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09:54 24.10.2015
Von Stefan Arndt
Der berühmteste Lockenkopf der Klassikwelt: Sir Simon Rattle (55) ist seit 1999 Chefdirigent der Berliner Philharmoniker – aber nur noch bis 2018. Quelle: dpa

Wahrscheinlich haben sie ihren Spaß gehabt in München. „Alles, was ist, endet“, schreibt die Plattenfirma des Bayerischen Rundfunks über den Begleittext ihrer neuen „Rheingold“-Aufnahme. Natürlich ist das ein Zitat aus dem Vorabend von Wagners Nibelungen-Tetralogie; es ist aber sicher auch eine Anspielung auf Simon Rattle, den Dirigenten der Aufnahme. Denn es ist gerade allenthalben zu spüren, dass sich die Zeit des 55-jährigen Engländers als Chef der Berliner Philharmoniker dem Ende neigt. 2018 wird er diese renommierteste Position der Klassikwelt aufgeben. Und schon jetzt sucht er neue Betätigungsfelder. Den „Ring“ hat Rattle auch schon in Berlin aufgeführt. Eingespielt hat er „Rheingold“ nun aber mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks in München.

Dass Rattle aber auch außerhalb Berlins nichts mehr beweisen muss, stellt er gleich zu Beginn klar. Das tiefe Es, mit dem das Stück „auf dem Grunde des Rheins“ beginnt, tönt naturhaft unspektakulär, und auch das folgende Akkord-rauschen klingt hier nicht wie so oft nach aufbrausenden Meeren, sondern nur nach dem behaglichen Strom, der der Rhein nun einmal ist.

„Alles, was ist, endet“

Spektakulär wird es, sobald gesungen wird: Rattle hat viel Wert auf Textverständlichkeit und semantische Phrasierungen gelegt. Wer bei diesem komplexen Stück mehr vom Text versteht, versteht auch das Stück selbst besser. Das ist sogar in der Orakelpassage zu hören: Üblicherweise zielt die Melodie bei „Alles, was ist, endet“ auf den Schluss, ein dichter Legato-Bogen führt vom Beginn nahtlos bis zum letzten Wort. Bei Rattle aber erlaubt sich die Sängerin Elisabeth Kulman eine bezeichnende Pause zwischen „ist“ und „endet“: Mit der Ankündigung ist das Ende hier schon eingetreten.

Natürlich vergisst Rattle bei allen Tugenden des Operndirigenten, die er in diesem „Rheingold“ an den Tag legt, auch seine sinfonische Herkunft nicht: Der Orchestersatz klingt edel, durchsichtig, detailscharf und stringent. So hinterlässt diese Aufnahme beim Hörer nur die Sorge, dass die CD-Einspielung ein einmaliges Gastspiel bleiben und dieser vielversprechende „Ring“ sich nicht schließen könnte.

In jeder Hinsicht vollendet sind dagegen die Aufnahmen, die Rattle zeitgleich auf dem luxuriösen hauseigenen Label der Berliner Philharmoniker veröffentlicht hat. Seine Gesamteinspielung der sieben Sinfonien von Jean Sibelius ragt selbst unter den handverlesenen Veröffentlichungen dieser Reihe heraus. Die raue Klangwelt des finnischen Komponisten, die rumpelige Motorik seiner Rhythmen und die lakonischen Schlusswendungen tönen hier wie selbstverständlich. Rattle meidet das Bild von Sibelius als nordischem Sonderling und flutet die düsteren Partituren geradezu mit Licht. Seine Philharmoniker demonstrieren dabei mit teilweise unfassbarer Klangschönheit eindrucksvoll ihren Anspruch als die Spitze der Spitzenorchester.

Petrenko kann bestenfalls interessieren

Wie groß der Unterschied zu anderen guten Klangkörpern ist, kann man auf den Aufnahmen hören, die das niedersächsische Label cpo nun wiederveröffentlicht hat: Die drei CDs mit Musik von Josef Suk – dem Schwiegersohn Antonin Dvoráks – und dem Orchester der Komischen Oper Berlin waren schon nicht mehr erhältlich, sind nun aber wegen der Prominenz des Dirigenten neu aufgelegt: Kirill Petrenko ist inzwischen zu Rattles Nachfolger erkoren worden.

Was die Musikwelt von ihm erwarten kann, lässt sich an diesen Einspielungen – den einzigen, die von Petrenko derzeit zu haben sind – allerdings nur erahnen: Der Klang des präzise vorbereiteten Orchesters ist oft wenig ausgewogen, und die spätromantische, gleichwohl ungewohnte Musik des tschechischen Komponisten kann hier bestenfalls interessieren, kaum aber begeistern.

Etwas ausgewogener, doch auch nicht vollends überzeugend wirkt die Aufnahme, mit der Simon Rattle sich an seinem zukünftigen Wirkungsort präsentiert: Mit dem London Symphony Orchestra, dem er bereits ab 2017 als Chef vorstehen wird, hat er jetzt Robert Schumanns Oratorium „Das Paradies und die Peri“ beim Plattenlabel des Orchesters veröffentlicht. Natürlich ist das ein Plädoyer für das selten gespielte Stück. Zugleich strahlt Rattle auf der Einspielung aber auch eine Gelassenheit aus, als sei er auf Betriebsausflug. Auf musikalische Großtaten, wie sie dem Dirigenten jetzt mit Wagner und Sibelius gelungen sind, muss man in London vorerst noch warten.

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