Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Raum für Zeit
Nachrichten Kultur Raum für Zeit
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
12:51 05.04.2014
Von Daniel Alexander Schacht
Foto: Wie Luftdruck wirkt: „Aufgebauscht“ von Iris Temme.
Wie Luftdruck wirkt: „Aufgebauscht“ von Iris Temme. Quelle: Felix Schledding
Anzeige
Hannover

Kunst kann ganz schön aufgeblasen sein. Zum Beispiel die Skulpturen der Metallbildhauerin Iris Temme. Die schweißt Bleche zu Würfeln zusammen, bläst sie mit gut 50 Bar Überdruck auf – und lässt so sogar in der dritten Dimension die Quadratur zum Kreis streben.

Die sieben verformten Würfel sind die ersten, schon am Eingang sichtbaren Exponate der Ausstellung „Aus der Luft gegriffen“. So überschreibt das hannoversche Künstlertrio Edin Bajric, Helena Gaikalowa und Kanaue Kimura sein drittes „Meet“-Kunstprojekt, das erstmals in der Galerie Kubus stattfindet. Wie zuvor in den Räumen des Sofa Lofts agieren die drei Künstler auch dort als Kuratoren und Juroren, die diesmal aus mehr als 200 internationalen Bewerbungen elf künstlerische Positionen für eine Gruppenschau ausgewählt haben.

Der größte der Metallwürfel wiegt kaum mehr als zwei Kilo. Er ist damit schon das gewichtigste, aber auch das am schnellsten wahrzunehmende Kunstwerk dieser Ausstellung. Das leichteste und am meisten Zeit beanspruchende Exponat ist eine Lichtinstallation der Künstler Mareike Drobny und Nicolas Vionnet. Die beiden stellen in der Mondprojektion „29,53059 Tage“ an einer Wand exakt eine Mondphase nach. Das würde zwar in den Zeitrahmen der Ausstellung passen, die bis zum 4. Mai, also 30 Tage, dauert. Das Künstlerduo hat aber – kleines Zugeständnis an den grassierenden Ereignishunger des Publikums – das Tempo verdreißigfacht, sodass sich eine ganze Mondphase schon an einem einzigen Tag erleben lässt.

Man merkt: „Luft“ ist hier zugleich metaphorisch zu verstehen, als Spielraum zum ruhigen und ruhig auch zeitaufwendigen Betrachten. Dazu lädt Christiane Fichtner mit ihrer „Handlungsanweisung # 287“ ein – einer Installation aus etlichen Filzmatten und der Empfehlung, es sich darauf bequem zu machen. „Nimm dir Zeit. Genieße den Blickwinkel. Handle.“

Das aber bitte nicht zu schnell. Sonst könnte einem bei Christian Donners „Spurlos“, augenscheinlich nur eine weiß bemalte Leinwand, entgehen, dass sich darauf durchaus etwas ereignet – weil ein Beamer dann und wann fast unsichtbare Flecken über die Fläche wandern lässt. Sonst geht man vielleicht achtlos am nur vermeintlich leeren, weißen Rundrahmen von Lilia Kovka vorbei, ohne darin die hellen Buchstaben „WOW“ zu entdecken. Auch bei Johannes Kerstings „Absence of Things“ braucht man Zeit für den angemessenen Betrachtungswinkel, damit sich vor den an Wand und Boden geklebten Schatten die diese werfenden Objekte abzuzeichnen scheinen. Margret Schopka bläst für „Arabeske“ schon zwei Tage vor der Ausstellungseröffnung getrockneten Kaffeesatz mit dem Fön über Schablonen von Spitzendecken, um deren Umrisse auf dem Boden sichtbar werden zu lassen. Ein Werk also, das viel Zeit braucht und doch noch weniger als die anderen für die Ewigkeit gemacht ist.

Doch was ist das schon? Diese Ausstellung darf man getrost als Appell zum Innehalten verstehen. Wer sich hier auf einer Filzmatte niederlässt, den Mondphasen folgt oder im Kaffeesatz liest, kann in Ruhe darüber räsonieren, ob verlorene Zeit nicht auch gewonnene Zeit sein kann und Zeitverlust ein schöner Zeitvertreib.

Aus der Luft gegriffen

Bis zum 4. Mai in der Städtischen Galerie Kubus, Theodor-Lessing-Platz 2. Weitere Informationen gibt es hier.

Kultur Judith Holofernes im Capitol - „Wie ein Nachhausekommen“
Kristian Teetz 08.04.2014
Kultur 20. Todestag von Kurt Cobain - „Go away!“
Uwe Janssen 07.04.2014
Kultur Drogen in „The Wolf of Wall Street“ - DiCaprio brockt russischen Kinos Geldstrafe ein
04.04.2014