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Kultur Anish Kapoor stellt in Berlin aus
Nachrichten Kultur Anish Kapoor stellt in Berlin aus
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20:38 20.05.2013
Von Johanna Di Blasi
Foto: Förderband und Ölgeruch: Der Künstler Anish Kapoor stellt seine Werke im Martin-Gropius-Bau in Berlin aus.
Förderband und Ölgeruch: Der Künstler Anish Kapoor stellt seine Werke im Martin-Gropius-Bau in Berlin aus. Quelle: dpa
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Berlin

Der britisch-indische Maler Anish Kapoor ist derzeit wohl Deutschlands liebster Künstler. Vor der Eröffnung seiner großen Ausstellung im Berliner Martin-Gropius-Bau sagte er in einem Interview mit der britischen Zeitung „The Guardian“, in Deutschland würden Künstler ernst genommen, das intellektuelle und ästhetische Leben werde gefeiert, Kunst gelte als wichtige Bildungsaufgabe. In Großbritannien jedoch sei das genaue Gegenteil der Fall: „Seit der Aufklärungszeit fürchten wir uns vor allem Intellektuellen, Ästhetischen und Visuellen.“

Allerdings widerspricht diesem Befund die hohe Wertschätzung, die der Künstler, immerhin Träger des Turner-Preises, gerade in Großbritannien genießt. Im Jahr 2012 durfte er sogar das Wahrzeichen für die Olympischen Spiele in London entwerfen, den 115 Meter hohen Stahlturm „The Orbit“. In Berlin ist Kapoor mit rund 70 Werken im gesamten Erdgeschoss und im Lichthof des Gropius-Baus zu sehen. Monumentale Werke sind da theatralisch in Szene gesetzt und beleuchtet: riesige Skulpturen aus gelben und roten Pigmentwachs-Mischungen, verklumpte Erdformationen, die wie geologische Ablagerungen aus der Urzeit erscheinen, und Plastiken, von denen schwer zu sagen ist, ob sie Höhlen oder das Innere von Körpern zeigen.

Im Lichthof führt ein leise rasselndes Förderband rote Farbklumpen mit sich. Es riecht ölig. Die Klumpen, die an gefrorenes Fleisch erinnern, fallen meterweit in die Tiefe. Eine mattrote Sonnenscheibe steht über der Installation mit dem Titel „Symphony for a Beloved Sun“. Das Werk wirkt wie ein düsteres Gegenbild zur optimistisch-futuristischen Oper „Sieg über die Sonne“ von Kasimir Malewitsch aus dem Jahr 1913. Es weckt Assoziationen an geheime Keller eines menschenvernichtenden Unrechtsregimes.

„Die Farbe ist eine visuelle Realität. Ich zeige die Dunkelheit des Rot. Weil Blut in unseren Körpern fließt, wissen wir exakt, was mit Dunkelheit des Rot gemeint ist“, sagt der Künstler mit mysteriösem Lächeln. Ähnlich wuchtig ist auch sein drei Räume füllendes Werk „Der Tod des Leviathan“. Der Titel zitiert den britischen Staatstheoretiker und Philosophen Thomas Hobbes, der den Staat im Verhältnis zum Individuum eben als Ungeheuer beschrieben hat.

Kapoors Leviathan ist eine riesige schokobraune PVC-Plane. Ihn habe schon länger die Vorstellung interessiert, wie wohl die bloße Hülle des zusammengesunkenen Leviathan aussehen mag, sagt der Künstler und macht eine Bewegung, als würde er selbst in sich zusammensinken. Der Kulturwissenschaftler Horst Bredekamp schreibt im Katalog über dieses Werk: „‚Der Tod des Leviathan‘ stellt die Prognose, dass die Zukunft der staatsfreien Gemeinschaft, erhofft oder beklagt, bereits begonnen hat. Dass der Zustand eines ‚failed state‘ keinesfalls eine befreite Anarchie, sondern Terror und Machtmissbrauch bedeutet, wird angesichts des mitleiderregenden Grauens dieser erlöschenden Skulptur offensichtlich.“

Auch in „Apokalypse und das Millennium“ oder in „Gethsemane“, einer raumfüllenden Arbeit, in der das beklemmende Fleischrot aus der Lichthofinstallation wiederkehrt, schlägt der Künstler eine schwere und melancholische Tonart an. Dazwischen finden sich große Spiegelbilder, konkave, konvexe oder hexagone Spiegel, in denen Besucher verzerrt und geisterhaft erscheinen: wie Fremdlinge zu Besuch in einer merkwürdigen Welt, mit ungewohnten Maßstäben und unbekanntem Alter.

Kapoor – ein Magier der Inszenierung – bildet aber auch einen Gegenpol: Der Titel des Werks heißt „Shooting into the Corner“ – „In die Ecke schießen“. Es ist eines der wenigen Kunstwerke, deren Betrachtung Ohrenschutz erfordert. Im Museum liegen schallschützende Kopfhörer bereit. Eine wuchtige Kanone donnert alle zwanzig Minuten mit einem mächtigen Wumms, der das ganze Haus erschüttert, dicke rote Farbpatzen in die Ecke. Bei dieser Spielart von Paintball knallt, klatscht und spritzt eine rote, wachsig-ölige Substanz an Wände und Decke. Im Laufe der Ausstellung wird sich der Raum mehr und mehr füllen.

Radikale Gegenstücke sind ältere Werke des Künstlers, die ebenfalls in Berlin zu sehen sind. Mit Kohle und schwarzen Pigmenten verkleidet Kapoor Löcher, die sich in Parkettböden auftun oder im Inneren von Steinen. Die Löcher erscheinen unauslotbar tief. Der 59-jährige Künstler, der 1992 einer der Stars der documenta IX war, regt mit seinen Werken vielfältige Assoziationen an. Letztlich aber geht es um den sinnlichen Eindruck. Wie Jackson Pollock ist er ein abstrakter Maler. „Abstrakte Kunst erlaubt es Inhalten, in Erscheinung zu treten, anstatt bestimmte Bedeutungen zu übermitteln“, sagt er. Eine Inspirationsquelle für seinen obsessiven Umgang mit Farbe mag ein hinduistisches Fest mit dem Namen „Holi“ sein. Dabei werden Pigmente in den Straßen verstreut, bis diese indigo- oder purpurfarben strahlen.

Anish Kapoor, Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstraße 7, Berlin, 18. Mai bis 24. November, mittwochs bis montags 10 bis 19 Uhr. Katalog ist in Arbeit. Weitere Informationen gibt es unter: www.gropiusbau.de

Johanna Di Blasi 17.05.2013