutter senkt den Kopf, um ihr Kind zu küssen. Ein kleines Mädchen mit puderweißer Haut, schön und ernst, trifft mit einem Wimpernschlag mitten ins Herz. Lebt es denn? Die Gruppe um das vom Körper grausam abgetrennte Haupt des Täufers bewegt sich wie in Slow Motion. Gruselig! Ein Zoom zieht den Blick in eine wundervoll üppige Sommerlandschaft. Man hat das Schwindel erregende Gefühl, in die gemalte Szene einzutauchen.
Die Künstler der italienischen Renaissance begriffen erstmals Malereien als Fenster, in die das Betrachterauge „einsteigen“ kann. Der junge italienische Animationsfilmer Rino Stefano Tagliafierro treibt das jetzt mit Mitteln digitaler Bildbearbeitung in ein so noch nie gesehenes Extrem. In seinem zehnminütigen Kurzfilm „Beauty“ hat er bekannten Meisterwerken aus großen Museen der Welt Leben und Seele eingehaucht: Bildern von Tizian, Rembrandt und Vermeer. Die gemalten Gestalten aus Bildern von der Renaissance über die Romantik bis zum Neoklassizismus scheinen in der 2D-Animation tatsächlich zu atmen. In Landschaften wechselt die Beleuchtung, so als gäbe es wirklich eine Sonne, die langsam über den Himmel zieht.


Im Internet wurde der Film binnen von drei Wochen überraschend 3,5 Millionen Mal angesehen. Bewunderer hinterlegen entzückte Kommentare. Wildfremde Menschen bedanken sich bei dem italienischen Filmemacher. Europäer, Asiaten, Amerikaner und ganz besonders viele Franzosen sind darunter. „Das ist wirklich die wundervollste Sache, die ich mir je erträumt habe“, sagt Tagliafierro, der „Beauty“ als Fleißaufgabe in seiner Freizeit gebastelt hat. Beruflich beschäftigt er sich mit Werbe- und Modevideos, beispielsweise für die Häuser Marras und Kenzo. Nun hofft er, dass Filmfestivals „Beauty“ – der Titel wäre vielleicht noch optimierbar – in ihr Programm aufnehmen und die betörend bis gespenstisch animierten Gemälde auch dort Furore machen.

Mit seinem Beitrag habe er schlicht die „wichtigsten Empfindungen“ im menschlichen Leben beschreiben wollen, Liebe, Erregung, Angst, Schmerz, Tod, sagt der 1980 geborene Filmemacher, der seine Ausbildung in Urbino und Mailand absolvierte. In der Kunst sind Emotionen faszinierenderweise oft klarer herausgeschält als im tatsächlichen Leben. Deswegen bediente sich der Italiener beim historischen Bildrepertoire.

Mehr als 100 Gemälde wählte er für „Beauty“ aus, angefangen beim barocken Meister der Licht-und-Schatten-Kontraste Caravaggio bis hin zu William Adolphe Bouguereau, einem französischen Vertreter des klassischen Realismus des 19. Jahrhunderts. Vor allem Bouguereaus zuckersüße Engel, Mythenwesen und Kindchen gewinnen durch die Animation, während die Dramatik von Caravaggio oder Rubens selbst durch Bewegung kaum zu steigern ist. Den Abschluss bildet Caspar David Friedrichs „Abtei im Eichwald“ aus der Alten Nationalgalerie in Berlin.
Manches Gemälde bekommt durch die Animation etwas Unheimliches. Auch die Erotik von Motiven erscheint durch die Bewegtheit gesteigert. Bei gemalten Kinderporträts birgt das ein beunruhigendes Moment. Der Filmemacher wollte freilich keinen Beitrag zu aktuellen Debatten zu Pädophilie und Kunst liefern, wie sie derzeit etwa mit Blick auf Aktfotografien von Balthus geführt werden. Sein kleiner Film führt aber vor Augen, wie viele Freiheiten sich Künstler schon immer genommen haben.

Die Technik hinter „Beauty“ sei nicht besonders komplex, sagt der Videofilmer, die Prozedur aber lang und arbeitsintensiv. „Ich brauchte zirka fünf Monate.“ Zuerst habe er jedes Kunstwerk einzeln mit „photo editing software“ bearbeitet. Mit digitaler „cut-out“-Technik habe er Elemente vom Hintergrund gelöst und dort Ergänzungen vorgenommen, wo Teile auf den Gemälden verdeckt waren. Dann erfolgte die Animation mit „post-production-software“. Den Sound steuerte der Sounddesigner Enrico Ascoli bei.

Als größte Schwierigkeit bei dem Unterfangen bezeichnet Tagliafierro, „mit den Bewegungen nicht zu übertreiben“. Schnelle Gesten hätten die Szenen unnatürlich wirken lassen. Das Ergebnis hätte artifiziell ausgesehen. „Ich habe den ‘flow’ der Gesten deswegen durch das gesamte Video hindurch möglichst minimal gehalten“, sagt Tagliafierro. Gerade dadurch wirken die Ölgemälde in „Beauty“ wundersam beseelt. Man braucht kein Kunstkenner zu sein, um das „beautiful“ zu finden.

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