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Kultur Anthony Hopkins brilliert in „Hitchcock“ als Meister des Suspense
Nachrichten Kultur Anthony Hopkins brilliert in „Hitchcock“ als Meister des Suspense
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01:16 15.03.2013
Von Stefan Stosch
Foto: Anthony Hopkins spielt den Starregisseur Alfred Hitchcock.
Anthony Hopkins spielt den Starregisseur Alfred Hitchcock. Quelle: 20th Century Fox
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Berlin

Der Mann war nicht nur Regisseur, sondern auch Dirigent. Alfred Hitchcock steht vor dem Kinosaal, in dem sich sein neuer Film der Szene aller Szenen nähert: Eine junge Frau duscht, und das wird sie nicht überleben. Eine Figur in Frauenkleidern bewegt sich auf den Vorhang zu, reißt ihn zurück. Der erste Schrei – im Publikum, wohlgemerkt, nicht im Film – ertönt.

Hitchcock strahlt übers ganze Gesicht. Er breitet die Arme aus, beginnt, die Schreckensrufe des Publikums und die Staccato-Musik von Bernard Herrmann zu orchestrieren. Jede weitere Panikattacke des Publikums begrüßt er mit präzisen Armbewegungen – er dirigiert den Schrecken. Hitchcock, der Master of Suspense, hat seine Zuschauer voll im Griff, so wie er es liebt.

Es war ein langer und harter Kampf, bis der britische Filmemacher in Hollywood Janet Leigh in „Psycho“ endlich zum Duschen schicken konnte. Die Zensoren echauffierten sich über die viele nackte Haut (die tatsächlich an den entscheidenden Stellen überklebt war), das Paramount-Studio wollte diesen gewalttätig-anzüglichen Stoff nicht finanzieren, Hitchcock selbst schien Ende der Fünfziger manchem schon reif fürs Altenteil zu sein. Noch dazu kriselte Hitchcocks Ehe mit seiner Frau Alma heftig. Ihr gemeinsames Haus mit dem geliebten Swimmingpool hatte er für die Produktion verpfändet. „Freu dich am Pool, solange du ihn noch hast“, sagte Hitchcock.

Im Kino lässt sich die Entstehungsgeschichte von „Psycho“ jetzt in der gutgelaunt-bissigen Komödie „Hitchcock“ von Regisseur Sacha Gervasi bestaunen (und in Stephen Rebellos Heyne-Buch „Hitchcock und die Geschichte von ,Psycho‘“, 9,99 Euro, nachlesen). Nur für einen Moment kommt man über diese Hommage ins Grübeln: Regisseure – das sind doch sonst immer die hinter der Kamera, von denen kaum jemand weiß, wie sie ausschauen. Und so einen ehrt Hollywood nun mit einem eigenen Film, nennt ihn im Titel und fährt eine grandiose Besetzung auf (Anthony Hopkins, Helen Mirren, Scarlett Johansson)?

Im Kino lässt sich die Entstehungsgeschichte von „Psycho“ jetzt in der bissigen Komödie „Hitchcock“ von Regisseur Sacha Gervasi bestaunen.

Bei Hitchcock verhielt sich der Fall eben anders. Seine Silhouette mit eierförmigem Schädel und Zigarre war ein Markenzeichen, seine Spezialität waren Kurzauftritte in seinen eigenen Filmen – auch in „Psycho“, wo er zu Beginn beim Blick durch ein Fenster auftaucht. Darüber hinaus präsentierte Hitchcock mit großem Erfolg eine eigene Fernsehserie – auch wenn er den Zeitaufwand dafür so gering wie möglich hielt, die Sache war bloß einfach zu gut bezahlt. Im Kinotrailer zu „Psycho“ führte er sogar persönlich seine Zuschauer mit viel Ironie durch das Motel von Norman Bates, der zusammen mit seiner mumifizierten Mutter lebt und Gäste meuchelt.

Hitchcocks Ironie transportiert auch dieser Film. „Ist Janet Leigh nackt?“, fragen die Zensoren interessiert. „Nein, sie trägt eine Badekappe“, antwortet Hitchcock, und Anthony Hopkins spitzt dabei seinen Mund so unschuldig wie ein Vögelchen. Für den manchmal doch schon sehr müden Hopkins kommt diese Rolle einem Jungbrunnen gleich. Seinen dicken Hitchcock-Bauch schiebt er würdevoll übers Studiogelände, spioniert durch Jalousien seiner Frau nach und nimmt noch heimlich einen Cocktail, bevor die nächste Gemeinheit über seine Lippen kommt.

Anthony Hopkins verkörpert in „Hitchcock“ den berühmten Regisseur während der Dreharbeiten zu seinem späteren Meisterwerk „Psycho“.

Man versteht, warum die französischen Kollegen um François Truffaut so fasziniert waren von diesem Autorenfilmer im Hollywood-System. Hitchcock trickste und täuschte, bis er bekam, was er wollte. Dieser Film erlaubt einen Blick hinter die Studiokulissen, ohne sich deswegen nur an Cineasten zu richten – anders als bei Gus Van Sants Annäherung, der 1998 „Psycho“ beinahe Einstellung für Einstellung noch einmal drehte.

Hier wird Hitchcocks Leben eingebettet in die Ehekrisengeschichte mit der klugen Alma (Helen Mirren), die ihren Mann besser kennt als der sich selbst und es wohl nur deshalb mit ihm aushält. Letztlich ist es Alma, die dazu beiträgt, „Psycho“ zu retten – und somit dafür zu sorgen, dass manche sich bis heute vor dem Duschen genauer im Bad umschauen.

Nach gut eineinhalb Kinostunden sei die Vermutung gewagt: Der große Manipulator Hitchcock hätte seine Freunde an diesem komödiantischen Porträt gehabt.

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Er ist ein Künstler, der schlicht alles spielen kann, was er will. In mehr als 100 Filmen in 45 Jahren hat Sir Anthony Hopkins dies unter Beweis gestellt. Er war Picasso, Hitler und natürlich Dr. Hannibal Lecter. Nun wird er zu Alfred Hitchcock, der sich gerade anschickt, den späteren Klassiker „Psycho“ zu drehen.

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