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Kultur Indie Disko?
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09:33 31.10.2013
Von Uwe Janssen
Randständig: Arcade Fire macht den nächsten Schritt. Quelle: Universal
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Hannover

Es gibt Sachen, die eine Rockband in ihrer Karriere mal gemacht haben muss. Unplugged-Album. Orchester-Album. Trennung/Wiedervereinigung. Konzert auf irgendeinem Dach. Und ein Hotelzimmer zerlegen – oder wenigstens den Zimmerservice damit beauftragen. Für viele Rockbands gehört es mittlerweile auch zu den echt coolen Retroaktionen, ein zweites Album aufzunehmen. Beim dritten ist man schon eine Rocklegende, und als viertes kann man dann eine Diskoplatte machen – oder wenigstens ein paar Songs lang einen Ausflug auf den Tanzboden wagen

Das hat schon Kiss in den Achtzigern getan und mit „I Was Made for Lovin’ You“ seinen größten Hit gelandet. Queen, die Rolling Stones, Bowie oder Blondie baten zum Tanz, später waren es Mando Diao und Franz Ferdinand. Von fast devoten Huldigungen genrenäherer Künstler wie Madonna („Confessions on a Dance Floor“, 2003) und Daft Punk (mit dem aktuellem Hitalbum „Random Access Memories“) ganz abgesehen. Früher war es Experimentierfreude. Heute ist es  Selbstironie. Oder weil Disko einfach Spaß macht. Nächster Kandidat unter der Diskokugel: Arcade Fire. 

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Das neue, vierte Album „Reflektor“ erscheint wie bei der kanadischen Band üblich drei Jahre nach dem letzten. Weil „The Suburbs“ 2010 für viele überraschend mit dem Hauptgrammy für das Album des Jahres dekoriert wurde, schwirren bereits so bescheidene Untertitel wie „größte Rockband der Welt“ durch das Indiepopuniversum, dem Arcade Fire einst entsprang. Mit dem rapide gestiegenen Erwartungsdruck scheint zumindest die Band selbst kein Problem zu haben. Eine mehrmonatige PR-Kampagne steigerte noch die Spannung. Und dann kommt die Band mit einem Epos um die Ecke, das die Dimensionen sprengt – nicht nur die einer Einzel-CD. Sondern auch die des oder der Genres.

Disko spielt dabei auf dem DoppelalbumReflektor“ eine tragende Rolle. Im Video zum Titelsong reist die Band mit Glitzerkugel in die Nacht und trifft auf einen Glitzermann. Statt der schwarzen Existenzialistenkluft tragen die Dame und die Herren weiße Anzüge. Dazu tuckert der Bass, und Sänger Win Butler lässt das Falsett über dem Song kreisen. Das geht dann erst einmal so weiter, man tanzt sich so durch, bei „We Exist“ sogar auf einem Rhythmusbett, das wohl nicht ganz zufällig an Michael JacksonsBilly Jean“ erinnert. Aber fast unmerklich infiltriert der tanzmusikgestählte Produzent James Murphy andere Sounds, die Gitarren grollen, südländische Stimmung blitzt auf. Immer wieder gurgeln Synthies schwelgerisch im Achtziger-Jahre-Sound herum.

Es ist, als ob die Band die Hörer ins Stillabyrinth schicken will. Oder verführen? Oder testen? Vielleicht ist es auch ein gemeinsamer Akt der Selbstvergewisserung. Denn Butler scheint sich ernsthaft Sorgen darum zu machen, ob der Rock ‘n’ Roll im Allgemeinen und seine Truppe im Speziellen überhaupt noch gebraucht werden. Die Fans werden diese Frage in den nächsten Wochen in den Plattenläden und Downloadportalen beantworten, aber man kann ja nie wissen. „The Fantastic Arcade Fire!“, juchzt eine Stimme in „You Already Know“, bevor die Combo loslegt wie beim Abtanzball an einer Highschool in den sechziger Jahren. Am Ende Applaus. Und dann gleich weiter zur Glamrockhymne „Joan of Arc“. Bevor man weiter verwirrt wird, schenkt einem Arcade Fire Bedenkzeit. Man muss die CD wechseln.

Dass „Reflektor“ nicht nur musikalisch, sondern auch thematisch konzeptwerkhafte Züge hat, zeigt sich in der zweiten Halbzeit, wo Butler seine Zweifel an der Kraft der Musik in die tragische Geschichte von Orpheus kleidet, dem Popstar der griechischen Mythologie. „It’s an awful sound, when you hit the ground“, singt er, und geradezu beschwörend: „I know there’s a way“. Orpheus hat’s nicht geholfen, weil er sich nach der Schönheit Eurydike umdrehte. Arcade Fire hat mit „Reflektor“ eine Schönheit geschaffen, nach der man sich noch lange umdrehen wird. Tanzend, bisweilen.

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