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Kultur Der blanke Horror
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00:20 10.11.2014
Von Simon Benne
Tierisch: Volker Kriegel lässt seinen Elch Olaf auf Tauchtour gehen.
Tierisch: Volker Kriegel lässt seinen Elch Olaf auf Tauchtour gehen. Quelle: Kriegel
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Hannover

Wo Kinder sind, dürfen Tiere nicht fehlen. Das scheint ein Grundgesetz zu sein, wo immer Künstler etwas fürs junge Publikum schaffen wollen. Der Illustrator Tomi Ungerer erfand die Schweinefamilie Mellops. Sein Kollege Volker Kriegel kreierte Olaf, den Kinderbuch-Elch. F. K. Waechter schätzte Schweine und Frösche ganz außerordentlich. Auch die Bildergeschichten seines Sohnes Philip Waechter bevölkert allerlei Getier. Und Wilhelm Buschs Werk ist mit Tierfiguren ohnehin so unverbrüchlich verbunden wie Plisch mit Plum.

In der Ausstellung „Da bin ich“ zeigt das „Wilhelm Busch - Deutsches Museum für Karikatur und Zeichenkunst“ jetzt Geschichten, die diese fünf Künstler für Kinder geschaffen haben. Gerade rechtzeitig zur Schau hat das Haus im Georgengarten für 110 000 Euro ein neues Beleuchtungskonzept mit exponatschonenden 50-Lux-Lämpchen bekommen. Das Tomi-Ungerer-Museum in Straßburg hätte sonst aus konservatorischen Gründen lieber darauf verzichtet, 90 Arbeiten des elsässischen Künstlers nach Hannover zu geben.

Zum 150. Geburtstag der Lausbuben Max und Moritz stellt das Museum Wilhelm Busch in Hannover herausragende Bildergeschichten für Kinder vor.

So aber sind im Busch-Museum jetzt Ungerer-Werke wie „Zeraldas Riese“ von 1967 zu sehen; eine abgründige Geschichte über ein Mädchen, das einen Menschenfresser zähmt und so das Böse besiegt. Jedenfalls fast. Denn am Ende kann man da nicht mehr ganz sicher sein.

Ungerer hat durchaus auch Idyllen geschaffen: In Liederbuchillustrationen lässt er einen Landmann malerisch den Spaten halten, und die Bäuerin schmiegt sich zwischen Huhn und Pferd liebend an den Bauersmann. In seinen Kinderbüchern jedoch zeigt Ungerer keine heile Welt. In „Zloty“ beispielsweise fährt Rotkäppchen den Wolf mit ihrem Motorroller an, und überm Bett der Oma hängt eine Kalaschnikow neben dem Stalin-Porträt.

Das ist es vielleicht, was die fünf Künstler verbindet: Sie zeigen die Welt so gefährlich und grausam, so traurig, widersprüchlich und absurd, wie sie an schlechten Tagen nun einmal ist. Es sind Geschichten jenseits des plüschpinken Kosmos von Prinzessin Lillifee. In F. K. Waechters „Da bin ich“ werden Katzenjunge ertränkt, und bei Kriegel sieht „Das Gespenst von Canterville“ zumindest ganz schön schaurig aus. Überraschend oft haben die fünf Künstler der Ausstellung Märchenstoffe aufgegriffen. Die Abgründe und Grausamkeiten der Märchen wirken auf Erwachsene oft verstörender als auf Kinder.

Die Wahrheit ist auch Jungen und Mädchen zumutbar. Gute Kinderbücher sind daher nicht betulich. Betuliche Kinderbücher sind meist eher für Erwachsene gemacht. Gute Kinderbücher nehmen Kinder ernst. Zum Beispiel, indem sie zeigen, dass nicht egal ist, was Kinder tun. Dass ihr Handeln üble Folgen haben kann. Tomi Ungerer hat einmal gesagt, dass ihm beim Erwachsenwerden niemand so geholfen habe wie Max und Moritz. Vielleicht lag das daran, dass Wilhelm Busch Kindern so viel zugetraut und zugemutet hat wie wenige andere Autoren.

In seiner selten gezeigten Bilderposse „Hänsel und Grethel“ aus dem Jahr 1863 gehen die Titelhelden allen Verboten zum Trotz in den Wald. Dort tappen sie in eine Kinderfalle: „Die Hexe macht das Feuer an, / daß sie die Kinder kochen kann.“ Ein fetter Gehilfe geht ihr dabei zur Hand. Der blanke Horror. Am Ende aber wird die böse, alte Frau auf einer Forke aufgespießt: „Die Hexe kriegte ihren Lohn, / todt hängt sie an der Gabel schon.“ Na, wenn das kein Happy End ist.

Auch „Max und Moritz“-Originale zeigt die Ausstellung. Aus konservatorischen Gründen werden die Kapitel etwa im zweiwöchentlichen Wechsel ausgetauscht, zum Auftakt ist die „Witwe Bolte“ zu sehen. Anschließend wird die Ausstellung in Straßburg gezeigt. Das ist dann gewissermaßen der Gegenbesuch von Wilhelm Busch bei Tomi Ungerer.

Öffnungszeiten

Die Ausstellung „Da bin ich“ wird am Sonnabend um 15.30 Uhr eröffnet. Unter anderem liest dabei Philip Waechter aus „Der fliegende Jakob“. Sie ist bis zum 1. März im „Wilhelm Busch - Deutsches Museum für Karikatur und Zeichenkunst“ im hannoverschen Georgengarten zu sehen. Informationen - auch zu Workshops und Angeboten für Schüler im Beiprogramm - unter (05 11) 16 99 99 11.