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Kultur Annäherung an James Bond
Nachrichten Kultur Annäherung an James Bond
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06:15 09.08.2012
Von Ronald Meyer-Arlt
Greve, Werner Greve: Der Autor hat ein Buch über James Bond geschrieben. Quelle: Philipp von Ditfurth
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Hannover

Guten Tag. Müssten Sie jetzt nicht sagen: Mein Name ist Greve. Werner Greve?

Ach nein, das liegt mir nicht so. In meinem Buch gibt es eine Stelle, da erkläre ich, dass jeder eine derartige Vorstellung sofort verstehen wird. Diese Wendung ist zu einer Ikone geworden. Auch jeder, der keine Bond-Filme kennt, wird gleich wissen, worauf ich da anspiele. Das ist schon irre.

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Sie schreiben in Ihrem Buch, dass Sie als Jugendlicher in Berlin regelmäßig jede Woche einen anderen Bond-Film im Kino gesehen haben und dass Sie auch jetzt noch regelmäßig Bond-Filme schauen. Wie entstand Ihre Leidenschaft für James Bond?

Das kann ich nicht genau sagen. 1977 habe ich als 18-Jähriger „Der Spion, der mich liebte“ im Kino gesehen. Das fand ich sehr spannend. Dann habe ich dieses Kino am Ku’damm entdeckt, in dem jeden Freitag ein anderer Bond-Film gezeigt wurde. Die Filme wurden in der richtigen chronologischen Reihenfolge gewechselt - so dass man schnell erkennen konnte, was alles immer gleich blieb. Ich fand das interessant: Es war ja immer dasselbe, aber es hat mich nicht gelangweilt.

Können Sie die Dialoge mitsprechen?

Kaum. Mein Gedächtnis ist nicht so gut für so etwas. Außerdem hat mich das eher weniger interessiert. Mir ging es nie um so etwas wie das Kennzeichen des Fluchtwagens in der siebten Szene. Damit beschäftigen sich eher die Sammler.

Ihr Interesse gilt eher der Struktur der Filme und dem jeweiligen Zeitgeist, der sich in ihnen spiegelt. Das sind doch recht unterschiedliche Interessen.

Auf den ersten Blick scheinen das sogar gegensätzliche Interessen zu sein. Die Verbindung stiftet folgender Gedanke: Wenn die Struktur immer gleich ist, müssten die Unterschiede besonders interessant sein. In den Unterschieden - die man bei gleicher Struktur besonders gut identifizieren kann - spiegelt sich der Zeitgeist.

Gehen die Leute denn ins Kino, weil sie den Zeitgeist gespiegelt sehen wollen?

Umgekehrt: Sie würden nicht ins Kino gehen, wenn sie den Stil der Zeit nicht irgendwie wiedererkennen würden. Sie müssen das Gefühl haben, dass alles passt. Ein Geheimagent tarnt sich ja, indem er nicht auffällt. Und das kann er nur, wenn er sich so benimmt wie wir alle. Deshalb zeigt Bond uns, wie wir zu einem bestimmten Zeitpunkt sind.

Die These, dass Bond den Zeitgeist besonders gut spiegelt, scheint einleuchtend zu sein. Der Leser erfährt etwa, dass sich die Rolle der Frau in den vergangenen 50 Jahren verändert hat.

Es ist nicht etwa so, dass der Emanzipationsprozess stetig vorangeschritten ist. Die Analyse der Bond-Filme zeigt, dass es Mitte der siebziger Jahre eine Zunahme der Emanzipation gab, dann ging es wieder zurück, dann stieg es wieder an, und in den neuen Filmen scheinen die Frauen wieder eher weniger emanzipiert zu sein.

Bei diesem Auf und Ab könnte es sich doch einfach nur um statistisches Rauschen handeln.

Ich glaube, das ist kein Rauschen, sondern typisch. Jetzt käme es darauf an, diesen Befund mit anderen Filmen zu vergleichen. Ich bin jedenfalls davon überzeugt, dass die Emanzipation nicht einfach linear zugenommen hat.

Sie versuchen, Ihre Befunde auch grafisch zu fassen, indem Sie etwa Diagramme mit der Anzahl der pro Film Getöteten zeigen. Aber diese Zickzackkurve wirkt so, als hätte man es mit einer Zufallsverteilung zu tun.

Auf den ersten Blick könnte man das so sehen. Auffällig ist aber, dass die jeweils benachbarten Filme ähnliche Trends zeigen. Das ist ein gutes Indiz dafür, dass es nicht nur statistische Zufälle sind.

Was haben Sie noch über den Zeitgeist herausgefunden?

Im Bereich der Sexualität ist eine recht offensichtliche Entwicklung zu beobachten. Mit Aids kam Anfang der achtziger Jahre die Enthaltsamkeit, zehn Jahre später lockerten sich die Sitten wieder. Und 1995 ging es schon wieder quer durch die Betten. Da war der Held überhaupt nicht mehr beziehungsorientiert. Auch über die herrschende Moral geben die Bond-Filme Auskunft: Darf man einfach so töten? Oder nur aus Notwehr? Muss das Töten begründet werden? Und muss der Held den Tod des Gegners bedauern? Da ist eine interessante Entwicklung zu beobachten. In den sechziger Jahren tötet Bond ganz ohne Notwehr und ohne Bedauern.

Muss er ja auch nicht. Er hat schließlich die Lizenz zum Töten.

Genau. In den Siebzigern tötet Roger Moore nur mit großem Vorlauf und großen Bedenken. In den Achtzigern hat sich das wieder geändert. Timothy Dalton und Pierce Brosnan schießen wieder einfach so. Aber sie bedauern es. Sean Connery hat in den Sechzigern Witze über die Toten gemacht. Und das ist nach der Jahrtausendwende bei Daniel Craig wieder so.

Im November kommt in Deutschland der neue Bond ins Kino. Ihre Prognose bitte: Welche Zeitgeistphänomene wird der Film spiegeln?

Ich habe da zwei Tipps: Ganz bestimmt wird wieder Moneypenny auftauchen. Wir brauchen diese Erinnerung an die letzten fünfzig Jahre. Und wenn ich mich mal weit aus dem Fenster lehne, würde ich sagen, dass Bond eine neue Motivation zum Handeln braucht. Es muss etwas anderes sein als ein staatlicher Auftrag, das ihn antreibt. Ich vermute, er wird irgendwie persönlich betroffen sein, und das wird dann seine Regierungstreue stützen. Im Moment ist es jedenfalls nicht angebracht, nur aus Loyalität zum Staat Gegner zu töten. Die Rolle der Frau wird sich übrigens nicht wesentlich verändern. Ich glaube nicht, dass die neue Heldin auf Augenhöhe mit Bond agieren wird.

Lernt der Leser Ihres Buches auch etwas jenseits von James Bond?

Ja, vielleicht die Erkenntnis, dass wir gerade in den Dingen, die wir gering schätzen, oft mehr von unserer Lebensweise spiegeln, als wir vermuten. In der Werbung und Unterhaltungskultur hinterlassen wir tiefe Spuren. Da gibt es noch viel zu untersuchen.

06.08.2012
05.08.2012