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Kultur Schneller, digitaler, flüchtiger
Nachrichten Kultur Schneller, digitaler, flüchtiger
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19:38 15.08.2014
Von Uwe Janssen
Quelle: Archiv
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Wir haben weniger Zeit. Wir leben anders. Und wir lesen anders. Schneller, digitaler, flüchtiger. Auch wollen immer mehr Menschen Literatur gar nicht mehr besitzen oder horten, ob physisch oder auf der Festplatte. Der Trend geht nicht nur zum E-Book, sondern noch einen Schritt weiter: „E-Lending“ oder griffiger: „Onleihe“. Folge: Die Nachfrage nach Ausleihe von E-Books in öffentlichen Bibliotheken wächst rasant - und birgt Probleme.

Der Marktführer divibib, der über die Website www.onleihe.net eine Plattform für derzeit 1925 Stadtbibliotheken bereitstellt, verzeichnete in diesem Jahr bereits 16 Millionen Ausleihvorgänge. 2012 war es noch die Hälfte. Aus rund 120 000 Titeln können die Partnerbibliotheken auswählen. Nach Ende der Leihfrist verschwindet die Datei automatisch aus dem Verzeichnis des Nutzers.

Auch in Hannover wird die Onleihe immer beliebter: In der Stadtbibliothek hat sich die Nachfrage binnen fünf Jahren verzehnfacht. Verzeichnete man im Jahr 2009 noch rund 900 digitale Ausleihen pro Monat, sind es nun rund 9800. Der Anteil der Onleihen - 22 000 Titel stehen zur Verfügung - macht zwar gegenwärtig nur zwei Prozent an den pro Jahr verliehenen vier Millionen Medien aus, aber ein Trend ist abzusehen: Von 2013 auf 2014 verdoppelte sich der Anteil.

Während traditionelle Stadtbibliotheken einen Querschnitt durch die Literaturlandschaft bieten, fehlen bei der Onleihe ganze Verlagsgruppen wie Bonnier, Diogenes und Holtzbrinck (Fischer, Rowohlt). Divibib-Geschäftsführer Jörg Meyer sagt: „Einige Verlage befürchten, dass die Bibliotheksausleihe digitale Verkäufe verhindert. Dem versuchen wir mit statistischen Auswertungen entgegenzuwirken. Aber manchmal ist es eben ein langer Weg, bis die Überzeugungsarbeit fruchtet.“

Holtzbrinck teilte mit, die Verhandlungen über eine Lizenzvereinbarung mit der divibib liefen. Gründe für die bisherige Verzögerung werden nicht genannt. Allerdings betreibt der Verlag selbst den kostenpflichtigen Literaturstreamingdienst Skoobe.

Derzeit müssen die Verlage einer Onleihe ihrer E-Book-Titel zustimmen. Denn das Urheberrecht, nach dem der Rechteinhaber nach erstmaligem Verkauf sein Verbreitungsrecht verliert, bezieht sich nur auf gedruckte Werke und CDs. Der Deutsche Bibliotheksverband fordert eine Ausweitung dieser Regelung auf elektronische Medien. Barbara Lison, Direktorin der Stadtbibliothek Bremen und Vorstandsmitglied des Deutschen Bibliotheksverbandes, sagt: „Wenn das Urheberrecht nicht für die digitale Zeit nachgerüstet wird, sehe ich unseren öffentlichen Auftrag als Bücher- und Kulturvermittler in Gefahr - zumal immer mehr Publikationen nur noch in digitaler Form erscheinen.“

Sie weist auf ein weiteres Problem hin: „Bei E-Books dürfen die Verlage bei den Lizenzverhandlungen nach Belieben die Anzahl der Entleihungen begrenzen. Möchte eine Bibliothek ein E-Book über mehrere Jahre anbieten, verlangen viele Verlage das zwei- bis drei-fache des Marktpreises.“

Wie wenig zeitgemäß das Urheberrecht ist, zeigt sich daran, dass der rechtliche Begriff der „Ausleihe“ sich lediglich auf den physischen Vorgang des Mitnehmens und Zurückgebens bezieht, nicht aber auf das Herunterladen oder Streaming von elektronischen Inhalten.

Nicht klar geregelt ist auch die Entlohnung von Autoren. Bei gedruckten Büchern erhalten sie über die VG Wort eine Bibliothekstantieme als Kompensation für entgangene Einnahmen, beim „E-Lending“ muss jeder Fall neu ausgehandelt werden.

Im aktuellen Koalitionsvertrag von SPD und CDU ist eine Urheberrechts-Prüfung verankert. Der Börsenverein des deutschen Buchhandels sieht die Pläne kritisch. In einer Mitteilung heißt es, ein uneingeschränktes Nutzungsrecht für E-Books hätte „gravierende Konsequenzen für Urheber, Verlage und die gesamte Literaturversorgung“. Nachhaltige E-Book-Geschäftsmodelle seien dann nicht mehr möglich. Hagen Philipp Wolf vom Kulturstaatsministerium sagt, es müsse „eine ausgewogene Regelung“ gefunden werden: „Einerseits muss es den öffentlichen Bibliotheken möglich gemacht werden, ihren Auftrag zu erfüllen, Bürgern Zugang zu Informationen, Bildung und Literatur zu ermöglichen. Andererseits muss den Interessen der Verlage und Urheber Rechnung getragen werden.“ Zurzeit untersuche die EU-Kommission möglichen Änderungsbedarf im Urheberrecht.

Wer also bis auf Weiteres ein Buch des Diogenes-Autors Bernhard Schlink lesen will, muss weiter die Druckversion seiner Romane aus der Bibliothek ausleihen - oder das E-Book selbst kaufen.

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