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Kultur Ausstellung in Berlin erinnert an den „Weg zur Einheit“ im Jahr 1990
Nachrichten Kultur Ausstellung in Berlin erinnert an den „Weg zur Einheit“ im Jahr 1990
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15:57 08.07.2010
Von Simon Benne
Flaggen ohne Fußball: Die Fotografin Barbara Klemm machte diese Aufnahme in Berlin am 3. Oktober 1990, dem Tag der Wiedervereinigung . Quelle: DHM

Die ersten Exponate kamen gleich nach dem Mauerfall: In Scharen brachten DDR-Bürger ihre FDJ-Mitgliedsausweise und Parteinadeln in das damals noch sehr viel kleinere Deutsche Historische Museum in Berlin. Binnen weniger Tage hatten sich die Ehrenzeichen des Arbeiter-und-Bauern-Staates in gestrigen Nippes verwandelt, der sich hier noch zu (West-)geld machen ließ. Die Auszeichnungen waren buchstäblich reif fürs Museum geworden. Mancher trennte sich leichten Herzens von den ­Relikten seiner DDR-Biografie. Andere brauchten dafür mehr Zeit: Erst im vergangenen Jahr übergab Wolfgang Mitzinger, bis 1989 DDR-Energieminister, sein „Bergmannsehrenkleid“ dem Museum.

Dieses zeichnet in seiner Ausstellung „1990 – der Weg zur Einheit“ jetzt nach, wie es zur Wiedervereinigung kam. Die Wendezeit ist mittlerweile eine große nationale Erzählung, zu der jeder ein paar Zeilen aus eigenem Erleben beisteuern kann. Nach 20 Jahren hat sie in der kollektiven Erinnerung schon die halbe Wegstrecke vom realen Geschehen zum Mythos zurückgelegt. Das große mediale Ge­töse, mit dem etwa im November der 20. Jahrestag des Mauerfalls gefeiert wurde, verstellt freilich oft den Blick darauf, dass der Weg zur Einheit keineswegs so eindeutig vorgezeichnet war, wie es heute oft scheint. Da kann so eine Ausstellung der Selbstvergewisserung dienen, Fakten sortieren und Vergessenes in Erinnerung rufen.

Im Mittelpunkt steht im Museum ein großer, runter Palisandertisch, an dem Besucher Platz nehmen können. An diesem Tisch kamen am 22. Juni 1990 im Schloss Niederschönhausen die Außenminister der Alliierten und der beiden deutschen Staaten zu ihren Zwei-plus-vier-Verhandlungen zusammen. Später, am 12. September, unterzeichneten sie in Moskau den „Vertrag über die abschließende Regelung in Bezug auf Deutschland“, der der Bundesrepublik volle Souveränität bescherte – das völkerrechtliche Ende der Nachkriegszeit.

Im öffentlichen Bewusstsein jedoch spielen diese Daten kaum eine Rolle. Da hat es eine unfreiwillige Symbolik, dass der Tisch aus Niederschönhausen irgendwann in den Neunzigern verscherbelt wurde. Erst vor einiger Zeit war er in einer Garage in Brandenburg wieder aufgetaucht.

Zwölf Abteilungen in der Ausstellung widmen sich Kapiteln wie der ersten freien Volkskammerwahl am 18. März, der Währungsunion oder dem sukzessiven Verschwinden der Grenze. Ein entwurzelter Grenzpfahl, zahlreiche Plakate und Zeitungen erinnern an die Zeit des Umbruchs – ebenso wie ein Sack mit zerrissenen Stasi-Unterlagen: Ehe das Ministerium von Demonstranten gestürmt wurde, hatten die Mitarbeiter versucht, so viele Dokumente wie möglich zu vernichten. Grotesk verbogene Waffen erinnern an die Selbstentwaffnung der „Kampfgruppen der Arbeiterklasse“: Im Magnetbandwerk Dessau war man kurzerhand mit einem Lastwagen über die Kalaschnikows gefahren. Schwerter zu Altmetall.

Wie schon bei der Revolution selbst, so spielen auch in der Ausstellung moderne Medien eine Schlüsselrolle: Fotos und Filme dokumentieren die Stimmung in der untergehenden DDR. Viele Bild- und Tondokumente, klagen die Kuratoren, seien allerdings schon nach 20 Jahren in äußerst schlechtem Zustand gewesen.

Klugerweise betont die Ausstellung, dass nur ein komplexes Zusammenspiel verschiedener Faktoren die Wiedervereinigung möglich machte. Und das Museum zeigt, dass keineswegs alles auf die Einheit zulief: So wollte die Regierung von Ministerpräsident Hans Modrow (SED) die DDR im Grunde behalten und schlug eine „Vertragsgemeinschaft“ der Staaten vor. Auf dem Kurfürstendamm gab es am 9. Dezember 1989 eine Demonstration gegen die Wiedervereinigung. Und noch am 26. April 1990 musste die Volkskammer einen Antrag von Bündnis 90 ablehnen, ein „Vorläufiges Grundgesetz für die DDR“ in Kraft zu setzen. Die Frage, ob man die DDR nicht doch erhalten sollte, spaltete die Bürgerbewegung.

Freilich gab es auch im Westen hitzige Diskussionen darüber, ob die Einheit nun durch Beitritt des Ostens gemäß Artikel 23 des Grundgesetzes erfolgen sollte oder ob nicht eine gemeinsame neue Verfassung ausgearbeitet und nach Artikel 146 per Volksabstimmung beschlossen werden müsste. Diese Debatte lässt das Deutsche Historische Museum leider außer Acht.

Zeitzeugen werden wenig Neues in der Ausstellung entdecken. Zu viel ist nach 20 Jahren noch präsent. So richtig vergangen ist diese Geschichte noch nicht, und die Schau selbst bleibt eher an der Oberfläche. Komprimiert stellt sie gleichsam eine Art Kanon der wichtigsten Wendedaten zusammen. Ihr Reiz liegt eher im nostalgischen Rückblick. Wie bei einem Klassentreffen nach 20 Jahren kann sich der melancholische Besucher oft nicht entscheiden, ob ihm einst Vertrautes inzwischen fremd geworden ist oder ob das Fremde nicht doch recht vertraut wirkt. Die Typografie der Plakate wirkt antiquiert, aber nur ein wenig. Der Witz in den Karikaturen ist eine Spur zu behäbig, Gysis große Brille nimmt sich putzig aus. Die großen Weichenstellungen von damals muten auch heute noch richtig an.

Es sind ästhetische Kriterien, die offenbaren, wie viel Zeit seither vergangen ist – keine politischen. Und man kann froh sein, dass das nicht andersherum ist.

Im Pei-Bau des Deutschen Historischen Museums Berlin bis zum 10. Oktober. Infos: (0 30) 20 30 44 12.

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