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Kultur Akkordarbeit, die in die Sinnkrise führt
Nachrichten Kultur Akkordarbeit, die in die Sinnkrise führt
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07:02 02.12.2014
Packen beim Versandhändler ist kein Traumjob. Quelle: Uwe Zucchi
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Die Nachricht kam Mitte November: Amazon sucht in Leipzig 2000 Saisonkräfte, befristet eingestellt bis zum Jahresende. Ansonsten wird mit dem Stichwort Amazon meist von Streiks berichtet. Oder vom Streit mit Buchverlagen. Oder vom Boykott-Aufruf des Enthüllungsautors Günter Wallraff.

Die Schriftstellerin und Übersetzerin Heike Geißler („Rosa“, „Nichts, was tragisch wäre“) hat 2010, als sie mal sehr dringend Geld brauchte, im Leipziger Amazon-Logistikzentrum gearbeitet. In ihrem Buch „Saisonarbeit“ schreibt sie aus dem Innersten dieser Welt. Dennoch ist es kein Enthüllungsbuch. Es ist ein Nachdenken über Leben und Tod; zumindest doch über das Absterben. Ein Text über Arbeit und Bücher, Kommunikation und Konsum, Nähe und Distanz.

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„Der Tod ist gegen das Tödliche ein Herr mit guten Manieren und einer Schüchternheit im Blick“, schreibt Geißler zu Beginn und gibt damit den besonderen Ton vor, der Sachlichkeit und Poesie vermählt für keinen leichten Gang. „Das Tödliche ist von jetzt an Ihr Begleiter.“ Die persönliche Ansprache führt unmittelbar in die Müdigkeit der Schichtarbeiterin, die Demütigungen, das Lächerliche, das Sich-Auflösen, die Renitenz. Empfindungen übertragen sich auf die Lesenden. Die stehen - je nach Einfühlung - neben oder statt der Autorin in einer zugigen Halle und scannen im Akkord die Waren, „receiven“ Bücher, Kalender, Lampen, Spielzeugautos, Plüschhasen ... Und als irgendwann ein falscher Hase, ein kleiner nämlich mit der Produktnummer eines großen, im Paket landet, fehlt längst die Energie, das zu korrigieren. Es wird egal.

Heike Geißler, 1977 in Riesa geboren, umkreist das Verhältnis von Mensch und Arbeit auch mit Fragen danach, was man braucht. Mal antwortet Friederike Mayröcker, dann ist es Gertrude Stein, sind es der Sozialist Paul Lafargue oder der Philosoph Byung-Chul Han. „Aus erschöpften, depressiven, vereinzelten Individuen lässt sich keine Revolutionsmasse formen“, wird Han zitiert. Und Heike Geißler denkt: Was, „wenn mehr als nur wenige mit oder ohne Lessing überlegen würden ,Und was ist der Nutzen des Nutzens?‘“

Die Autorin coloriert ein Gesellschaftsbild mit Beobachtungen in der Straßenbahn, Gesprächen im Treppenhaus. Arbeit verändert das Leben. Immer. Geißler erfährt eine Anstrengung, die „nur den Körper fordert“, die „den Kopf und die Möglichkeiten und erst recht die Möglichkeiten der Wahl außen vor lässt“. Sie erinnert sich an die schrundigen Hände ihres Vater, die schmerzenden Knie der Mutter. Und ist sicher: Dieser Saisonarbeitsjob genügt, „um alles zu erfahren, was man über die Arbeitswelt in ihrer geläufigsten Ausprägung erfahren kann“. Ein wichtiges Buch - und ein im Innersten schönes.

Heike Geißler: „Saisonarbeit“. Volte Verlag. 270 Seiten, 14 Euro.

Von Janina Fleischer

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