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19:57 01.01.2012
Von Stefan Stosch
Leonardo DiCaprio spielt in Clint Eastwoods „J. Edgar“ den umstrittenen FBI-Gründer J. Edgar Hoover. Quelle: Warner Bros.
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Hannover

Am liebsten setzt das Kino aufs Prinzip Überwältigung. Mit immer ausgetüftelteren (Computer-)Effekten und immer größerer PR-Kraft sollen die Zuschauer in den Kinosesseln gehalten werden. Umso mehr sticht ein Werk aus dem Kinojahrgang 2012 hervor, das ein echtes Experiment der Reduktion wagt: Der französische Film „The Artist“ (Kinostart: 26. Januar) verzichtet auf Farbe und auch auf Dialog. Die ästhetische Form folgt dem Inhalt: Erzählt wird von einem Stummfilmstar (gespielt von Jean Dujardin), der an der Tonfilm-Revolution scheitert.

Die Hollywood-Produktion „The Avengers“ dagegen protzt mit geballter Starpower: Gleich eine ganze Kohorte von Superhelden aus dem Marvel-Comic-Imperium soll ab Ende April die Welt retten. Es treten an: Thor, Captain America, Black Widow, Iron Man und Hulk. Bei der Besetzung – Robert Downey Jr., Scarlett Johansson, Samuel L. Jackson, Mark Ruffalo, Jeremy Renner und Chris Evans – wird’s richtig krachen.

Im November darf endlich auch James Bond nach all dem finanziellen Hickhack ums MGM-Studio im November seinen 23. Auftrag mit dem Titel „Skyfall“ erfüllen. Seit Daniel Craig die Dienstnummer 007 übernommen hat, hat sich der Agent von der unkaputtbaren Kunstfigur zurück in einen Menschen aus Fleisch und Blut verwandelt. Jetzt bekommt er es mit Javier Bardem als Gegenspieler zu tun –  die Chancen auch für ein schauspielerisches Duell stehen also gut.

Auch sonst will Hollywood 2012 mit viel Franchise-Ware auf Nummer sicher gehen, darunter mit dem vierten Abenteuer von „Ice Age“ (2. Juli). Ebenso zwängen sich Batman („The Dark Knight Rises“, Juli) unter der bewährten Regie von Christopher Nolan und Spider-Man („The Amazing Spider-Man“, ebenfalls im Juli) mit Andrew Garfield als neuem Helden in die Gummikostüme. Schluss ist’s endgültig mit den keuschen Vampiren: Im November beißen die Blutsauger der „Twilight“-Saga zum letzten Mal zu.

Peter Jackson will an den gigantischen Erfolg der „Herr der Ringe“-Trilogie anknüpfen, erzählt in dem Zweiteiler „Der Hobbit“ (Dezember) jedoch eine eigenständige Geschichte: Zauberer Gandalf und Hobbit Bilbo bekommen es mit dem bösen Drachen Smaug zu tun – natürlich in 3-D.

Geradezu dreist hat sich US-Regisseur David Fincher ans Werk gemacht. Er bringt die noch nicht einmal drei Jahre alte schwedische „Millennium“-Trilogie ein zweites Mal ins Kino. Statt Mikael Nyqvist und Noomi Rapace treten jetzt Daniel Craig und Rooney Mara gegen die mit Sadisten durchsetzte skandinavische Industriellenfamilie an. Der erste Teil „Verblendung“ startet bereits am 12. Januar in den Kinos.

Lässt sich so viel Unverfrorenheit noch toppen? Von James Cameron schon. Dem einstigen König der Welt dürfte der Titel „King of Recycling 2012“ gebühren: Cameron bringt seinen eigenen Blockbuster „Titanic“ noch einmal ins Kino. Der entscheidende Unterschied zur Erstaufführung 1997: Der Luxusliner säuft zwar immer noch ab, jetzt aber dreidimensional.

Bei so viel Lust an Wiederholungen freut man sich über jeden Regisseur, der sich von Serienware fernhält. Der nimmermüde Steven Spielberg gehört dazu. Nach seinem technisch versierten „Tim und Struppi“-Abenteuer kehrt er zurück zur anrührenden Familienunterhaltung. In der Literaturverfilmung „Gefährten“ (16. Februar) muss zwar kein Außerirdischer nach Hause befördert, wohl aber ein Pferd im Ersten Weltkrieg von der Front gerettet werden. Bitte Taschentücher mitbringen!

In den USA bereits mit Ehrungen überhäuft wurde die Literaturverfilmung „The Descendants“ (26. Januar) von Alexander Payne, die auch bei den Oscars am 26. Februar eine Rolle spielen dürfte. Darin ist George Clooney als überforderter Familienvater mit zwei Töchtern zu sehen – und zwar im Hawaiihemd. Meryl Streep verwandelt sich in „Die Eiserne Lady“ (1. März) in Margaret Thatcher. Der britische Extremkomiker Sacha Baron Cohen kehrt als „Der Diktator“ (17. Mai) zurück.

Eines der interessantesten Projekte 2012 ist „In the Land of Blood and Honey“: Regienovizin Angelina Jolie hat ein Kriegsdrama in Bosnien gedreht – ganz ohne Hollywood-Überzuckerung. Selbstverständlich liefert auch Altmeister Clint Eastwood seine nächste Regiearbeit ab: In „J. Edgar“ (19. Januar) verfolgt er das Leben des umstrittenen FBI-Gründers J. Edgar Hoover. In der Hauptrolle: Leonardo DiCaprio.

Und die Deutschen? Detlev Buck verfilmt Daniel Kehlmanns Bestseller „Die Vermessung der Welt“, in dem sich Alexander von Humboldt und Carl Friedrich Gauß begegnen. Doris Dörrie macht sich an Ferdinand von Schirachs Erzählung „Glück“ (23. Februar) – es wird gemunkelt, dass dieser Film einer der deutschen Beiträge der Berlinale im Februar sein könnte.

Helmut Dietl setzt im Kino seine Fernsehserie „Kir Royal“ fort, mit der er in den Achtzigern einen Riesenerfolg landete. Die Handlung seiner Gesellschaftssatire „Zettl“ ­(2. Februar) hat er von München nach Berlin verlegt. Mit dabei: Michael „Bully“ Herbig als ein Chauffeur, der als Chefredakteur eines Online-Magazins Karriere macht. Und Sönke Wortmann hat seinen neuen Film „Das Hochzeitsvideo“ (19. Juli) inkognito gedreht, weil er eine echte Feier filmte und nicht groß stören wollte. Auch das dürfte ein seltener Fall von Bescheidenheit im Kinojahr 2012 bleiben.

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