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Kultur Ausstellung entdeckt Archimedes
Nachrichten Kultur Ausstellung entdeckt Archimedes
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06:16 04.06.2012
Von Simon Benne
In einer mittelalterlichen Handschrift machten Forscher ältere, überschriebene Buchstaben wieder sichtbar – Texte des berühmten Archimedes.
In einer mittelalterlichen Handschrift machten Forscher ältere, überschriebene Buchstaben wieder sichtbar – Texte des berühmten Archimedes. Quelle: RPM
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Hildesheim

Die Story hätte das Zeug zum Historienroman. Zu einem Wissenschaftsthriller, in dem Forscher mit modernster Technik schon verschollen geglaubtes Wissen dem Vergessen entreißen. Der Roman würde aber auch in einem mittelalterlichen Kloster spielen. Und im Paris der dreißiger Jahre. Und die Leser würden dem vielleicht größten Forscher der Antike begegnen. „Archimedes war ja der Einstein seiner Zeit“, sagt Regine Schulz, Direktorin des Roemer- und Pelizaeus-Museums in Hildesheim. Dort eröffnet am Sonntagabend die Ausstellung „Der Archimedes-Code“, die unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten steht.

Im Mittelpunkt der Schau steht ein Buch, das ein anonymer US-Sammler 1998 bei Christie’s ersteigerte. Der griechische Staat war als Mitbieter bei gut zwei Millionen Dollar ausgestiegen. Mönche hatten das Gebetbuch im Jahr 1229 angefertigt, wohl in einem Kloster bei Jerusalem - und dabei ältere Pergamente aus dem 10. Jahrhundert gewissermaßen recycelt. Deren Tinte hatten sie zwar abgewaschen, doch als der dänische Altphilologe Johan Ludvig Heiberg das Buch 1906 in Konstantinopel in die Hand bekam, erkannte er, was hier und dort noch durchschimmerte: Texte von keinem geringeren als Archimedes. Originalschriften des antiken Physikers (287-212 v. Chr.) existierten längst nicht mehr. In diesem Gebetbuch aber steckte die älteste griechische Abschrift eines Archimedes-Textes - unleserlich verborgen unter den Buchstaben der Mönche.

Drei der insgesamt 90 Blätter dieses Palimpsests sind jetzt in Hildesheim zu sehen. Das Museum wagt das heikle Unterfangen, um diese eher unscheinbaren Dokumente herum eine ganze Ausstellung zu gestalten. Zu sehen sind Bücher wie die erste gedruckte Archimedes-Ausgabe von 1544 und ein berühmtes Archimedes-Gemälde von Guiseppe Nogari, eine Leihgabe aus dem Moskauer Puschkin-Museum. Dazu geben Münzen und steinerne Köpfe von Ptolemäerherrschern Einblicke ins Syrakus und ins Alexandria der Zeit von Archimedes. An den Wänden hängen viele Tafeln mit langen Texten, doch Besucher können - besonders im neu eingerichteten Bereich „Junges Museum“ - an Flaschenzügen und kleinen Katapulten auch spielerisch Experimente des Forschers nachvollziehen, der die Hebelgesetze, das Prinzip des Auftriebs und die Kreiszahl Pi beschrieb. Interdisziplinär, bunt und manchmal auch etwas zusammengewürfelt wirkt diese Mischung aus Kunst, Physik und Geschichte, die der Ausstellung ihr Gesicht gibt.

Vor allem aber begegnen sich hier Hightech der Antike und Hightech der Gegenwart. Denn die Ausstellung zeigt vor allem, wie moderne Forscher - sozusagen in einem Akt der Kollegialität - Archimedes zu neuen Ehren brachten. Der US-Sammler ließ sein ersteigertes Buch im Walters Art Museum in Baltimore, in dem auch Hildesheims Museumsdirektorin Schulz lange tätig war, erforschen. Zwölf Jahre lang arbeitete ein internationales Expertenteam daran, mit Quarzlampen, Scan- und Röntgenfluoreszenzverfahren winzige Reste der überschriebenen Buchstaben wieder sichtbar zu machen.

Besonders diffizil: In den dreißiger Jahren hatte das Buch dem Pariser Sammler Salomon Guerson gehört. Damals wurden einige Seiten mit pseudomittelalterlichen Heiligenbildern übermalt. Womöglich sollte die Fälschung den Wert des Buches steigern, da der jüdische Sammler Geld brauchte, um vor den Nazis fliehen zu können. Diese Seiten ließen sich nur schwer durchleuchten. Erst mit einem Teilchenbeschleuniger der Uni Stanford gelang es, auch diese Passagen lesbar zu machen.

So kam in dem alten Gebetbuch unter anderem das „Stomachion“ zum Vorschein, eine Archimedes-Schrift, die bislang nur in einer arabischen Übersetzung überliefert war. Darin beschreibt Archimedes eine Art Geduldsspiel, bei dem man 14 Dreiecke zu einem Quadrat zusammenlegen musste. Per Computer haben Forscher jetzt errechnet, wie viele Lösungen das Rätsel hat: Es gibt 17152 Varianten. Archimedes wäre mit seinen Erben zufrieden gewesen.

„Der Archimedes-Code“ ist täglich bis zum 9. September zu sehen. Infos unter Telefon (05121) 93690.

Mischung aus Hightech der Antike und Hightech der Gegenwart, aus Kunst und Historiografie und

interdisziplinär oder zusammengewürfelt viele Texttafeln

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Ronald Meyer-Arlt 01.06.2012
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