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Kultur Anna Eunike Röhrig: "Mätressen und Favoriten"
Nachrichten Kultur Anna Eunike Röhrig: "Mätressen und Favoriten"
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09:39 08.11.2010
Von Simon Benne
Anna Eunike Röhrig: "Mätressen und Favoriten". Madame Pompadour in einem Stich aus dem 18. Jahrhundert, zwischen der Macht der Liebe und der Liebe zur Macht.
Anna Eunike Röhrig: "Mätressen und Favoriten". Madame Pompadour in einem Stich aus dem 18. Jahrhundert, zwischen der Macht der Liebe und der Liebe zur Macht. Quelle: dpa
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Sie stammte aus dem jüdischen Getto von Moskau, und als sie 1838 nach Paris kam, lebte Esther Lachmann zunächst in einem Elendsquartier. Doch sie hatte ein Gespür dafür, wie schöner Schein dem kargen Sein aufhelfen kann. So investierte sie in ihre Garderobe und angelte sich den Marquis de Paiva, dem sie gleich nach der Hochzeitsnacht den Laufpass gab: „Du wolltest mit mir schlafen und gabst mir Deinen Namen. Ich wollte Deinen Titel, also sind wir quitt.“ Als „La Paiva“ wurde sie die Dauergeliebte des schwerreichen Grafen Guido von Henckel-Donnersmark, der sie mit Geld und Geschmeide überhäufte. Als sie 1884 starb, ließ er ihre nackte Leiche auf seinem schlesischen Schloss in einem Glastank voll Spiritus konservieren. Als seine Frau diesen zufällig entdeckte, erlitt sie einen Nervenzusammenbruch.

La Paivas Lebenslauf zählt zu rund 250 Biografien, die Anna Eunike Röhrig in ihrem Buch „Mätressen und Favoriten“ zusammengetragen hat, das jetzt im Historischen Museum Hannover vorgestellt wurde. In jahrelanger Arbeit hat die Hildesheimer Dombibliothekarin die Viten illustrer Persönlichkeiten akribisch recherchiert. Herausgekommen ist eine Mischung aus biografischem Lexikon und Schmöker, ungemein unterhaltsam geschrieben, manchmal süffisant, selten schlüpfrig oder voyeuristisch.

Staaten unterhalten Beziehungen. Menschen auch. Und in früheren Zeiten war das eine bisweilen Ausdruck des anderen. Liebesheiraten waren in Europas feudalen Kreisen eher ungewöhnlich. Man ehelichte aus Staatsräson. Für Leib und Seele hielt sich der Herrscher Mätressen, und oft war nicht ganz klar, wer von diesem Ehebruch coram publico stärker profitierte. Die legendäre Madame Pompadour etwa soll es unter Ludwig XV. zur heimlichen Premierministerin gebracht haben. Offizielle Geliebte des Königs zu sein, war eine begehrte Position. Allerdings erwuchs die Macht einer „Maîtresse en titre“ allein aus der Gunst des Herrschers, und die Schar der Neider war groß – zumal sich alle Fehler des sakrosankten Herrschers leicht dem verderblichen Einfluss der Mätresse ankreiden ließen.

Während man Frauen keine Eskapaden zugestand – Katharina die Große war als nymphoman verschrien, weil sie sich Favoriten hielt – waren edle Kurtisanen für Männer teils Statussymbol. Ludwig XIV. pflegte seinen Ruf als barocker Womanizer besonders gründlich. Prompt ging auch Preußens König Friedrich I. – immer darauf bedacht, den großen Franzosen zu kopieren – neben seiner Ehe noch eine Beziehung mit der aparten Reichsgräfin Catharina ein. Nur zum Schein, um des Renommees willen. „Man könnte eher die Muscheln am Strand von Scheveningen zählen als meine galanten Abenteuer“, bekannte Catharina am Ende ihres Lebens – doch Friedrich sei nicht darunter gewesen.

Das Buch schlägt große Bögen durch die Jahrhunderte. Es erzählt von der polnischen Priestertochter Roxelane, die als Sklavin in den Orient verkauft und 1534 Hauptfrau von Sultan Suleyman I. wurde. Es erzählt von Anna Eva Paula Hitler (geborene Braun), von Callgirl Christine Keeler, die 1963 als Geliebte des britischen Kriegsministers eine Regierungskrise auslöste, und von Monica Lewinsky, bekannt geworden als Praktikanten im Weißen Haus. Vor allem aber erzählt es von der Wandelbarkeit der Sexualmoral.

So pflegte ausgerechnet die verwitwete Queen Victoria, die als eine Art Schirmherrin aller Prüderie gilt, ein ausgesprochen herzliches Verhältnis zu ihrem Leibdiener John Brown. Der Mann, der dem Alkohol verfallen war, durfte morgens sogar unangemeldet ihr Schlafzimmer betreten. Ehe sie 1901 starb, verfügte sie, dass ihr eine seiner Locken in den Sarg gelegt werden sollte.

Vielleicht zum ersten Mal hat Röhrig auch eine Fülle an gleichgeschlechtlichen Beziehungen zusammengetragen. Die Quellenlage ist ungünstig, denn hier war Diskretion teils überlebenswichtig: Nach der Halsgerichtsordnung von Karl V. etwa drohte Homosexuellen der Scheiterhaufen. Bayerns schwuler Märchenkönig Ludwig II. litt zudem unter Gewissensqualen ob seiner Neigung. Seine große Liebe war Paul von Thurn und Taxis. Als der junge Monarch 1865 seinen 20. Geburtstag feierte, ließ sich sein Ordonanzoffizier in silbriger Rüstung zu „Lohengrin“-Klängen in einem künstlichen Schwan, erhellt von elektrischem Licht, über den Alpsee zu seinem König ziehen. Später trennten sie sich im Streit.

Auch Friedrich der Große tauschte intime Briefe mit seinem Kammerdiener Michael Gabriel Fredersdorf aus. Kennengelernt hatten sie einander, als der junge Friedrich nach einem Zerwürfnis mit seinem despotischen Vater inhaftiert war. Gegen das Verbot des Vaters, der Musizieren für weibisch hielt, intonierte Fredersdorf mit Friedrich Flötenduette. Voltaire ätzte später, Fredersdorf diente Friedrich „auf mehr als eine Weise zur Unterhaltung“.

Als Friedrichs homosexueller Bruder, Prinz Heinrich, allerdings seinen Adjutanten Christian Ludwig von Kaphengst in seinem Schloss Rheinsberg aufnahm, reagierte Friedrich pikiert. Der gut aussehende Kaphengst war ein Freund ausschweifender Feste, Heinrichs kostspielige Gunstbezeugungen gingen dem strengen König wohl zu weit. Er schickte seinem Bruder 10 000 Goldtaler mit der Auflage, Kaphengst zu entlassen. Heimlich setzten die beiden ihr Verhältnis indes noch über Jahre fort.

Anna Eunike Röhrig: „Mätressen und Favoriten“. Matrix Media. 480 Seiten, 24,90 Euro.

Martina Sulner 08.11.2010
Ronald Meyer-Arlt 08.11.2010
08.11.2010