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Kultur Arabisches Theatertreffen startet mit "Über Null"
Nachrichten Kultur Arabisches Theatertreffen startet mit "Über Null"
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19:09 20.01.2017
Von Daniel Alexander Schacht
Quelle: Ditfurth
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Hannover

Vom dunklen Hintergrund lösen sich neun Gestalten, zwei wenden sich Musikinstrumenten zu, sieben rücken am Rand des schwarzen Bühnenquadrats bis zum Publikum vor. Und dann erst erhellt hartes Schlaglicht ihren Zustand: Frauen, die ein halb abgerutschtes Kopftuch tragen oder gleich offenes Haar, Männer im Pyjama, in Trainingsanzug oder Unterwäsche, gleichsam jäh dem eigenen privaten Alltag entrissen - Elendsgestalten ohne Hoffnung, ohne eigenen Antrieb, vorwärtsgetrieben von einer fremden Logik, einer unsichtbaren Macht, die sie zu Boden rollen, sich zum Menschenknäuel zusammendrängen lässt.

So startet „Über Null“, eine Aufführung des 2008 von Ousama Halal in der syrischen Hauptstadt Damaskus gegründeten Koon-Theaters, im Pavillon. So ist in Hannover das dritte Treffen gestartet, das sich dem Theater der arabischen Welt widmet. Es trägt den Titel „Zuflucht“, was nach den Start 2012 unter dem Motto „Arabischer Frühling“ und dessen Ergänzung mit „Aufbruch der Frauen“ 2014 sehr viel weniger hoffnungsfroh klingt.

Hoffen auf die Zivilgesellschaft

„Eine Zuflucht wollen wir wenigstens beim Festival den teilnehmenden Akteuren bei uns bieten“, sagt der im Pavillon für Theater zuständige Fettah Diouri, der die Theatergruppen zusammen mit Sabine Trötschel von der Theaterwerkstatt Hannover ausgewählt hat.

Neun Stücke und Einiges mehr bietet das Festival. Kein schlechtes Angebot also, um den Anspruch einzulösen, den Kulturministerin Gabriele Heinen-Kljajic zu Beginn des Theatertrefens im Foyer des Pavillons formuliert hat. Gerade wenn die etablierte Politik an ihre Grenzen stößt, sagte die Grünen-Politikerin, seien zivilgesellschaftliche Impulse umso wichtiger. „Diesem Geist dient das Theatertreffen - damit wir im Gespräch mit Leuten aus den Ländern bleiben, aus denen viele Flüchtlinge zu uns kommen.“

MIt „Über Null“ gab es zum Auftakt des Festivals starkes Körpertheater. Inspiriert haben den Regisseur Halal zwar Texte von Bertolt Brecht. Doch inszeniert hat er mit nur wenig Text und ganz im Vertrauen auf große Gesten, tänzerische Rasanz und dramatische Gruppenaufstellungen - sowie unter Einsatz von fast schon genial einfachen bühnenbildnerischen Mitteln: Metallpritschen dienen als Kletterwand, als Gefängnisgitter oder auch als Flüchtlingsfloß, auf dem sich einige Akteure zusammendrängen und anderen den Zugang verwehren - eine in ihren ikonischen Qualitäten an Géricaults „Floß der Medusa“ erinnernde Szene. Gegen Ende werden die drei Pritschen aufeinandergestapelt und, wiederum im Halbdunkel des Bühnenhintergrunds, zum Sprungturm in düstere Ungewissheit.

Aufbruch in eine ungewisse Zukunft, Fluchtgefahren, Gefangenschaft - das alles scheint die Lage von Flüchtlingen auf der arabischen Halbinsel wie auf dem europäischen Kontinent als Deutungsraum nahezuliegen. Und doch wird man dieser eindringlichen Inszenierung nicht gerecht, wenn man sie auf die Flüchtlingsthematik reduziert. „Wir sind nicht die Clowns des Elends“, steht auf Schildern, die die Akteure des Koon-Theaters am Ende hochhalten, und: „Wir sind keine Flüchtlingskünstler“.

Es geht um mehr als nur Syrien

Schon klar, sie wollen nicht als Theater spielende Flüchtlinge wahrgenommen werden, sondern als Schauspieler, die fliehen mussten. Und klar ist auch, dass es hier nicht nur um Syrien geht, sondern um ganz existenzielle Notlagen - in einer Inszenierung, die nicht nur die inhumane Lage der Opfer vor Augen führt, sondern auch die Frage aufwirft, ob das humanistische Selbstbild der Europäer nicht im Widerspruch zu ihrer Untätigkeit steht - und diese als inhuman kenntlich macht.

Drama heißt Handlung, und weitsichtiges Handeln war auch erforderlich, damit diese Inszenierung überhaupt in Hannover gezeigt werden konnte. Denn Fettah Diouri musste Visa für Leute besorgen, die zwar großenteils aus Syrien, teils aber auch aus dem Libanon stammen und die teils in Frankreich, teils auch in Flüchtlingslagern in der Türkei lebten. „Für drei Akteure habe ich kein Visum durchsetzen können“, sagt er. „Auch deshalb steht bei ,Über Null’ der Regisseur selbst mit auf der Bühne.“

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