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Kultur Arcadi Volodos betört und verstört
Nachrichten Kultur Arcadi Volodos betört und verstört
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19:02 25.05.2012
Von Jutta Rinas
Magier der Stille: Arcadi Volodos in Hannover. Quelle: Schafler
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Hannover

Was ist nur mit der Klavierhauptstadt Hannover los? Da werden an der Musikhochschule am Emmichplatz - einer der besten Hochschulen der Welt, gerade für Pianisten - die Tastenstars von morgen ausgebildet, die bei international renommierten Wettbewerben Preis um Preis gewinnen. Wenn aber die Tastenstars von heute bei Soloabenden von Pro Musica im Großen NDR-Sendesaal am Maschsee zu hören sind, dann bleibt fast die Hälfte der Plätze unbesetzt.

Schon im April war dieses unerfreuliche Phänomen beim Konzertabend eines der aufregendsten Pianisten der jüngeren Generation, des Polen Rafal Blechacz, zu erleben. Auch jetzt - beim Auftritt des Russen Arcadi Volodos - war es wieder so.

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Dabei ist der 40-Jährige anerkanntermaßen einer der ganz Großen seiner Zunft. Als einen exzentrischen Klangpoeten, ja, sogar als einen „Magier der Stille“, haben Kritiker ihn schon beschrieben. Volodos, der in Hannover zuletzt im Mai 2005 im Kuppelsaal zu hören war, sorgte zu Beginn seiner Karriere Ende der neunziger Jahre mit selbstgeschriebenen Transkriptionen für Furore. Nur nach Gehör rekonstruierte der junge Pianist Note für Note Vladimir Horowitz’ nie niedergeschriebene, irrwitzig schwere Bearbeitungen von Werken Mozarts oder Bizets. Das brachte dem späteren Liszt-Experten Volodos auch den Titel eines „Erben der Virtuosenkultur des 19. Jahrhunderts“ ein. Der russische Pianist verschrieb sich jedoch trotz seiner überragenden technischen Fähigkeiten nie allein dem Virtuosentum. In seinen Konzerten und auf seinen raren, dafür aber mit Preisen überschütteten CDs erweist er sich stets auch als herausragender, manchmal erstaunlich eigenwilliger Klangkünstler, dessen Gefühl für die leisen, berührenden Momente jeden noch so gewaltigen Tastendonner in den Schatten stellt.

Auch in Hannover war das wieder zu beobachten: zum Beispiel in Brahms’ späten und so intimen Intermezzi op. 117. Allein die Vortragsbezeichnungen verraten hier viel über die Anforderungen an den Interpreten: „dolce“, „zärtlich“ heißt es da wieder und wieder - und einmal sogar „pp ma molto espressivo“, „sehr leise, aber sehr ausdrucksvoll“. Volodos, der statt auf einem Klavierhocker auf einem Bürostuhl mit Rückenlehne sitzt, verzaubert sein hingerissen lauschendes Publikum im Es-Dur-Intermezzo mit jener bekannten, gerade durch ihren schlichten Ton zu Herzen gehenden Wiegenliedmelodie, um dann im Mittelteil mit raffiniert eingesetztem Pedal Klänge so übereinanderzuschichten, dass sie sich wie Sequenzen im Traum immer wieder neu überlagern. Augenblicke reinen, unbeschwerten Glücks, aber auch solche voller Schmerz und Wehmut, die Brahms hier in Töne gefasst hat und denen Volodos einen kongenialen Ausdruck verleiht, ziehen am Publikum vorüber, setzen für Sekunden jedes Zeitgefühl außer Kraft.

Liszts so klanggewaltige Sonate in h-Moll wirkt in der teilweise höchst eigenwilligen Version dieses Pianisten wie das Abbild einer mächtigen, aber auch zerklüfteten Felsenlandschaft: verlassen und windumtost. Nach Applaus und Bravo-Rufen gibt es vier Zugaben: ein Liszt-Nocturne, eine Transkription eines Stücks des Katalanen Frederic Mompou sowie ein Allegretto und ein Menuett von Franz Schubert.

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