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Kultur Ausstellung dokumentiert schwierige deutsch-polnische Nachbarschaft
Nachrichten Kultur Ausstellung dokumentiert schwierige deutsch-polnische Nachbarschaft
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11:29 22.09.2011
Von Michael Grüter
Foto: Wie buchstabiert man Polen? Installation von Stanisław Drożdż.
Wie buchstabiert man Polen? Installation von Stanisław Drożdż. Quelle: Galeria Starmach, Krakau
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Berlin

Auf den ersten Blick scheint sich der Lichthof im Berliner Martin-Gropius-Bau in einen Sakralraum der polnischen Nation verwandelt zu haben. Bei näherem Hinsehen aber wird hier der zentrale Nationalmythos Polens ziemlich dekonstruiert. Fast 600 Jahre liegt die Schlacht bei Tannenberg (polnisch: Grunvald) zurück, in der ein polnisches Heer Ritterscharen des Deutschen Ordens schlug. 100 Jahre später wurde der Ordensstaat in das weltliche Fürstentum Preußen überführt, das als Lehen dem polnischen König verpflichtet war. Auf diese Vorgänge, vermittelt durch ihre heroisierende Darstellung durch den polnischen Historienmaler des 19. Jahrhunderts, Jan Matejko, bezieht sich bis heute polnisches Selbstbewusstsein gegenüber dem stärkeren Nachbarn.

In der Ausstellung „Tür an Tür – Polen und Deutschland: 1000 Jahre Kunst und Geschichte“ werden Matejkos Monumentalgemälde aus dem 19. Jahrhundert abgefedert durch ein in düsteren blauschwarzen Tönen gehaltenes Werk des zeitgenössischen Malers Edward Dwurnik, das dem Sterben fern jeder Heldenpose seine existenzielle Not zurückgibt. Und ein Bildschirm zeigt in Slapstickmanier, wie die „Historien-Schinken“ den Menschen im Weg stehen. Vitrinen in einem Kubus rücken Evangeliare und „Schreinmadonnen“ aus den Ordensburgen ins Licht – Beiträge der „Kreuzritter des Nordens“ zu Kunst und Kultur. Alles findet Platz in einem Drahtbehältnis, das an ein Museumsdepot erinnert. Diese Gegenüberstellungen stellen den polnischen Nationalmythos immer wieder infrage.

Auseinandersetzung mit nationalen Mythen

In der deutschen Gesellschaft gibt es aus guten Gründen seit Längerem eine Auseinandersetzung mit nationalen Mythen. In Polen, einem Land, das von den Nachbarn jahrhundertelang herumgestoßen wurde, ist das heikel. Gefährliche Nationalmythen sind im kollektiven Erinnerungsdepot gelagert – das gehört zu den starken künstlerischen Aussagen der vom Königsschloss in Warschau und vom Martin Gropius Bau organisierten Ausstellung, die von der Warschauer Kunsthistorikerin und Kritikerin Anda Rottenberg als Kuratorin verantwortet wird. In ihrer Heimat ist sie als „Nestbeschmutzerin“ beschimpft worden.

„Nachbarschaft ist niemals sehr gut, nirgends auf der Welt“, sagt die Ausstellungsleiterin. Entweder sind Nachbarkinder zu laut, die Bäume zu groß, der Zaun ist zu niedrig oder zu hoch. Da sei es wichtig, Verbindendes zu finden. „Ich denke, es hilft ein wenig, Zeiten zu finden, wo beide Nationen freundlich miteinander umgehen konnten, wo beide Seiten etwas Positives einander abgewinnen konnten“, umschreibt sie das Ziel der Präsentation.

Deutsch-polnische Verbindungen

Diese Fundstücke der Freundlichkeit kommen aus verschiedenen Zeiten. Das älteste stammt aus dem Jahr 1013. In diesem Jahr zog Richeza von Köln ins polnische Gnesen. Ihre Darstellung findet sich auf einer Kalksinterplatte. Die Nichte des deutschen Kaisers Otto III. heiratete Mieszko II., den polnischen König, und wurde 1025 selbst Königin. Mit der Ehe fand der entstehende polnische Staat Verbindung zum Europa der damaligen Zeit, dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation.

Die Ausstellung präsentiert viele deutsch-polnische Verbindungen. So ist auch die Kopie einer im 12. Jahrhundert entstandenen Bronzetür aus Gnesen zu sehen, die der Bernwardstür vom Hildesheimer Dom nachempfunden ist. Der aus Nürnberg stammende Bildschnitzer Veit Stoß fertigte Ende des 15. Jahrhunderts in Krakau den Marienaltar, sein wichtigstes Werk, das als Miniatur den Weg in die Ausstellung fand. Dank der Hilfe von Sammlungen aus ganz Europa sind alle zehn von ihm erhaltenen Kupferstich­motive zu besichtigen.

Dynastische Verbindungen gab es über Jahrhunderte zwischen den polnischem Herrscherhäusern, Hohenzollern und sächsischen Wettinern. Das Porträt vom „Markgraf Albrecht von Brandenburg“, ein Werk von Lucas Cranach dem Älteren, gehört zu den wertvollsten Stücken der 800 Leihgaben, die aus 200 Museen zusammengetragen worden sind.

Werke lebender Künstler werden eingestreut

„In den ersten 800 Jahren der Zeit, die wir in den Blick nehmen, war Europa ein Ort, wo man nicht von Nationen gesprochen hat“, sagt die Kuratorin und fügt hinzu: „Das ist ein Modell, das wir auch heute anstreben.“

In die 22 chronologisch geordneten Kapitel der Ausstellung sind immer wieder Werke lebender Künstler eingestreut. Der Märtyrertod des heiligen Adalbert zu Beginn dieser Zeitspanne wird als Neoninstallation vor erdigem Grund inszeniert. Ein rot blinkender Marx-Kopf garniert Werke des 20. Jahrhunderts. Fußnoten der Geschichte nennt Rottenberg derartige Montagen. Sie sollen Wahrnehmungsmuster aufbrechen. In ihren Worten: „Das, was du siehst, ist nicht das, was du siehst. Es ist in einer bestimmten Zeit entstanden. Heute sehen wir es anders.“

Die Präsentation umfasst auch die jüngere Geschichte, Weltkrieg und Holocaust, Kalten Krieg und demokratische Revolution. Hier finden sich zeitgenössische Werke von Richard Serra, Günther Uecker und Anselm Kiefer.

Ein riesiger Kühlschrank beschließt die Ausstellung, Symbol einer noch kühlen Nachbarschaft.

Im Martin-Gropius-Bau bis 9. Januar 2012, von 10 bis 20 Uhr, dienstags geschlossen, Eintritt 12 Euro, heute ist der Eintritt frei.

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