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Kultur Anthony Hopkins: „Hitchcock spielte meisterhaft mit der Angst“
Nachrichten Kultur Anthony Hopkins: „Hitchcock spielte meisterhaft mit der Angst“
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00:15 16.03.2013
Foto: Der wandelbare Schauspieler und Oscar-Preisträger Anthony Hopkins als Filmemacher Alfred Hitchcock.
Der wandelbare Schauspieler und Oscar-Preisträger Anthony Hopkins als Filmemacher Alfred Hitchcock. Quelle: 20th Century Fox
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Berlin

Haben Sie je mit Hitchcock gearbeitet?

Nein, ich bin zwar auch nicht mehr der Allerjüngste. Aber wahrscheinlich war ich dann doch zu jung, damit er mich hätte wahrnehmen könnte. Aber mit anderen Meistern der Angst wie Robert Wise habe ich gedreht.

Warum war Hitchcock so ein Meister der Angst? Hat Sie das während der Vorbereitung auf den Film beschäftigt?

Ja, das war eine der zentralen Fragen. Ich konnte mit einigen Menschen sprechen, die ihn sehr gut kannten. Und die haben mir bestätigt, dass ihn Angst zeit seines Lebens begleitet hat. Und zwar hauptsächlich die Angst vor der Polizei.

Wie kam das?

Das ist eine recht absurd klingende Geschichte. Als kleiner Junge war er mal unartig, und sein Vater – der offenbar einen guten Draht zur Polizei hatte – nahm ihn mit auf die Wache und ließ ihn für fünf Minuten in eine Zelle sperren. Diese Beklemmung, die er da spürte, die ist nie in seinem Leben vergangen.

Sie ist in seine Filme übergegangen.

Nicht nur das. Er hat zum Beispiel auch nie den Führerschein gemacht, um nicht in die Verlegenheit zu kommen, Auto fahren zu müssen und eventuell Fehler zu machen, für die er von der Polizei hätte verhaftet werden können.

Es heißt immer, Hitchcock sei ein Kontrollfreak gewesen.

Habe ich auch gehört. Hitch – wie er gern genannt wurde – hat Unsicherheiten in seinem Leben gehasst wie die Pest – er wollte Kontrolle über alles. Er war erst dann zufrieden, wenn er gespürt hat, dass seine Filme Angst verbreiten.

Anthony Hopkins verkörpert in „Hitchcock“ den berühmten Regisseur während der Dreharbeiten zu seinem späteren Meisterwerk „Psycho“.

Hat er nie gedacht, damit zu weit gehen zu können?

Nein, er hatte immer ein sehr schönes Beispiel zur Angst. Er sagte oft: „Warum haben Menschen so eine Beziehung zur Angst?“ Und wenn die Menschen mit den Schultern zuckten, meinte er: „Was machen wir Menschen als Erstes, wenn wir ein Baby sehen? BOO!“ Und dieses Boo schrie er ihnen förmlich entgegen und freute sich, wenn sie zuckten.

Ihr Lieblings-Hitchcock?

Auf jeden Fall „Vertigo“. Er spielt da meisterhaft mit Angst und Paranoia. Hitchcock hat ja ganz normale Menschen in normalen Situationen gezeigt, die sich plötzlich im Vorhof der Hölle wiederfinden – so etwas möchte keiner von uns erleben. Alle Menschen haben – obwohl sie es nie aussprechen – Angst vor dem Tod. Hitchcock hat das auf eine perfekte Weise ansprechen können. Wie, das bleibt für immer sein Geheimnis.

Wissen Sie noch, wann und wo Sie „Psycho“ zum ersten Mal gesehen haben?

Ja, das ist eine dieser Kinoerfahrungen, die man nicht vergisst. Auch wenn es mehr als 40 Jahre her ist. Es war in Manchester, eine regnerische Sonntagnacht. Ich war gerade in der Stadt angekommen. Es war mein erstes Theater-Engagement. Vor dem Kino standen Schlangen. Ich habe mich angestellt, und rund drei Stunden später war ich um eine Erfahrung reicher. So hatte ich mich noch nie im Kino gefürchtet. Ein grauenhaft guter Film, den man nicht vergisst.

Im Kino lässt sich die Entstehungsgeschichte von „Psycho“ jetzt in der bissigen Komödie „Hitchcock“ von Regisseur Sacha Gervasi bestaunen.

Sagt ausgerechnet derjenige, der als Hannibal Lecter neue Maßstäbe fürs Grauen im Kino gesetzt hat.

Da mag was dran sein. Es ist ganz interessant, als ich das Buch zum allerersten Mal auf den Schreibtisch bekam, das muss 1989 gewesen sein, da dachte ich, dies sei ein Kinderbuch: „Das Schweigen der Lämmer“. Nach dem Lesen wusste ich gleich, dass mich dieser Typ enorm interessiert. Ich wollte ihn sofort spielen. Es waren die Abgründe, die mich reizten. Vor allem konnte ich hier völlig enthemmt spielen. In die Blicke des Hannibal Lecter konnte ich alles hineinlegen. All das, was es meinem Gegenüber nicht ermöglicht, sich zu entspannen.

Sie haben in Ihrer Karriere oft und gern Personen des öffentlichen Interesses gespielt. Warum?

Ich muss ehrlich sagen, dass die Antwort nicht von mir stammt, sondern von Oliver Stone, für den ich zu „Nixon“ wurde. Als ich wissen wollte, warum er den Film macht, sagte er mir: „Ich finde es großartig, für zwei Stunden im Kino diese Person begleiten zu dürfen. Sie ist schon tot. Aber wir haben noch einmal die Gelegenheit, mit ihr zu reden, sie zu erleben.“ Diese Begründung habe ich zu meiner eigenen gemacht. So schön finde ich sie.

Interview: Peter Beddies


Eine Legende bei der Arbeit

Er hatte gerade mit der Agentenjagd „Der unsichtbare Dritte“ 13 Millionen Dollar an der Kasse gemacht, da legte Alfred Hitchcock (Anthony Hopkins) den Schalter um. Ein schmutziger, kleiner Psychopathen-Thriller sollte es sein, gedreht mit kleinem Team und dem Star Janet Leigh (Scarlett Johansson), die schon nach 30 Minuten tot ist. Ermordet von einer alten Frau, die plötzlich mit dem Messer in der Dusche auftaucht.

Der 45 Sekunden lange Mord, gedreht in sieben Tagen aus 70 Kamerapositionen, ist denn auch der Dreh- und Angelpunkt von „Hitchcock“, dieser Reise in das Leben des britischen Regisseurs. Einer Legende wird über die Schulter, in den Charakter und in die Ehe geblickt. Da halten es John McLaughlin (Buch) und Sacha Gervasi (Regie) allerdings wie der Meister des Spannungskino: Sie tarnen und gaukeln, spielen und spaßen.

Das macht ihren „Hitchcock“ so amüsant. Weder wollen sie die dunkle Seite des Genies enttarnen noch letzte Wahrheiten verkünden. Sie erzählen einfach, unter welchen Schwierigkeiten einer der Meilensteine des modernen Kinos entstand. Da setzte der Oberzensor Hitchcock ebenso zu wie der Verdacht, seine Ehefrau Alma (Helen Mirren) habe eine Affäre. Hitchcock, der nicht ohne Filmblondinen auskam, blieb notorisch eifersüchtig.

Es ist ein Vergnügen zuzusehen, wie Hopkins in der Hitchcock-Maske – arroganter Blick, Hände überm dicken Bauch – mit seinen Gegnern umspringt, ihre Einwände einfach abtropfen lässt oder sie mit lässigen Kommentaren in Wut bringt. Bis heute spielte „Psycho“ weit über 50 Millionen Dollar ein. Hitchcocks größter Kassenerfolg.

mma

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