Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Auf Pilgerschaft in sinnentleerter Landschaft
Nachrichten Kultur Auf Pilgerschaft in sinnentleerter Landschaft
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
21:07 27.02.2009
Von Michael B. Berger
Anzeige

Die utopischen Energien sind erschöpft, weltliche Heilsversprechen wie Nationalismus und Kommunismus haben in zwei Weltkriegen ihren Anspruch verwirkt, Auschwitz, Stalins Gulags, aber auch der 11. September haben den Gedanken einer fortschreitenden Humanität schwer in Zweifel gezogen: Kardinal Walter Kasper, Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, blickt nicht eben optimistisch auf die Fähigkeit des Menschen, sich allein mit seiner Vernunft aus dem Elend zu befreien. Auf Einladung des Katholischen Forums sprach der Kurienkardinal, nach dem Papst der einflussreichste Deutsche im Vatikan, am Donnerstagabend über das komplizierte Verhältnis von Glaube und Vernunft – und auch über die herumirrenden Piusbrüder.

Aus der Vogelperspektive des philosophisch geschulten Intellektuellen überflog Kasper die Jahrhunderte vom Beginn der Scholastik, als Anselm von Canterbury noch postulierte, dass der Glaube stets nach Einsicht verlangt (fides quaerens intellectum) über Immanuel Kant, der die Religion in die Grenzen der praktischen Vernunft verbannte, und landete schließlich im 20. Jahrhundert bei Jürgen Habermas. Der hat in seinen Dialogen mit dem damaligen Kardinal Joseph Ratzinger von einer „überanstrengten Vernunft“ gesprochen und die Religion wieder als Sinnressource entdeckt – eine Entdeckung ganz nach Kaspers Geschmack, die ihm aber bei Habermas nicht weit genug geht.

„Um des Menschen willen ist eine Aufklärung der Aufklärung nötig“, meinte der Kardinal – und erklärte die lange von nahezu allen westlichen Soziologen vertretene Ansicht, dass die christliche Religion sich in stetiger Säkularisierung allmählich selbst auflöse, als einen „europäischen Sonderweg“, der von dem Aufblühen der Religion in Asien und Amerika längst widerlegt worden sei, gewissermaßen in Zahlen und Gebeten. Selbst den Empirismus, der letztlich auf Erfahrungswissen basiert, hält Kasper für Metaphysik – „und zwar für eine schlechte“.
Dem Publizisten Daniel Deckers war es zu verdanken, dass das Katholische Forum nicht völlig in den Wolken des Metaphysischen verschwand, sondern Kardinal Kasper nach Dingen befragt wurde, die die hiesige katholische Welt derzeit bedrücken, etwa die Irrungen und Wirrungen der Piusbruderschaft. Sie, die Erztraditionalisten, betrachteten das Zweite Vatikanische Konzil als Sündenfall, skizzierte Deckers und fand einen zustimmenden Kardinal, der den Lefebvre-Brüdern ein völlig falsches Verständnis von Tradition bescheinigte – als einen einmal abgeschlossenen Vorgang und nicht als lebendigen Prozess einer Kirche, die sich ständig selbst erneuert. Das Zweite Vatikanum, das die Brüder kritisierten, sei eben daher kein Bruch der Tradition, sondern dessen Weiterentwicklung. Dahinter könne kein Papst zurück.

Ob die Bruderschaft zurückkehrt in den Schoß der großen, katholischen Kirche? Kasper meinte, der Papst habe ihr eine letzte Chance gegeben – auch weil dem deutschen Reformator Martin Luther mit der Verbannung diese Chance nicht gegeben worden sei. Ein starker Satz, ruhig gesprochen in jener Bibliothek, in der einst Gotthold Ephraim Lessing wirkte, der im Gegensatz zu Kardinal Kasper Vernunft und Offenbarung als Gegensatzpaar begriff.

27.02.2009
Ronald Meyer-Arlt 26.02.2009