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Kultur Aufs Äußerste treibt’s nur die Regisseurin
Nachrichten Kultur Aufs Äußerste treibt’s nur die Regisseurin
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13:32 28.09.2011
Von Ronald Meyer-Arlt
Die Limonade war vergiftet, Luise stirbt, und Ferdinand klagt. Quelle: Karwasz
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Braunschweig

Ein Liebesbrief reicht heute nicht mehr. Damit der junge Ferdinand ­eifersüchtig wird, muss es schon etwas Stärkeres als Post sein: eine Pornoszene etwa, aufgenommen mit einer Sofortbildkamera. Und als Ferdinand, der Ministersohn, dann sieht, was der blöde von Kalb mit seiner geliebten Luise Miller treibt, da rast ihm dann doch die Eifersucht in Herz und Hirn, und die Kabale strebt ihrem tödlichen Ende entgegen.

Die junge Regisseurin Daniela Löffner hat am Staatstheater Braunschweig Schillers „Kabale und Liebe“ inszeniert. Sie packt das Stück hart an, dockt es, wo sie kann, an die Gegenwart an, nimmt es dabei aber immer ganz ernst. Ihr Bezugspunkt aber bleibt Schiller und die Geschichte der unglücklich Liebenden, die er 1784 geschrieben hat. Sie lässt ihre Figuren die alte Sprache sprechen und sie dabei doch – Kunststück – ganz von heute sein.

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Wenn Luise (Rika Weniger) und Ferdinand (Philipp Grimm) im Haus des Musikers Miller ihre Liebe entdecken, dann werden bei den gegenseitigen Körpererkundungen ganz selbstverständlich auch die Gürtelschnallen aufgefummelt. Und wenn der Minister mit seinem Berater Wurm dem bürgerlichen Musiker staatsfeindliche Umtriebigkeiten unterstellen will, dann gelten als Beweis die 88 Säcke Kunstdünger, die Vater Miller versehentlich bei „Eh Bei“ (wie er das nennt) bestellt hatte. Und wenn Ferdinand beim Ministervater zum Rapport antritt, muss er nach einigen Liegestützen Schießübungen absolvieren: zur Abhärtung auch auf Schwangere, Asylbewerber und behinderte Kinder. Aufs Äußerste treibt’s bei Schiller nur die Liebe – hier macht das auch die Regisseurin. Doch immerhin: mit Liebe.

Albern wirken die Szenen, die Regisseurin Daniela Löffner dazuerfunden hat, nie. Manche Bilderfindung ist sogar ganz zwingend. Wenn Lady Milford sich an ihrem Schmuck erfreut, geraten die anderen Akteure erheblich in Ekstase. Vater Miller treibt es sogar so weit, dass er sich seiner Hose entledigt. Und später steht er beim Besuch des Ministers von Walter in seinem Haus ohne Hose da. So ist das Grundgefühl einer Szene sehr schön in ein Bild übersetzt.

Das Theatermittel der ständigen Anwesenheit aller Personen auf der Bühne und der Trick, alle Personen zu Teilen des Bühnenbildes zu machen (so frieren sie ein und halten Blumentöpfe, die auf der sandigen Rundbühne von Claudia Kalinski eine wichtige Rolle spielen), wurden bereits vom Regiealtmeister Jürgen Gosch gepflegt. Daniela Löffner hat bei ihm als Assistentin gearbeitet – und sie hat offensichtlich sehr gut aufgepasst.

Ihre Version von „Kabale und Liebe“ ist intelligent und sinnlich und nur manchmal – etwa wenn Lady Milford güldenen Sternenstaub auf die Personen wirft und sie verzaubert, als sei sie der Puck aus Shakespeares „Sommernachtstraum“ – ein bisschen zu verspielt.

Doch Schauspieler wie Oliver Simon (Wurm), Theresa Langer (Lady Milford) und den noch vom Staatstheater Hannover bekannten Moritz Dürr (Minister von Walter) sieht und hört man gern. Das Schönste aber ist der Einfallsreichtum der Regisseurin – und dass sie sich nicht halb amüsiert von einem großen, pathosgeladenen Text abwendet, sondern ihn an- und ernst nimmt.

Wieder am 10., 22. und 27. Oktober. Karten: (05 31) 1 23 45 67.

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