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Kultur Aufstieg und Fall einer Beseelten
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21:29 12.02.2012
Whitney Houston während eines Konzertes in Hannover am 16.05.2010.
Whitney Houston während eines Konzertes in Hannover am 16.05.2010. Quelle: dpa
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Beverly Hills

August 1999. Es hatte sich angehört wie ein Witz, ein ziemlich billiger Witz: Whitney Houston singt auf dem Stoppelmarkt in Vechta. Doch nun stand sie da, zwischen Schießbude und Riesenrad. DIE Whitney Houston. Irgendwie war den Veranstaltern dieses Ding gelungen. 15 000 Fans sahen, staunten und hörten, wie diese Stimme glasklar und quer durch alle Oktaven über die weiten Felder Vechtas tönte. Die Sängerin hatte eine Babypause gemacht, nun war sie wieder da, gereift, mit reiferen Songs wie „My love is your love“ und „It’s not right, but it’s okay“.

Monsterballaden und antiseptischer Mainstreampop hatten ihre fantastische Stimme zu Weltruhm getragen, doch irgendwie war sie hängen geblieben in den Achtzigern. War das nun eine neue, bekennende, nachdenkliche Whitney Houston? Auf dem Stoppelmarkt in Vechta?
Zeitsprung. Elf Jahre später, Houston, 47, kann im Mai 2010 nicht mehr verbergen, wie sehr das Leben zwischen Weltkarriere und privaten Problemen ihr zugesetzt hat. Nicht zu übersehen, nicht zu überhören. 5500 Fans hat sie zum Konzert in die TUI Arena gelockt. Doch den großen Songs ihrer großen Zeit kann sie kaum mehr Leben einhauchen, sondern höchstens noch an sie erinnern. Das Publikum ist gnädig und applaudiert mehr der Lebensleistung denn dem, was von einer der größten Stimmen des Soulpop übrig geblieben ist. Keiner lässt sich gern die schönen Jugenderinnerungen sandstrahlen. Doch am Ende ist es in Hannover wie auch bei Tourneestationen davor und danach letztlich nur eines: Diva-Demontage.

Einige Hundert gehen vorzeitig. Nicht nur eine große Stimme ist gebrochen, sondern auch ein Versprechen. „I will always love you“, diese verdammte Hymne, die meistverkaufte Popsingle einer Frau überhaupt – sie könnte auf dieses Lied aus ihrem Film „Bodyguard“ auch verzichten. Doch sie zelebriert den Anlauf zu diesem bereits unerreichbar hohen „you ...“, sie nimmt Fahrt auf, setzt zum Sprung an und ... ob sie den Ton getroffen hat? Es ist nicht genau zu hören, es geht im Applaus des Publikums unter. Das hat etwas Gnädiges – während die Houston auf der Bühne beinahe arrogant posiert, triumphal und: Kaugummi kauend!

Dann nun die Nachricht: Whitney Houston ist tot. Gefunden am Sonnabendnachmittag in ihrem Hotelzimmer in Beverly Hills. Sie war wegen der Grammy-Verleihung in der Stadt, die in der vergangenen Nacht (unserer Zeit) über die Bühne gegangen ist. Rätselraten über die Todesursache, doch vor den Obduktionsergebnissen bleibt alles Spekulation, was sich wegen der langjährigen Suchtprobleme Houstons in der Gerüchteküche zusammenbraut. Nach Informationen des Senders CNN hatte Houstons Freund, R&B-Sänger Ray-J, kurz zuvor einen Notruf abgesetzt. Als die Polizei im Zimmer im vierten Stock des Beverly Hilton Hotel eintraf, lag die Sängerin auf dem Boden. Alle Wiederbelebungsversuche waren vergeblich. Hinweise auf ein Verbrechen gebe es nicht, sagte ein Polizeisprecher.

Die Musikbranche trauerte vor Ort. Houston hatte auf einem „Grammy-Dinner“ ihres früheren Produzenten und Mentors Clive Davis auftreten sollen. Stattdessen sprach Davis mit gebrochener Stimme Abschiedsworte: „Ich habe ein schweres Herz.“

Die Nachricht erschüttert nicht nur die USA: Whitney Houston ist tot. Der Rauschgift- und Alkoholmissbrauch der Sängerin hatte Freunden schon seit Jahren Sorgen bereitet. Dennoch war die Todesnachricht ein Schock.

Man kann die Karriere Whitney Houstons in beeindruckenden Zahlen zusammenfassen: 170 Millionen verkaufte Tonträger, sechs Grammys, rund 200 Gold- und Platinauszeichnungen, als man dafür noch im mittleren sechsstelligen Bereich Platten absetzen musste. Balladen wie „Greatest Love of all“, „All at once“, „Saving all my Love for you“ (alle vom zweiten Album „Whitney“) oder „One Moment in Time“ zu den Olympischen Spielen 1988 definierten die Ausdrucksmöglichkeiten von Soulgesang neu – und legten den Grundstein für den kurvenreichen R&B-Gesang heutiger Prägung. Whitney Houston war „The Voice“ und „Americas Sweetheart“. Sie trug den schwarzen Soul im Geiste Aretha Franklins (ihrer Patentante) oder Dionne Warwicks (ihrer Cousine) in die keimfreie Neon- und Synthiepopwelt der achtziger Jahre.

Mutter Cissy hatte schon bei Elvis und Hendrix im Hintergrund gesungen, Whitneys Weg ins Showgeschäft war vorgezeichnet. Nicht in dieser Skizze enthalten war aber vermutlich, dass sie als Model auf dem „Vogue“-Titel landen und eine Stimme herausbilden würde, die die Welt so noch nicht gehört hatte. Die USA hatten eine neue Traumfrau – und Mitte der Achtziger mit Michael Jackson und eben Whitney zwei Musikfamilienwunderkinder, deren Karrieren so unterschiedliche Schwerpunkte hatten und deren Leben sich in ihren Verläufen und ihren riesigen emotionalen Ausschlägen doch so ähnelten.

Doch während Jackson sich auf der Bühne hinter einer Kunstfigur versteckte, den Pop zum Heldenzirkus machte und von der permanenten Neuerfindung des Showeffekts lebte, beschränkte Houston die Akrobatik auf ihre Stimme. Als sie 1991 vor dem Superbowl die US-Nationalhymne interpretierte, sprachen die Menschen anschließend mehr über diese zwei Minuten als über das ganze Footballspiel. Sie packte alles hinein: Jazz, Gospel, Soul – und das Selbstverständnis, eine Stimme unbegrenzter Möglichkeiten zu haben. Die Houston-Version des „Star-Spangled Banner“ ging in die Top Ten der amerikanischen und kanadischen Charts ein. Das hat nie wieder jemand nach ihr geschafft.

Doch dann zogen Wolken auf über dieser Sonnenscheinkarriere. Ihre turbulente Ehe mit dem Rapper Bobby Brown, aus der auch die heute 18-jährige Tochter Bobbi Kristina hervorging, förderte in den 15 Jahren bis zur Scheidung 2007 mehr Schlagzeilen als kreative Ideen zutage. Alkohol, Drogen, Sucht, Entzug, Rückfälle, verstörende Bilder einer aufgedunsenen Frau. Und immer weniger Musik. Mit jedem musikalischen Comebackversuch wurde auch die Hoffnung auf eine Rückkehr in ein geordnetes Leben verbunden. Doch eines war klar: Das Mädchen mit den lustigen Locken, das so keck durch die MTV-Clips gehopst war, hatte nichts mehr mit der traurigen Welt dieser Frau zu tun.

Bobby Brown gab am Sonnabend, Stunden nach dem Tod seiner Exfrau, ein Konzert in Mississippi. Er sagte unter anderem: „Ich liebe dich, Whitney.“ Ein Satz, der ihm im Internet noch um die Ohren flog.

Von Uwe Janssen und Volker Wiedersheim