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Kultur Ausstellung zeigt „Brandbilder“ von Hannover
Nachrichten Kultur Ausstellung zeigt „Brandbilder“ von Hannover
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00:15 21.02.2015
Von Daniel Alexander Schacht
Behutsame Konservierung: Claudia Andratschke mit Karin Leopold vor Slevogts „Dragoneroffizier zu Pferde“, einem der Brandbilder. Quelle: Tim Schaarschmidt
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Hannover

In einer Herbstnacht des Jahres 1943 zeigt das Thermometer hinter dem Glas der Kröpcke-Uhr bis zu 34 Grad an. Es ist die Nacht vom 8. auf den 9. Oktober, in der Hannover großenteils zerstört wird. Der Horror dieser Nacht lässt sich in dürren Zahlen schildern, den 261 000 Bomben, die 4000 Wohnhäuser zerstören, 1245 Menschen töten und eine Viertelmillion obdachlos machen. Der Horror dieser Nacht hat aber auch stumme Zeugen in der Kunst - etwa Max Slevogts „Dragoner zu Pferde“.

Das Bild hat die Bombennacht zusammen mit 54 weiteren Kunstwerken in einer Stahlkammer verbracht. Die befand sich im Lohnamt an der Friedrichstraße, das bei dem Angriff komplett zerstört wurde. Die Werke aber überstanden - wenn auch mit dramatischen Spuren der Versehrung, weil in der Stahlkammer über Tage hinweg Temperaturen bis zu mehreren Hundert Grad herrschten.

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Im Landesmuseum Hannover werden „Brandbilder“ für die Ausstellung zum 8. Mai vorbereitet.

Jahrzehntelang haben fast alle diese Werke - von mittelalterlichen Sakralmalereien bis zum Impressionismus - im Depot geschlummert. Doch jetzt wurden einige von ihnen behutsam in die Restauratorenwerkstatt des Hauses transportiert, um sie für eine Ausstellung vorzubereiten. Denn Museumschefin Katja Lembke will die heute „geröstete Kunst“ oder „Brandbilder“ genannten Werke zum 70. Jahrestag des Kriegsendes als „Zeugen des Zweiten Weltkriegs“ präsentieren. Und Claudia Andratschke, Provenienzforscherin des Museums, weist darauf hin, dass es sich bei einigen der Bilder um NS-Raubkunst handeln könnte.

Bis zum Beginn der Ausstellung am 8. Mai, dem Jahrestag des Kriegsendes, muss die Restauratorin Karin Leopold noch kräftig an Slevogts „Württembergischem Dragoneroffizier zu Pferde“ (1902) arbeiten. Denn nach der Bombennacht hat die Leinwand mehr als ein halbes Dutzend Risse, an einigen Stellen prangen Farbspuren eines in der Stahlkammer wohl danebenlehnenden Ölgemäldes, und die Hitze hat die Farben des Bildes dramatisch verändert. Lassen sie überhaupt noch Rückschlüsse auf die ursprüngliche Farbgebung zu? „Ganz bestimmt war der Schimmel, auf dem der Dragoner sitzt, heller und der Himmel darüber blauer“, sagt die diplomierte Restauratorin, die weiß, wie sich Farbpigmente unter großer Hitze verändern. „Ocker wird da rot, Bleiweiß wird erst gelblich, dann rötlich, kobaltblau wird rosa, Preußischblau wird braun.“

Service

Brandbilder - Kunstwerke als Zeugen des Zweiten Weltkriegs“. 8. Mai 2015 bis 6. September 2015 im Landesmuseum.

Doch auch aufgrund solchen Erfahrungswissens ließe sich das Bild nicht einfach zurückverwandeln, schon allein weil der Impressionist Slevogt sich nirgends mit monochromem Farbauftrag begnügt hat. Vom Urzustand des Werkes gibt es nur Schwarz-Weiß-Fotografien, aber auch wenn davon Farbaufnahmen existierten, würde Karin Leopold keine neue Farbe auf dem alten Bild aufbringen. „Ich bin nicht Slevogt“, sagt sie, und betont, sie habe in diesem Falle keine restauratorische, sondern eine konservatorische Aufgabe zu erfüllen. „Es geht darum, den aktuellen Zustand des Bildes zu sichern.“ Dazu hat sie Wachspapiere entfernt, die alte Risse zusammengehalten haben, und die morbide Leinwand auf der Rückseite mit einem Polyester-Vlies unterfüttert. Sie geht auch weiteren Hinweisen auf Schäden nach, die sie mit einem vorsichtig mit dem Pinsel aufgetragenen Acrylharz ausbessert. Und sie stabilisiert defekte Stellen rückwärtig mit Leinwand. „Das ist eine absolut spannende Arbeit“, sagt die Restauratorin zu dem seit Monaten vorbereiteten „Brandbilder“-Projekt, das durch eine Förderung des Museumsfreundeskreises möglich geworden ist.

Die Brandbilder-Ausstellung wird außer von den Verheerungen des Krieges auch von möglichen Verfehlungen früherer Restauratorengenerationen zeugen. Denn dabei soll auch das Bild „Nacktheit“ (1908) von Lovis Corinth gezeigt werden. Das hat ebenfalls jene verhängnisvolle Nacht in der Stahlkammer verbracht und scheint doch bestens erhalten. Denn es wurde in der Nachkriegszeit nicht behutsam konservatorisch behandelt, sondern punktuell nachgemalt. Die Mehrzahl der Brandbilder ist aber in viel schlechterem Zustand als Slevogts „Dragoner“, es sind Werke mit oftmals fast schwarzen Flächen, auf denen nur noch einige Konturen die einstige Pracht ahnen lassen. „Wir sehen darin Kriegsmahnmale, die daran erinnern, dass auch Kunst zu den Opfern des Krieges gehört“, sagt Katja Lembke. „Und wir wollen mit der Ausstellung auch daran erinnern, dass Museen aufwendige konservatorische Aufgaben auch an Beständen zu erfüllen haben, die das Depot in der Regel nur verlassen, um in der Werkstatt gepflegt zu werden.“

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