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Kultur Auf den Spuren von Rammstein-Sänger Till Lindemann: Ein Besuch in seinem Heimatdorf
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Auf den Spuren von Rammstein-Sänger Till Lindemann: Ein Besuch in seinem Heimatdorf

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12:26 09.06.2019
Der Sänger der Band Rammstein, Till Lindemann. Quelle: Jens Kalaene/dpa
Bad Kleinen

„Jetzt sagen Sie nicht, Sie wollen ’ne Karte fürs Konzert am Sonntag.“ Brigitte Lindemann steht in der Tür ihres kleinen roten Backsteinhäuschens im 23-Seelendorf zwischen Bad Kleinen und Bobitz, unweit des Schweriner Sees. Und lächelt. „Kommen Sie rein. Wir gehen in die Küche. Das ist doch viel zu heiß da draußen im Garten“, sagt sie und winkt den ungebetenen Besuch ins Haus. In der Küche dürfen wir Platz nehmen – unter einem Foto des Sohnes Till mit der Oma. „Och, Jahre her“, sagt sie. „Da war er noch jung.“ So Mitte 40. Schicker Kerl, der Till Lindemann, Sänger der Band Rammstein. Die Mama nickt anerkennend. Jetzt ist er 56. Immer noch schick.

Neben dem Foto hängt ein Bild, das ihr Sohn gemalt hat. Eine typisch mecklenburgische Landschaft. Das Bild des Profimusikers und Hobbymalers fällt nicht groß aus der Reihe zwischen all den Kunstwerken, die Brigitte „Gitta“ Lindemann in ihrem Haus hängen hat. Bilder von renommierten Künstlern aus Mecklenburg-Vorpommern wie Jo und Inge Jastram, Falko Böttcher, Michael Wirkner, Britta Matthies, aber auch eines des Schauspielers Armin Müller-Stahl. Mit der Malerin aus Hohen Viecheln ist die Familie Lindemann befreundet. Sohn Matthias Matthies, Gastronom in Schwerin, kennt Till Lindemann seit der Kindheit – über die Familien, sagt er. Früher sei der Rockstar auch öfter mal im „Freischütz“ oder im „Angler II“, seinen Restaurants in Schwerin, gewesen. „Na ja, in letzter Zeit nicht mehr so oft. Der hat ja auch viel um die Ohren“, sagt Matthies.

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„Zum 80. Geburtstag hat Till mir ein Bild von Michael Wirkner geschenkt“

Michael Wirkner (1954–2012), der habe das bemerkt, als er mal zu Besuch gewesen ist. „Das haste aber selbst gemalt“, hat der Maler aus Schwerin gesagt. „Nö, war mein Sohn“, hat sie geantwortet. Zum 80. Geburtstag im April hat sie einen Wirkner geschenkt bekommen. „Von meinem Sohn Till“, sagt sie. Brigitte Lindemann steht auf, geht durch die Küche, nimmt die Kartoffeln vom Herd und sich eine Super Slim der Marke Vogue aus der stylischen Zigarettenschachtel. „Können Sie mir mal das Feuerzeug da von der Terrasse holen“, sagt sie zum Fotografen. Im verwilderten Garten ducken sich Weide und Spitzahorn vor der Sonne. Mehr Idylle als hier geht eigentlich nicht. Abgeschiedener und naturverbundener kann man kaum wohnen, als Brigitte Lindemann, die Mama des Rockstars.

„Wenn Till hier ist, will er seine Ruhe haben. Und das ist auch gut so“

Der hat gemeinsam mit seiner Schwester noch ein weiteres Haus im Dorf. Ebenfalls Backstein und hübsch verwilderter Garten, mit Feuerstelle, Stahlstelen, Obstbäumen und zwei Grabsteinen im Garten. Daneben steht ein weißer Flügel mit so einer Art Trompetenhörnern vorne dran. Kunst im nicht ganz öffentlichen Raum. Auf dem Weg zum Haus steht eine Stiege mit Obst und Gemüse – Paprika, Fenchel, Bananen, Gurken. Neben der braunweißen Haustür hängt eine Glocke. Niemand zu Hause. Auf einem Holzschild steht: „Sind im Garten“ – aber niemand ist da.

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Auf der Bühne: Rammstein-Sänger Till Lindemann. Quelle: Axel Heimken/dpa

Der Nachbar steht an der Straße. „Ja, da wohnt Till Lindemann. Und seine Schwester Saskia. Wenn der hier ist, will er seine Ruhe haben und das ist auch gut so“, sagt der Mann. „Da oben“ – er zeigt ins Dorf – „da hat er auch mal gewohnt im alten Bahnwärterhäuschen. Und hat getrommelt.“ Damals seien oft Musiker im Dorf gewesen. Aber das Bahnwärterhäuschen steht nicht mehr. Überhaupt gibt’s nix mehr im Dorf. Früher seien ja noch einmal die Woche der Konsumwagen, der Fleischer und der Bäcker und einmal im Monat der Bibliothekswagen gekommen. Heute kommt keiner mehr. Dafür sei Sophia Thomalla schon mal da gewesen. Tolle Frau.

Heute muss man zum Einkaufen nach Bad Kleinen. Das gilt auch für den Rockstar. Bad Kleinens Bürgermeister Joachim Wölm sagt: „Ja, den Till Lindemann sieht man schon mal beim Edeka in Bad Kleinen. Aber der verhält sich total unauffällig. Der will seine Ruhe haben.“ Er sagt’s nicht, aber man denkt: Und das ist auch gut so.

Mama sagt: „Ich finde die Rammstein-Konzerte geil. Wie Operninszenierungen“

„Gitta“ Lindemann war bis 2002 Kulturchefin beim NDR in Schwerin. Mit ihrem Mann Werner Lindemann (1926–1993) gründete sie gemeinsam die Künstlerkolonie Drispeth. Sie ist eher der Typ für klassische Musik, gediegene Malerei und anspruchsvolle Literatur – oder? „Klar, zuletzt sind wir bei Daniel Hope in der Elbphilharmonie in Hamburg gewesen.“ Schon mal ein Rammstein-Konzert live erlebt? „Eins? Ich find’ die Konzerte geil“, sagt sie. „Diese ganze Atmosphäre. Das hat doch was von Operninszenierungen.“

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Brigitte Lindemann war in Paris und im Madison Square Garden in New York bei Rammstein-Auftritten. „In New York saß ich zwischen den ganzen Technikern und plötzlich mussten wir alle lachen, dass wir ‚kleenen Ossis‘ da nu hocken im Madison Square Garden – das war schon verrückt.“ Zwischen 12.000 Menschen, die wegen ihres Sohnes und seiner Band auf der Bühne durchdrehten. „Aber wissen Sie, was mich an diesen Jungs am meisten beeindruckt? Ihr Mut! Die trauen sich was und ecken an. Das war denen immer schietegal, ob etwas verboten ist oder was die Leute über sie denken“, sagt Brigitte Lindemann über die Band.

Rammstein-Sänger Till Lindemann: „Erholung ist Golf spielen, nicht Songs schreiben“

Ihr Sohn sei schon immer kreativ und künstlerisch aktiv gewesen. Der habe gemalt, schon als Kind Gedichte und später Lieder geschrieben und sich an allen möglichen Instrumenten ausprobiert. Aber er sei auch handwerklich geschickt und naturverbunden. Wenn er in sein Heimatdorf kommt, geht er gern angeln, geht auch auf die Jagd oder sitzt mal einfach nur im Garten rum und guckt in die Natur. Golfen, hat er 2015 mal in einem Interview der „Ostsee-Zeitung“ gesagt, sei für ihn Entspannung. „Erholung ist Golf spielen, nicht Songs schreiben“, so Lindemann.

Gelernt hat er Korbflechter, er hat als Bautischler, Korbmacher, Zimmermann, Galerietechniker gearbeitet und nach der Wende als ABM beim Kulturverein Schloss Wiligrad mit angepackt. Dort ist er immer noch mal anzutreffen, sitzt im Gartencafé oder besucht Ausstellungen im Schloss – drei, vier Mal im Jahr. Cafébetreiber Günther Lenz, der auch die Gärtnerei am Schloss hat, sagt: „Wir freuen uns immer, wenn er mal hier ist und lassen ihn einfach in Ruhe. Der sitzt dann unauffällig im Garten, hat ’nen Turban oder ein Tuch auf dem Kopf, damit ihn keiner erkennt, und isst seinen Kuchen.“

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Auch Sophia Thomalla sei schon mal dabei gewesen und sogar ihre Mutter, die Schauspielerin Simone Thomalla mit ihrem Lebensgefährten, dem Handball-Nationalspieler Silvio Heinevetter.

Auf Schloss Wiligrad hat Lindemann mal das Foyer vollgeräuchert.

Philip Humpf, Angestellter im Schlossverein, erinnert sich gern an Lindemann-Anekdoten aus dessen ABM-Zeit. „Der wollte im Winter mal im Foyer einheizen, hat alte Paletten in den Kamin geschmissen und angemacht. Tja, der war aber zugemauert. Da hat er hier das ganze Foyer zugequalmt.“ Der Pyromantiker, der auf der Bühne wilde Feuer-Shows feiert, in seinen Anfängen sozusagen.

In der Adventszeit hat er sich als Weihnachtsmann verkleidet und die Geschenke für Kinder oben aus einer Luke im Foyer abgeseilt. Das war für die Lütten ein Riesen-Event. Was sie damals noch nicht wussten: Die Weihnachtsgeschenke kamen vom späteren Rockstar.

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Auch Rostocks Kunsthallendirektor Jörg-Uwe Neumann freut sich immer, wenn Till Lindemann mal reinschneit. „Ein faszinierender Mensch, der eine immense Energie mitbringt, wenn er den Raum betritt.“

„Rammstein-Konzerte sind wie große Familientreffen“

Charisma halt. Lindemann habe mit der Kunsthallen-Crew schon nach den Ausstellungen seines Kumpels Andreas Mühe (39), einmal solo und einmal gemeinsam mit Malerfürst Markus Lüpertz (78), in der Kunsthalle gefeiert. „Das waren sehr schöne After-Show-Partys“, sagt Neumann. Malerfürst, Rockstar und Starfotograf zusammen am Rostocker Schwanenteich.

Brigitte Lindemann freut sich schon auf das Konzert im Rostocker Ostseestadion am 16. Juni. Das sei ja wie nach Hause zu kommen. „Rammstein-Konzerte sind immer wie ganz große Familientreffen“, sagt sie. „Und es ist mein erstes Open-Air-Konzert von Rammstein. Aber ’ne Eintrittskarte kann ich Ihnen trotzdem nicht besorgen.“ Macht nichts. Viel Spaß!

Von Michael Meyer/RND