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Kultur Sensoren und Sensationen
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00:19 15.11.2015
Von Ronald Meyer-Arlt
Der heiße Stuhl? Nein: ein Verschwindekunstwerk von Jeppe Hein. Quelle: Kruszewski
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Wolfsburg/Hannover

Gleich neben dem Wolfsburger Hauptbahnhof befindet sich das Phaeno, eine große Experimentierlandschaft vor allem für Kinder und Jugendliche. Hier zischt und scheppert es, hier züngeln Flammen, hier spritzt das Wasser, hier soll das Publikum Erfahrungen machen. Anderthalb Kilometer weiter durch die Innenstadt befindet sich das Kunstmuseum Wolfsburg, ein Experimentierraum für zeitgenössische Kunst. Hier zischt und scheppert es, hier züngeln Flammen, hier spritzt das Wasser, hier soll das Publikum Erfahrungen machen.

Die große Ausstellungshalle wird jetzt von Jeppe Hein bespielt. Der dänische Künstler, der auch an der Städel-Hochschule für Bildende Künste in Frankfurt studiert hat und schon mehrfach in Hannover (unter anderem bei „Made in Germany“) gezeigt wurde, pflegt eine Kunst, die in den Alltag eingreift.

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Im Kunstmuseum Wolfsburg können Besucher die Ausstellung von Jeppe Hein besuchen – und seine Kunst hautnah erleben. Unter dem Titel "This Way" präsentiert der dänische Künstler Werke, die mit den Sinneseindrücken und Wahrnehmungen der Betrachter spielen.

Er will die Menschen verändern, es soll etwas passieren zwischen seiner Kunst und dem Betrachter und auch zwischen den Betrachtern. Seine Kunst ruft den Menschen fortwährend „Erkenne dich selbst!“ zu. Dazu nutzt der Künstler gerne Spiegel. Der Besucher sieht sich vervielfacht, von oben und von hinten, geschrumpft und bewegt. Und bei einer Arbeit sieht er sich bald gar nicht mehr. Wer sich auf den schwarzen Hocker vor der großen Spiegelwand setzt, hört ein Zischen und wird bald darauf von einer Kunstnebelwolke eingehüllt. Das Spiegelbild versinkt im Rauch. Ach ja. Sehr poetisch.

Eine andere Arbeit testet den Mut des Besuchers. In einer weißen Wand befindet sich ein faustgroßes Loch, darüber sind einige Schmauchspuren zu sehen. Bewegt sich der Besucher auf die Wand zu , faucht ihn ein Feuerstrahl an, je näher er der Flamme kommt, umso größer wird sie. Man spürt die Hitze im Gesicht. Ein museumstypisches Absperrband schließlich schützt den Gast vor Selbstverbrennung. Wie weit wirst du gehen? fragt diese Arbeit und liefert die Antwort gleich mit: bis zur Absperrkordel.

Weil die Kunst hier an allen Ecken und Enden auf die Besucher reagiert, sind überall Sensoren angebracht. Bei fast jedem Schritt wird man beobachtet – ohne dass die Überwachung dabei irgendwie zum Thema gemacht werden würde. Überwachen und spaßen! Hauptsache es passiert etwas.

Und es passiert viel. Alles dreht sich, alles bewegt sich. Es gibt eine Art Kugelbahn durch mehrere Räume, bei der Kugeln Klangschalen anstupsen und zum Klingen bringen, einen Raum aus Wasser, einen mächtigen Wasserstrahl, der einen Raum in zwei Hälften teilt, einen gigantischen Käfig, ein rotierendes Winkelstück aus zwei meterlangen Spiegeln, schiefe Ebenen, Feuer und jede Menge hochglanzpolierten Edelstahl. Das Ganze hat viel von einem Jahrmarkt, aber es handelt sich um einen sehr angenehmen, sehr gepflegten Jahrmarkt. Und um einen teuren.

Wie viel die Ausstellung gekostet hat, verrät man im Wolfsburger Kunstmuseum nicht, und auch über den Zuschuss von Volkswagen Financial Services hüllt man sich in Schweigen.

Die Kunst hingegen soll zur Kommunikation anregen. Und das funktioniert auch. Schnell kommt man bei Jeppe Hein mit anderen Besuchern ins Gespräch. Etwa in dem unsichtbaren Labyrinth. Das ist ein leerer Raum mit Wänden, die nur durch Vibrationen in Kopfhörern markiert werden. Immer, wenn man einer Wand zu nahe kommt, kribbelt’s am Kopf. Herumirrend, sich mit anderen austauschend, baut man so sein eigenes Labyrinth. Das ist ein intelligentes, witziges Spiel zum Thema Grenzen und Regeln. Spannend ist auch die Auseinandersetzung des Künstlers mit seinem Burnout vor einigen Jahren: Tausende Aquarelle, teils mit an sich selbst gerichteten Botschaften zeigen den Weg zurück ins Leben.

Anderes aber nervt: die metallisch schimmernden Luftballons, die unter der Decke hängen, die Spiegel mit Sprüchen aus dem Poesiealbum wie „Ich erwarte nichts, aber ich bin offen für alles.“ Herrje. Muss das wirklich sein? Vieles hier kann man kitschig finden. Aber soll man das auch? Zu Beginn des Presserundgangs vor der Ausstellungseröffnung bittet der Künstler die anwesenden Journalisten, doch mal „den Kunsthut“ abzunehmen. Man soll einfach durch die Ausstellung gehen und empfinden.

Aber es ist schwer, den inneren Kritiker im Foyer stehenzulassen. Was soll er dort auch tun? Den Museumsshop kritisieren? Der Kerl kommt durch eine der drei Türen, die in die Ausstellung führen, und fragt, wie sich das mit dem Kitsch verhält. Und er hört nicht auf damit.

  • Bis zum 13. März.     
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