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Kultur Aufforderung zum Tanz
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08:43 09.07.2012
Von Heinrich Thies
Die Band „Rainer von Vielen“ rockte am Wochenende das Wendland. Quelle: Ribbe
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Salderatzen

Das Staatstheater Hannover lockte mit einer Uraufführung der besonderen Art: „Mythen der Freiheit“, ein Theaterkonzert mit Rainer von Vielen, einer Alternativband aus dem Allgäu. Mit den vier Musikern und drei Schauspielern aus dem Ensemble des Schauspiels Hannover ließ Regisseur Florian Fiedler es in einer Kulturscheune krachen.

Der Regisseur spricht von einem Gegenbesuch. „Im Herbst 2010 haben wir die „Republik Freies Wendland“ mit dem wiederaufgebauten Hüttendorf nach Hannover geholt, jetzt gehen wir ins Wendland.“ Ungewöhnliche Kulturereignisse sind hier nicht ganz so ungewöhnlich wie andernorts. Die jahrzehntelangen Proteste gegen die Atompolitik haben eine bunte Ästhetik des Widerstandes geschaffen. Livekonzerte auf besetzten Schienen gehören ebenso dazu wie Chorsingen am Rande brennender Barrikaden.

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Trotzdem zog es jetzt auch etliche Veteranen des Widerstands zum Gastspiel der hannoverschen Theaterleute nach Salderatzen. Zum Beispiel Wolfgang Ehmke. „Freiheit ist schließlich auch unser Thema“, sagt der Sprecher der Bürgerinitiative Umweltschutz in sommerlicher Vorfreude. „Wir haben uns hier das Recht der Straße erkämpft.“

Um Freiheit geht es denn auch tatsächlich in der Scheune. In allen Variationen: Freiheit der Finanzmärkte, Freiheit der Liebe, Freiheit des Konsums ... Ein Dutzend solcher Slogans hängt an einem Schilderbaum. Nach und nach aber werden alle Tafeln abgehängt.

Denn das Junge Schauspiel Hannover feiert eine Messe der Antifreiheit und müht sich, das Publikum in einer fast zweistündigen Show vom Unwert der Liberalität zu überzeugen – mit Liedern von Rainer von Vielen und gemeinsam entwickelten Spielszenen. Einpeitscher fordern das Publikum zum Klatschen, Tanzen und Mitspielen auf. „Hoch die Hände! Erhebt euch!“ Die Akteure wandern durch die Zuschauerreihen, umarmen die Besucher oder halten ihnen Mikros unter die Nase und fragen, was sie fühlen. „Freiheit? Das ist okay.“

Ein bisschen fühlt man sich dabei in das Animationsprogramm eines „Robinson Clubs“ versetzt, ein bisschen erinnert dieses „Theaterkonzert“ an die Gehirnwäscheshow eines Sektengurus. Dabei gehen die Botschaften wild durcheinander. Holzhammer-Satire („Fort mit der Freiheit“) mischt sich mit ernsten Appellen: „Empört euch! Denn diese Welt, sie gehört euch!“ Es beginnt mit einem Aufmarsch von drei Sternsingern, von denen einer seine Eltern umbringt, und endet mit einem Hohelied auf das Chaos.

Die Darsteller singen „Die Gedanken sind frei“ oder stimmen eine gotteslästerliche Hymne auf den „Antifreist“ nach dem Choral „Großer Gott, wir loben dich“ an, sie bespötteln den Kapitalismus und die Postmoderne in Raps und Rocksongs. „Yo Digger, krass Alter. Fett, wie geil ist das denn?“ Irgendwie dreht sich alles um die Freiheit, aber eine übergreifende, gestaltende Idee wird in dieser Patchworkdramaturgie nicht erkennbar. Alles wirkt ein bisschen beliebig.

Irgendwann hört man auch auf, darüber nachzudenken. Denn die Anarchopoesie in den Songtexten hat durchaus ihren eigenen Witz, und außerdem lebt dieses Spektakel vor allem von der Musik der fetzigen Allgäu-Truppe. Im Zentrum steht der Namensgeber der Band. Rainer von Vielen spielt nicht nur virtuos Akkordeon, Mundharmonika und Mundorgel, sondern zaubert auch mit seiner Gesangsstimme. Der Mann in Schwarz wandelt sich vom Tenor zum russischen Bass, vom Rapsänger zum Dada-Wortakrobaten, dass es eine Freude ist. Sogar jodeln kann der Allgäuer.

Nein, dieses Theaterkonzert ist keine  Agitpropveranstaltung mit Anti-Atom-Gesängen, sondern schrill, überdreht und mitreißend. Und je weiter der Abend voranschreitet, desto weniger hält es die Leute auf den Stühlen. Ein Teil der Kulturscheune ist ohnehin für Stehplätze reserviert und als Tanzfläche vorgesehen. Am Ende ist die Hälfte des Publikums der Aufforderung zum Tanz gefolgt. Als Rainer von Vielen schließlich „Tanz deine Revolution“ anstimmt, weht der Geist der Castor-Proteste durch die Scheune. Party wie auf den Schienen.

Mit einem vom Schauspielhaus gecharterten Bus sind auch rund vierzig Theaterfreunde aus Hannover angereist. Die Buspassagiere sind fast alle schon im Rentenalter und anders als Regisseur Fiedler im Castor-Protest zumeist noch unerfahren. Nur wenige der angereisten Senioren mischen sich unter die – ebenfalls nicht mehr ganz jungen – Tanzenden, doch die Begeisterung erfasst auch sie.

„Großartig“, findet das zum Beispiel der 73 Jahre alte Erich Deppe, als er schon wieder neben seiner Frau im Bus sitzt. „Erinnert mich an die ,Rocky Horror Picture Show‘.“ Für die weiteren Aufführungen ist die Anreise kürzer, denn mit Beginn der neuen Spielzeit wird das Theaterkonzert auch in Hannover zu sehen sein.

Welche Zusatzkosten die Uraufführung im Wendland verursacht hat, will das Theater nicht verraten. Der Regisseur betont aber, dass es sich um eine „Low-Budget-Produktion“ handelt. In der Tat ist das Bühnenbild eher schlicht, und die Kostüme sind aus Müll – die Regenmäntel ebenso wie der Reifrock aus Klarsichtfolie. Für weiteres Recycling ist die gesamte Show geeignet.

Am 28. September hat das Theaterkonzert mit Rainer von Vielen um 19.30 Uhr im hannoverschen Ballhof Premiere. Karten: (05 11) 99 99 11 11.

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