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Kultur Ausstellung zeigt Bilder vom Leben und Sterben
Nachrichten Kultur Ausstellung zeigt Bilder vom Leben und Sterben
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10:01 03.11.2010
Von Simon Benne
Heiner Schmitz, fotografiert von Walter Schels jeweils vor und nach seinem Tod.
Heiner Schmitz, fotografiert von Walter Schels jeweils vor und nach seinem Tod. Quelle: Walter Schels
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Seine alten Freunde kamen lieber zu zweit, wenn sie Heiner Schmitz besuchten. Um nicht mit ihm allein sein zu müssen. Auf seinem Zimmer im Hospiz trafen sie sich zum Fußball gucken, mit Bier und Zigaretten, wie früher. Um ihn abzulenken. Einige von ihnen wünschten ihm zum Abschied gute Besserung. Was sagt man auch zu jemandem, der sterben wird? Oder besser: zu jemandem, der dem Gedanken nicht ausweichen kann, dass er sterben wird, und zwar schon bald? „Keiner fragt mich, wie’s mir geht“, sagte Heiner Schmitz. „Weil alle Schiss haben. Dieses krampfhafte Reden über alles mögliche, das tut weh. Hey, kapiert ihr nicht? Ich werde sterben! Das ist mein einziges Thema in jeder Minute, in der ich alleine bin.“

Mit 52 Jahren starb der Mann, der in der Werbebranche gearbeitet hatte, im Hamburger Leuchtfeuer-Hospiz. Noch am selben Tag, am 14. Dezember 2003, kam der Fotograf Walter Schels an sein Bett, mit zwei Leuchten und seiner Hasselblad-Kamera. Er fotografierte den Verstorbenen so, wie er den Lebenden bereits gut drei Wochen zuvor fotografiert hatte: gleich ausgeleuchtet, gleicher Bildschnitt, ähnliche Haltung.

Monatelang waren der Fotograf und die Journalistin Beate Lakotta für das Projekt „Noch mal leben vor dem Tod“ in Hospizen unterwegs. Sie sprachen mit Sterbenden und baten diese und ihre Angehörigen, Fotos vor und nach dem Tod machen zu dürfen. Seit 2004 war die so entstandene, mit Preisen überhäufte Ausstellung in vielen Orten zu sehen. Jetzt werden etwa zwei Dutzend dieser Doppelporträts im Historischen Museum Hannover präsentiert.

„Man geht aus dieser Ausstellung nicht so wieder heraus, wie man hineingegangen ist“, sagt Museumsdirektor Thomas Schwark. Man wird das Bild der kleinen Elmira Sang Bastian nicht los, die nur 17 Monate alt wurde und die in ihrem Totenhemd daliegt wie eine kleine Puppe. Man denkt noch lange an Beate Taube, die mit 44 Jahren starb. Ihre größte Angst war es, ihre vier Kinder zurücklassen zu müssen: „Hundertmal am Tag sage ich ihnen jetzt, wie gern ich sie habe“, sagte sie. Die Präsenz des Todes schärft wohl den Blick für das Leben.

Das Sterben selber schreckte Beate Taube nicht so sehr: „Ich glaube, nach meinem Tod wird sich das Leiden nicht in meinem Gesicht zeigen. Wenn meine Seele entschweben darf, wie ich es mir wünsche, werde ich ganz friedlich daliegen.“ Sie sollte recht behalten. Das postmortale Foto zeigt die Verstorbene mit entspannten Zügen. Aber eine Systematik lässt sich daraus nicht ableiten. Denn offenbar stirbt jeder seinen eigenen Tod. Die kontrastreichen Schwarz-weiß-­Fotos, aufgenommen mit feinkörnigen 6x6-Negativen, zeigen jede Hautpore. Jede Falte und jedes Haar der Toten ist sichtbar. Und doch ahnt man, dass sie das Wesentliche nicht zeigen.

Im 19. Jahrhundert gab es spiritistische Versuche, die Seele zu fotografieren, die dem Körper im Sterben entschlüpft. Unwillkürlich sucht man auch in Schels’ Fotos der Lebenden nach dem, was den Toten fehlt. Sehen diese nun friedlicher aus als zuvor? Schöner gar? Erlöst und befreit oder nur entseelt? Man kann alles in diese Aufnahmen hineinlesen. Sie drängen kein Urteil auf. Die Interpretationen sind so vielfältig wie unsere Vorstellungen vom Tod. Die Ausstellung gibt keine Antworten. Sie stellt Fragen. Der Tod ist uneindeutiger, als man denken mag.

Unpolitisch ist er nicht: Große gesellschaftliche Debatten kreisen immer wieder um Sterbehilfe oder Schmerztherapien. Diese Ausstellung zeigt das Museum in Zusammenarbeit mit dem „Runden Tisch für Palliativ- und Hospizarbeit in der Region Hannover“, der sich dafür einsetzt, Sterbenskranke bis zum Ende menschenwürdig zu begleiten. Ehrenamtliche Hospizmitarbeiter werden jeweils freitags und sonntags im Historischen Museum für Gespräche mit Besuchern bereitstehen. Denn diese Ausstellung holt ein Thema, das vielen Angst macht, mitten hinein in eine Gesellschaft, in der bereits das Älterwerden als Makel gilt.

Die Ausstellung folgt dabei dem häufig artikulierten Diktum, unsere Welt „tabuisiere“ den Tod. Tatsächlich sterben derzeit etwa 80 Prozent der Deutschen in Heimen und Krankenhäusern, obwohl kaum jemand sich wünscht, dort zu sterben. Die alte Vorstellung, der Tod könne zu uns als Freund kommen, vor aller Augen, ist uns fremd geworden. Doch gleichzeitig verleihen Actionfilme und Fernsehkrimis dem Tod eine mediale Alltagspräsenz wie nie zuvor. „Tabuisiert“ wird wohl weniger der Tod als solcher. Eher verdrängt man den Gedanken an das Leiden – und an das eigene Sterben, also an den ersten Schritt ins Ungewisse. „Der Tod ist eine Lebensreifeprüfung. Die muss jeder Mensch alleine bestehen“, sagte die 67-jährige Edelgard Clavey. Auch ihr Doppelporträt ist in der Ausstellung zu sehen.

Früher, sagt der Fotograf Walter Schels, sei er Begegnungen mit Sterbenden und Toten aus dem Weg gegangen. „Als ich einmal einen Fotoauftrag in der Rechtsmedizin hatte, wäre ich fast in Ohnmacht gefallen“, sagt der 74-Jährige. „Ich konnte nicht eine Aufnahme machen.“ Während der Arbeit an dem Fotoprojekt habe sich seine Angst vor dem Thema gelöst. Besuchern kann es ganz ähnlich gehen. Denn die Ausstellung illustriert, was die oft banal und hohl klingende Sentenz meint, dass der Tod ganz natürlich zum Leben gehöre. Sie fragt danach, wie die Gesellschaft mit dem Sterben umgehen soll. Und wie wir selbst sterben wollen. So gesehen ist sie eine Ausstellung über das Leben.

„Noch mal Leben vor dem Tod" ist noch bis zum 9. Januar im Historischen Museum Hannover zu sehen.

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