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Kultur „Schlachtfelder“ im Sprengel-Museum
Nachrichten Kultur „Schlachtfelder“ im Sprengel-Museum
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21:38 02.06.2014
Die Ausstellung zeigt in einem Video, mehreren Skulpturen und Grafiken die künstlerische Verarbeitung von Kriegsszenarien. Quelle: dpa
Hannover

Die linke Gesichtshälfte ist zertrümmert, der rechte Unterarm nur ein Stumpf, der einäugige Blick angstvoll auf den Betrachter der Zeichnung gerichtet – während deren Schöpfer das entstellte Kriegsopfer eindringlich mustert. So also konnten 1919 Gestalten aussehen, die einem auf dem „Nachhauseweg“ begegnen. Genauso heißt diese Lithografie Max Beckmanns, der damit das Grauen des Krieges und seinen künstlerischen Blick darauf zugleich reflektiert.

Wie unterschiedlich dieser Blick sein kann und wie er sich entwickelt hat, seit die Europäer in den Ersten Weltkrieg gezogen sind – das zeigt jetzt die hannoversche Ausstellung „Schlachtfelder“ am Beispiel von rund hundert Werken. Wie intensiv und lange sich Künstler damit auseinandergesetzt haben, das ist bei Beckmann schon daran zu erkennen, dass „Nachhauseweg“ nur eine Arbeit aus einem ganzen Mappenwerk ist.

Auch damit ist Beckmann nicht allein. Er hat seine Mappe mit „Die Hölle“ betitelt, Otto Dix hat fünf Jahre später die Grafikabfolge „Der Krieg“ vorgelegt. Käthe Kollwitz hält bereits 1906 Kriegsszenen in ihrer Mappe „Der Bauernkrieg“ fest, Bernhard Heisig setzt sich 1965 in „Der faschistische Alptraum“ mit Hitlers Kriegsmaschinerie auseinander. Alfred Hrdlicka erarbeitet 1974 die Mappe „20. Juli 1944“, Carl Fredrik Reuterswärd legt 2007 die Folge „New York, 9/11“ vor.

Das Sprengel Museum zeigt in seiner neuen Ausstellung „Schlachtfelder“ mit Grafiken und Skulpturen das Grauen des Krieges. 

Die Namen deuten schon darauf hin: Karin Orchard, die Grafik-Kuratorin des Sprengel Museums, hat sich ebenso wenig auf den Ersten Weltkrieg und seine Folgen beschränkt wie nur auf Grafik und Druckkunst. So präsentiert „Schlachtfelder“ auch Aquarelle des kriegszerstörten Hannover von Grethe Jürgens, Ölbilder von Franz Radziwill, Skulpturen von Gonzáles und Agenore Fabbri sowie das Video „Kriegsbilder“ von Birgit Hein.

Aber auch reine Druckwerke bieten eine große Vielfalt künstlerischer Methoden. Otto Dix setzt allein für die kleine Radierung „Sturmtruppe geht unter Gas vor“ (1924) Ätzung, Kaltnadel und Aquatinta-Techniken ein. Gerhard Richter lässt in dem Fotosiebdruck „Flugzeug I“ (1966) sehr konkret konturierte Kampfbomber über eine abstrakte Fläche sausen, Wolfgang Mattheuer bannt in einer für damalige DDR-Verhältnisse kühnen Mischung aus Expressionismus und Pop-Art seinen Linolschnitt „Erschrecken“ (1976) auf Japanpapier.

Geordnet hat Karin Orchard diese Fülle thematisch – mit Schwerpunkten zu den soldatischen Idealen von 1914, zu den Pathosformeln des Krieges, zu pazifistischen Gegenentwürfen oder auch zur Wahrnehmung asymmetrischer Kriege seit dem 11. September 2001. „Schlachtfelder“ lässt damit nicht nur ahnen, wie traumatisierend Krieg und Gewalt auf Künstler wirken. Die Schau zeugt auch davon, wie reich der Grafikbestand des Sprengel Museums ist. Denn sie ist – von Grafiken Henri Toulouse-Lautrecs aus dem späten 19. Jahrhundert bis zu aktuellen Werken der US-Künstlerin Jenny Holzer – ausschließlich aus der eigenen Sammlung zusammengestellt. „Insgesamt verfügen wir im Grafikbestand über 18.000 Blätter“, sagt Karin Orchard.

Wie ein roter Faden zieht sich durch diese Ausstellung, dass der Krieg außer durch die Aufgabe menschlicher Standards auch sonst in mehrfachem Sinne einen Gesichtsverlust mit sich bringt: In den während und nach dem Ersten Weltkrieg entstandenen Grafiken und Zeichnungen kommt dieser Verlust oft erschütternd  konkret im Sinne einer Zerstörung der Physiognomie des menschlichen Antlitzes zum Ausdruck. Bei den Gegenwartsarbeiten scheint das menschliche Maß vollends verbannt – in Birgit Heins Kompilation aus Wochenschau- und TV-Kriegsberichterstattung verschwindet der Mensch hinter der Maschinerie von Krieg und Propaganda. In Reuterswärds „11. September 2001“ erscheinen die brennenden Twin Towers von New York als Fanal der Entmenschlichung. Und bei Jenny Holzer sind nur noch inhumane Abgründe zu ahnen: Die US-Konzeptkünstlerin hat in handgeschöpftes  Papier schwarze Flächen eingearbeitet, die Faksimiles der geschwärzten US-Geheimdienstberichte aus dem Irakkrieg ergeben. Nur Worte wie „Top Secret“ und „Waterboarding“ sind da erkennbar – die menschliche Schrift weist nur noch auf unmenschliche Praktiken hin.

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