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18:28 26.09.2014
Von Daniel Alexander Schacht
Foto: Ralf König, Erfinder der Comicfiguren Konrad und Paul, eröffnet im Wilhelm-Busch-Museum seine erste Einzelausstellung.
Ralf König, Erfinder der Comicfiguren Konrad und Paul, eröffnet im Wilhelm-Busch-Museum seine erste Einzelausstellung.  Quelle: dpa
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Hannover

Das ist schwülstig und melodramatisch“, sagt Ralf König - „das gefällt mir sehr.“ Der Zeichner spricht von „Endstation Sehnsucht“, davon, wie sich Lust und Liebe, Eifersucht und Hass in dem Drama von Tennessee Williams niederschlagen. Dessen Werk ist deutlich mehr als nur der Titel von Königs neuem Buches nachempfunden. Auch in „Raumstation Sehnsucht“ geht es darum, welche Folgen es hat, wenn Menschen mehr vom Ressentiment als von der Ratio, eher hormonell- als hirngesteuert sind. Nur ist bei Ralf König alles etwas anders als bei Tennessee Williams. Denn da heißt das von Liebesirrwegen gepeinigte Paar nicht Blanche du Bois und Stanley Kowalski, sondern Konrad und Paul - womit Ralf König, der Pionier des Schwulencomics, das Erfolgsduo früherer Werke erneut in Szene setzt.

Im Wilhelm-Busch-Museums weist König auf die haarigen Seiten von Pauls grobschlächtigem neuen Schwarm Kalkowski hin. Die überlebensgroße Replik der Figur prangt dort im Zentrum der neuen Ausstellung. „Echte Kerle“, heißt die Schau mit mehr als 370 Einzelarbeiten von Ralf König. Dessen Figuren sind, freilich getrennt, auch außerhalb von Museumsmauern in Hannover präsent: In der Altstadt gibt es das „Café Konrad“, im Steintorviertel „Paul - Die Bar“.

Ralf König, der „Vater" von Konrad und Paul, zeigt seine Comics erstmals in einer Einzelausstellung im Wilhelm-Busch-Museum. 

Doch immerhin: Die Namensgeber der beiden Lokale und viele andere Knollennasen kann man jetzt umfassend wie noch nie im Wilhelm-Busch-Museum sehen. Der Erfolg des Männerpaars kommt nicht von ungefähr: Ralf König operiert, Tennessee Williams gar nicht unähnlich, mit freudianisch inspirierten Typen: Konrad ist der Schöngeist, Paul ganz triebgesteuert - und zwischen Es und Über-Ich durchleben beide damit Konflikte, die auch Heteros nicht fremd sind. „Unter meinen Lesern sind viele Frauen, die sich gern darüber amüsieren, was Männer so treiben, wenn sie allein sind.“

Das ist nun schon 35 Jahre lang Ralf Königs Thema. Nach seinem schwulem Coming Out zeichnete er für Zeitschriften wie „Rosa Flieder“ oder „Männer aktuell“, wurde von Verlagen wie Rosa Winkel oder Männerschwarm publiziert. Über die Szene hinaus prominent wurde er 1994 durch die Verfilmung seines bei Rowohlt verlegten Comics „Der bewegte Mann“. Mit dem 128-Seiten-Werk zählte er damals zu den wenigen deutschen Zeichnern, die das Heftchenformat sprengten und opulente Werke zeichneten, die heute Grafic Novel genannt werden. Inzwischen sind seine Comics in 15 Sprachen übersetzt, die Gesamtauflage seiner Werke liegt über sieben Millionen. Dass viele mit seinem Namen noch immer vor allem den „Bewegten Mann“ verbinden, stuft er als Kehrseite des Erfolges ein. „So ähnlich muss sich Mick Jagger fühlen, wenn er nur auf ,Satisfaction’ angesprochen wird.“ Einer solche Reduktion kann „Echte Kerle!“ abhelfen. „So langsam fühle ich mich museumsreif“, sagt König, sichtlich erfreut über seine erste Einzelausstellung im Wilhelm-Busch-Museum. „Wilhelm Busch war für mich der Urknall“, sagt er. „Der hat mich fasziniert, bevor ich lesen konnte, ohne ihn hätte ich vielleicht nicht zu zeichnen begonnen.“

Museumsdirektorin Gisela Vetter-Liebenow revanchiert sich mit dem Hinweis, dass König auch politisch couragiert Stellung bezieht - vor allem mit seinen religionskritischen Arbeiten. „Ich habe mich immer über die schwulenfeindlichen Signale der katholischen Kirche geärgert“, sagt der 1960 in Dortmund geborene und seit vielen Jahren in Köln lebende Künstler. Zusätzliche Impulse haben seine Arbeiten durch den Streit um die dänischen Mohammed-Karikaturen bekommen. „Diese Drohungen haben mich sehr wütend gemacht“, sagt er. Wie er diese Wut künstlerisch umgesetzt hat, ist in der Ausstellung ausführlich zu besichtigen. Da wird das Einknicken gegenüber islamistischen Fanatikern ebenso verhöhnt wie deren Bilderverbotsdogma. Da gibt es aber auch keine Rücksicht auf christliche Wortgläubigkeit - da wird Adam nach dem Biss in den Apfel vom verbotenen Baum der Erkenntnis zum Atheisten. .

Provokant und spannend ist diese Ausstellung also - und sehr umfassend. Immerhin reicht ihr Spektrum von ganz frühen Arbeiten bis zu den Originalzeichnungen der erst im März erschienenen „Raumstation Sehnsucht“. Der nächste Band mit Konrad und Paul ist übrigens schon in Arbeit - und wirbelt Es und Über-Ich kräftig durcheinander. „Barry Hoden im Weltall hört dich keiner grunzen“, laute der Titel, für den der triebgesteuerte Paul zum Stift gegriffen habe. „Das ist nicht von mir“, beteuert Ralf König grinsend.

„Echte Kerle!“. Bis zum 18. Januar 2015 im Wilhelm-Busch-Museum, Georgengarten. Eröffnung heute um 19 Uhr mit Ralf König. Details unter www.karikatur-museum.de.

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