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Kultur Hannoveranerin übersetzt One-Millon-Dollar-Debüt
Nachrichten Kultur Hannoveranerin übersetzt One-Millon-Dollar-Debüt
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00:16 10.04.2015
Von Jutta Rinas
Findet in ihren Übertragungen einen ganz eigenen Ton: Astrid Becker.
Findet in ihren Übertragungen einen ganz eigenen Ton: Astrid Becker.  Quelle: Insa Cathérine Hagemann
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Hannover

Wer das Haus der hannoverschen Übersetzerin Astrid Becker betritt, der wird zunächst einmal nicht mit Literatur, sondern mit Kunst konfrontiert. Gleich im Eingangsbereich hängen ein Werk von Dieter Krieg und eines von Degenhard Andrulat einander gegenüber. Im Wohnzimmer über dem Sofa zieht neben kleineren Malereien und Fotografien ein raumgreifendes Werk des hannoverschen Künstlers Asmus Petersen alle Blicke auf sich.

Becker ist eine von vier Töchtern Petersens. Und dass ihr Ehemann, Stefan Becker, Vorsitzender des Freundeskreises des Sprengel Museums ist, trägt sicher auch dazu bei, dass die Liebe zur Bildenden Kunst in diesem Haus eine Art Familienangelegenheit ist.

„The million-dollar debutant“

Astrid Beckers größte Leidenschaft allerdings gilt der Literatur. Schriftstellerinnen wie Philippa Gregory oder Marissa Meyer oder Sachbuchautoren wie Paul Collins hat sie schon übersetzt. Für die Übertragung des Sachbuches „In einem unbewachten Augenblick“ des Historikers Mark Roseman ins Deutsche wurde sie 2003 sogar mit dem Geschwister-Scholl-Preis ausgezeichnet.

Mit der Übersetzung von Matthew Thomas’ „Wir sind nicht wir“, in diesem Frühjahr Spitzentitel im Berlin Verlag, ist ihr jetzt erneut ein Coup gelungen. Das Debüt des US-Amerikaners, eines Collegelehrers, der zehn Jahre lang an seinem ersten Roman schrieb, gilt in den USA als eine der aufregendsten Neuerscheinungen der vergangenen Jahre. Das hat nicht zuletzt damit zu tun, dass Thomas’ Debüt im Frühjahr 2013 bei der renommierten Londoner Buchmesse nach einem zweitägigen Bieterkampf für eine Million Dollar an den US-amerikanischen Verlag Simon & Schuster ging. Thomas firmiert in amerikanischen Zeitungen seitdem als „The million-dollar debutant“ und fuhr in den USA zum Teil überragende Kritiken ein. „Wir sind nicht wir“ ist seit Kurzem in Deutschland auf dem Markt - und sorgt auch hier für Aufsehen.

Ein amerikanischer Familienroman

Das ist umso bemerkenswerter, weil Matthew Thomas’ Epos zuallererst ein zutiefst amerikanischer Familienroman ist. Erzählt wird die Geschichte von Eileen Tumulty, Tochter irischer Einwanderer, die den in der US-Literatur schon so oft beschworenen Traum vom gesellschaftlichen Aufstieg träumt. Mit ihrem Mann Ed Leary und Sohn Connell glaubt die ehrgeizige Frau ihrer von Armut und Alkohol geprägten Kindheit entfliehen zu können, bis Ed mit 51 Jahren an Alzheimer erkrankt. Einem Demenzkranken hatte schon Jonathan Franzen in seinen „Korrekturen“ ein Denkmal gesetzt. Auch in „Wir sind nicht wir“ - der Titel bezieht sich auf ein Zitat aus Shakespeares „König Lear“ - gehören die Passagen, in denen Thomas den Zerfall von Ed Learys Persönlichkeit schildert, zu den stärksten.

Das Besondere an Matthew Thomas’ Debüt ist, wie genau er seine Figuren beobachtet und wie viel Zeit er ihnen widmet. Mit einer manchmal fast schon stoischen Ruhe entfaltet er Charakterzug um Charakterzug, reiht Ereignis um Ereignis aneinander. Das Leben der Learys zieht wie ein langsam dahinfließender, machtvoller Strom an einem vorbei und entfaltet, je weiter es fortschreitet, einen immer größeren Sog.

Heibert empfahl Becker

Dass Astrid Becker überhaupt den Auftrag bekam, den in den USA gehypten Autor zu übersetzen, hat sie einem deutschen Übersetzerkollegen zu verdanken. Eigentlich hatte der Berlin Verlag für seinen Spitzentitel Frank Heibert im Visier. Heibert übertrug unter anderem Werke von englischsprachigen Starautoren wie Tobias Wolff, Don DeLillo oder Richard Ford ins Deutsche. Aber er konnte nicht - und empfahl Astrid Becker.

Sie wollte den Job, obwohl sie dafür ein anderes Projekt absagen musste und klar war, dass dieser Auftrag - für den sie später das Niedersächsische Übersetzerstipendium 2014 bekommt - eine Art Himmelfahrtskommando wird. „Mit knapp vier Monaten war der Zeitrahmen für das fast 900 Seiten starke Werk sehr eng gesteckt“, sagt sie. Am Ende wurde mit Karin Betz sogar noch eine zweite Übersetzerin hinzugezogen. „Aber es war auch klar“, sagt Astrid Becker, „dass das ein außergewöhnliches Projekt ist.“

Thomas' Sprache und Beckers Übersetzung

Die 56-Jährige reicht eine Probeübersetzung ein; neben ihr werden auch andere Übersetzer gefragt. Aber sie bekommt den Zuschlag - und zwar sehr schnell. Es ist die Programmleiterin Internationale Literatur, Eva-Marie von Hippel, persönlich, die ihr bescheinigt, dass sie „den Ton“ des Amerikaners genau trifft. Sie tut dies - und verschreckt dabei doch nicht den typischen deutschen Leser. Denn Thomas verwendet auch eine gehörige Portion Pathos, um sein Familiendrama zu illustrieren.

„Die Amis lieben das Pathos. Das können wir so nicht abbilden“, sagt Becker. Auch häufige Wortwiederholungen, wie sie für Thomas’ Sprache charakteristisch seien, könne das Englische ertragen, das Deutsche nicht. „Wir müssen mehr Vokabular aufbieten.“ Um ihre These zu untermauern, hat Becker einige der signifikantesten Beispiele in Thomas’ Original gezählt. Nicht genug damit, dass 244 Sätze auf den ersten 100 Buchseiten mit „She“ anfingen, sagt sie - und weist mit den Fingern auf eine Liste auf dem Wohnzimmertisch. Auch das Wort „father“ komme auf den ersten 100 Seiten erstaunliche 210-mal vor, „mother“ immerhin noch 203-mal.

Solche Wiederholungen zu variieren, das Pathos zu mildern und dabei doch den speziellen Thomas-Ton zu wahren, das sei die Herausforderung gewesen, sagt Becker. Ein im Original mit kitschigen Bildern überladener Satz zeigt, wie sehr ihr das glückt. Von „Eisbergen von Emotionen“, vom „leisen Tauen der Gletscher“ im Herzen von Eileens Mutter ist da bei Thomas die Rede. Bei Astrid Becker wird daraus der ebenso schlichte wie poetische Satz: „Die Gefühle ihrer Mutter waren wie in einem Eisberg verborgen gewesen, der allmählich - und bis auf ein Krachen ab und an - geräuschlos geschmolzen war.“

Buchtipp

Matthew Thomas: „Wir sind nicht wir“. Aus dem Amerikanischen von Astrid Becker und Karin Betz. Berlin Verlag. 896 Seiten, 24,99 Euro.

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