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Kultur Anna Netrebko triumphiert als Mimi
Nachrichten Kultur Anna Netrebko triumphiert als Mimi
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18:49 02.08.2012
Bohème in den Kostümen des heutigen Prekariats: Mimi (Anna Netrebko, r.) und Rodolfo (Piotr Beczala, l.). Quelle: HERWIG PRAMMER
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Salzburg

Man könnte über diese Inszenierung von Daniele Michieletto allerlei schreiben: dass sie nicht wehtut. Dass die Personenführung einfallslos ist. Dass sie kunstgeschichtlich wahllos zitiert, von René Magritte über Edward Hopper zu James Rizzi. Dass sie unausgegoren ist. Dass sie lediglich den für Salzburg und das Große Festspielhaus erwarteten CinemaScope-Bilderrausch gewährt. Ist das schlimm? Ach was, sobald Anna Netrebko auftritt, ist die Dekoration sowieso schnell vergessen.

Doch zunächst kommen die vier kunstschaffenden und sehr spaßwilligen Freunde, die vor einem abnorm bühnenbreiten, wahrhaft überdimensionalen Fenster mit altem Knauf und Einfachverglasung hausen, zwischen Ikea-Möbeln, Propangas-Ofen und Junkfood (Ausstattung: Paolo Fantin). Rodolfo, der Dichter, hat eine Videokamera auf sein Bett gerichtet, und wenn er singt, dann entwickeln wir bereits Vorfreude auf schönste Duette mit Mimi.

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Piotr Beczala trägt seinen wunderbar legierten und geführten Tenor nicht wie eine Standarte vor sich her, bei ihm spürt man die Identität von Singen und Fühlen. Und diese expressive Qualität ist beträchtlich: Das Timbre hat typische Italianità, also etwas Römisch-Bronzenes, aber nie brüllaffenhaft Heldisches, sondern Schwärmerisches. Seine Dynamik ist schön entwickelt, und obenrum ist alles tipptopp: hohes A schon früh stabil, hohes C später unangefochten, es muss nicht angeseilt, nicht nachgequetscht, nicht gefistelt werden. Das ist oberste Kategorie.

Wenn dann die schwindsüchtige Mimì von der mittleren Fensterstrebe herunterwackelt in diese amorphe, für den ORF leider grell ausgeleuchtete Wohnlandschaft, setzt im Publikum jener Mechanismus ein, der neuropsychologisch bestens erforscht ist: die Erwartungsglückseligkeit. Wenn knapp 2000 Menschen wissen, dass gleich Anna Netrebko den Mund aufmachen wird, dann fluten den Körper schier pazifische Hormonwellen. Und wenn diese Vorfreude durchs akustische Ergebnis nicht torpediert, sondern noch erhöht wird, dann stellt sich das ein, was man mit „Wolke sieben“ nur unzureichend beschreibt.

Die Stimme Anna Netrebkos erkennt man nach gefühlten zwei Sekunden: so reich an Farben, so präsent im Volumen, das aber nicht orgelt, sondern immer so gefasst und konturiert scheint, dass die Sängerin von der Mimì mit einem Schritt auf Mozarts Donna Anna umsteigen könnte (also jener Partie, mit der sie hier vor genau zehn Jahren zum Weltstar aufstieg). Anna Netrebkos Stimme hat sich seitdem in den wichtigsten Parametern nicht verändert: Sie ist weiterhin frei von Atemgeräuschen, übermäßigen Hauchern, brustigem Gurgeln oder sonstigen unerwünschten Nebenwirkungen der bloßen Tonproduktion. Viel bedeutsamer ist, dass dieser Luxussopran weiterhin nicht den Hauch einer Unreinheit kennt; die Intonation von Anna Netrebko schwächelt nie, auch nicht bei Durchgangsnoten, sie sitzt atemberaubend perfekt auf der Solltonhöhe - und vor allem merkt man keinerlei Anstrengung beim Registerwechsel.

Im Duett mit Beczala erlebte man Wonnen, pure Wonnen. Connaisseure behaupten, seit Freni-Pavarotti habe man das nicht mehr so schön gehört. Da ist was dran. Selbst wenn Frau Netrebko nur mit dem gesanglichen Notstromaggregat sänge, dann überträfe sie die meisten Fachkolleginnen der Welt ohne Mühe. Dass ihre rosige optische und vokale Erscheinung etwas mit ihrer glücklichen Mutterschaft zu tun hat, können wir weder bestätigen noch dementieren. Hier verfügt die Klatschpresse über intimere Erkenntnisse, die auch das Tattoo an ihrem Hals längst als auffällig, aber politisch tadellos befunden hat.

Danielle Gatti am Pult der ausgezeichneten Wiener Philharmoniker, die allerdings das gefürchtete Links-rechts-Klappern im riesig breiten Orchestergraben noch nicht behoben haben, setzt leider ganz auf fratzenhaft verstärkte Effekte - entweder eilt er durch die Partitur, oder er bremst sie aus. Ganz übel und offenbar unausrottbar ist bei italienischen Dirigenten das schier endlose Auskosten von Spitzentönen, eine vorsintflutliche Gipfelstürmerpose, gegen die sich Puccini selbst immer verwahrt hat.

Egal. Der Abend müht sich bildlich durch die vier Akte, missfällt durch platte Konsumkritik im zweiten Akt, der das Café Momus vor einem Paris-Stadtplan mit aufgepflanzten Monopoly-Häuschen aufbaut. Und die Inszenierung zerfranst im dritten Akt am Stadtrand von Paris mit einer Würstchenbude, über der tadellos abfotografierte Autobahnschilder von der nördlichen Pariser Périphérique heimleuchten. Doch sobald gesungen wird - und das ist ja bei Puccini anders als bei Wagner durchgängig der Fall - mäßigen sich alle kritischen Reflexe. Und weil auch die übrigen Sänger grandios sind, vor allem Nino Machaidze als Musetta und Massimo Cavalletti als Marcello - können wir von einem Belcanto-Erlebnis sprechen, bei dem das Auge nicht das wichtigste Sinnesorgan des Publikums ist.

Wolfram Goertz

02.08.2012
Kultur Wertung von Wirtschaftsinstitut - Hannover bei Kulturranking im Mittelfeld
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