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08:39 16.12.2013
Von Rainer Wagner
Foto: Freiraum für Klangschattierungen: Lars Vogt am Flügel mit Bratscher Volker Jacobsen und der famosen Klarinettistin Sharon Kam.
Freiraum für Klangschattierungen: Lars Vogt am Flügel mit Bratscher Volker Jacobsen und der famosen Klarinettistin Sharon Kam. Quelle: Philipp von Ditfurth
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Hannover

Angetreten als Klavierprofessor an der hiesigen Musikhochschule ist Lars Vogt zwar schon vor einem Jahr, aber jetzt erst hat er sein Antrittskonzert gegeben – im seit Langem ausverkauften Richard-Jakoby-Saal der Hochschule. Überraschend war daran nicht die Verzögerung, die bei Antrittsvorlesungen an Universitäten eher die Regel als die Ausnahme ist, sondern die Tatsache, dass sich der hoch renommierte Solist dabei ausschließlich als Kammermusiker präsentierte.

Es gibt an künstlerischen Hochschulen drei Typen von Lehrern: die einen konzentrieren sich (fast) voll und ganz auf ihre pädagogische Aufgabe. Berühmtestes Beispiel dafür war in Hannover der vor anderthalb Jahren verstorbene Karl-Heinz Kämmerling. Dann gibt es die Pädagogen, die immer wieder belegen, dass sie auch auf den Konzertpodien und in den Studios bestehen.

Da wäre nicht nur Markus Becker zu nennen, der fern des üblichen Repertoire-Mainstreams Produktionen für Kenner vorlegt. Und dann sind da die Musiker, die man erster Linie als (Star-)Interpreten kennt, die aber ihre Erfahrungen auch als Professoren weitergeben. Da konnte die Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover im vergangenen Jahr immerhin zwei prominente Neuzugänge verbuchen: die polnische Pianistin Ewa Kupiec und den hierzulande noch bekannteren Lars Vogt. Der war einst Schüler von Karl-Heinz Kämmerling und tritt nun in die Fußstapfen seines Mentors: So schließen sich Kreise. Dass Lars Vogt ein Teamspieler ist, wissen die Kammermusikfreunde. Dass man deshalb trotzdem auch Spielführer sein kann – nicht nur als Leiter des eigenen Kammermusikfestivals „Spannungen“ –, bewies er bei seinem Antrittskonzert. Das geschah allerdings auf eine sehr subtile Weise, denn er drängte sich auch da nicht vor, wo ihm die Musik das erlauben würde; etwa im Schlussrondeaux  von Mozarts „Kegelstatt-Trio“, mit dem das Konzert begann und das ein bisschen nach Mozarts „Nacht-Musique“ klang. Vogt gab dem Bratscher Volker Jacobsen genug Freiraum für Klangschattierungen, und er reagierte hochsensibel auf die Zwischentöne der famosen Klarinettistin Sharon Kam. Sie hatte ja gerade erst ein zu Recht gefeiertes Heimspiel bei den hannoverschen Kammermusikfreunden, die neuerdings keine Gemeinde mehr sein wollen. Sie verzauberte mit Tönen, die wie dunkle Schokolade zergingen.

Nach der Pause reagierten Vogt und Kam bei Alban Bergs hoch konzentrierten Vier Stücken für Klarinette und Klavier op. 5 so atemraubend aufeinander, dass das Publikum beweisen konnte, wie still es sein kann. Diese atonalen Aphorismen wollte niemand mit seinem Husten stören. Lars Vogt überraschte gleich doppelt: durch die Konzentration auf die Kammermusik und durch eine Programmzusammenstellung, die auch Unbekannteres zu bieten hatte. Leoš Janáceks Märchenerzählung „Pohádka“ dürfte vor allem neugierigen Cellisten ein Begriff sein. Man muss nicht wissen, dass der Name des knapp viertelstündigen Werks Märchen bedeutet, um schon vom versponnenen Einstieg mit den Pizzicato-Tönen des Cellos und den Antworten des Klaviers verzaubert zu werden. Dabei blieben Vogt und sein kongenialer Cellopartner Gustav Rivinius jeglicher Sentimentalität fern. Und nach dem versonnenen Ende stand ein „es war einmal“ im Raum.
Mit Béla Bartóks Trio für Klavier, Violine und Klarinette ging es so weiter, wie es der Name des Werks verlangt: „Kontraste“. Hier kam neben Vogt und Sharon Kam die hannoversche Geigenprofessorin Elisabeth Kufferath ins Spiel, die im letzten Satz „Sebes“ zwischen Danse macabre und einem Perpetuum mobile changierte und für die „umgestimmte“ Tonlage des Schlusssatzes auf eine zweite Geige zurückgriff. Natürlich zeigt Bartók auch hier, dass das Klavier ein Schlaginstrument ist. Für die reichlichen Entfaltungsmöglichkeiten der Klarinette garantiert schon der Name des offiziellen Auftragsgebers des Werk: Benny Goodman (der Geiger Joseph Szigeti hatte das Stück angeregt).

So ging man animiert in die Pause. Und bekam dann nach den pointierten Alban-Berg-Piecen mit Johannes Brahms’ Klavierquartett Nr. 3 doch noch Heftiges und Deftiges: Die abgrundtiefe Schwärze des Kopfsatzes spielten Vogt, Kufferath, Jacobsen und Rivinius entschlossen aus, das Scherzo wirkte angemessen harsch, nur das Andante, das wie eine veritable Cellosonate beginnt, lieferte versöhnlichere Töne, die sich im
Finale zwischen Trostgesang und auftrumpfender Gebärde zerrieben.

Für dieses eindrucksvolle Ensemblespiel gab es langen und lauten Beifall. Nicht nur den Brahms-Interpreten Lars Vogt würde man aber schon gern einmal ganz für sich hören. Am 18. Februar spielt Vogt bei Kammermusik Hannover Brahms, aber wieder als Partner: mit den Geschwistern Tanja und Christian Tetzlaff. Auch nicht schlecht!

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