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Kultur Auf Spurensuche im Theater „fensterzurstadt“
Nachrichten Kultur Auf Spurensuche im Theater „fensterzurstadt“
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08:10 10.12.2012
Von Jutta Rinas
Foto: Eigentümlich in der Schwebe: Laura Parker.
Eigentümlich in der Schwebe: Laura Parker. Quelle: Theater fensterzurstadt
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Hannover

Auch Friedrich Schiller ist an diesem Abend mit im Spiel, mit einem berühmten Satz aus seinen Briefen zur ästhetischen Erziehung. „Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt“, heißt es dort. Ist das tatsächlich so? Was bedeutet das fürs Theaterspiel? Und was hat es mit den anderen, den ganz normalen Menschen jenseits der Bühne zu tun?

Ein Jahr lang haben sich die Theatermacher Carsten Hentrich und Ruth Rutkowski vom hannoverschen Theater fensterzurstadt auf Spurensuche begeben – szenische Grundlagenforschung nennen sie das – und aus den Antworten das Stück „Vor dem Spiel“ entwickelt. Der Moment vor dem großen Auftritt ist das Thema. Was reine Nabelschau hätte bleiben können, eine Produktion, die sich auf das Reflektieren der Bedingungen von Theater beschränkt, wird an diesem Premierenabend in der Alten Tankstelle an der Striehlstraße zu viel mehr.

Hentrich, Alexandra Faruga und Laura Parker gelingt in einem Drei-Personenstück auf der Bühne eine berührende Kammerstudie voller Zartheit und Poesie; eine, die von der Sehnsucht der Menschen nach Aufmerksamkeit handelt und vom Scheitern daran.

Da sieht man einen Mann in Reiterhose und blauem Pullover exaltiert über eine Reihe von Paketen mit Zeitungen springen. Immer wieder stolpert er und fällt hin. Das Ganze wirkt wie eine groteske, sich wieder und wieder wiederholende Selbsterfahrungsübung. „Wie fühlt es sich an, wenn man hinfällt und nicht mehr hochkommt?“, sagt der Mann. Das interessiere ihn. Er sei ja „nicht mehr der Jüngste“ und zudem „im Gefühlsgeschäft“.

Eine Frau verlässt einen Freund. Ein letztes Mal versucht er, ihre Aufmerksamkeit zu erheischen: „Ich warte auf dich.“ „Bloß nicht“, kommt die Antwort. Dann, mitten im Dialog, ein Schnitt. Von Usain Bolt ist die Rede, jenem jamaikanischen Ausnahmesprinter mit „Big-Event-Mentalität“, der die übermäßigen Erwartungen an ihn scheinbar problemlos erfüllt. Szene für Szene, Satz für Satz, wird die Sehnsucht von Menschen danach, aufzufallen, Zuneigung zu bekommen, andere zu berühren, beleuchtet. Eine Frau steckt die Kerzen einer Geburtstagstorte andächtig an, ein Weihnachtsbäumchen wird verträumt mit künstlichem Schnee verziert: Weihnachten und Geburtstage sind ja auch so bedeutungsvolle Angelegenheiten.

Selbst szenische Fragmente, die man anfangs kaum versteht, fügen sich im Lauf der Inszenierung von Hentrich und Rutkowski ins große Ganze ein. Das scheinbar absichtslose, assoziative Verknüpfen loser gedanklicher Fäden ist ein Konstruktionsprinzip. Es führt dazu, dass die Dinge an diesem Abend zwar um ein Thema kreisen, aber zugleich auch auf eine eigentümliche Weise in der Schwebe bleiben.

Deshalb berühren einen so viele Sätze, obwohl sie sich zum Teil nahe am Pathos, nahe am Kitsch befinden: gefährlich nahe. Aber die Schauspieler halten sie in der Balance, mit großer Konzentration  und mit einem ausgeprägtem Gefühl für Zwischentöne. Großer Applaus.

Wieder am: 14., 15., 21. und 22, Dezember, 20 Uhr. Karten: (05 11) 22 02 19 12.

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