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02:15 02.03.2014
Von Martina Sulner
Coco Chanel mit Zigarette, 1935 fotografiert von Man Ray. Quelle: VG Bildkunst Bonn, 2014, & Man Ray Trust
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Hamburg

Das eine hat eine kleine Knopfleiste, ein anderes erinnert an ein Hemdblusenkleid, das Dritte überrascht mit einem asymmetrischen Kragen. Auch die 14 weiteren ausgestellten Kleider haben so ihre Besonderheiten – und doch sind sie alle sofort als „kleine Schwarze“ auszumachen. Das Teil, mit dem mal alles anfing, findet sich nur als recht unscheinbare Skizze in einer Vitrine neben den Modellen. Die Zeichnung stammt aus der amerikanischen „Vogue“ vom Oktober 1926, die dem kleinen Schwarzen der Modeschöpferin Coco Chanel einen Artikel widmete. Dieses Kleid, prophezeiten die Journalisten, werde der „Ford der Mode“ – ein „Kleid, das die ganze Welt tragen wird“. Die „Vogue“ sollte recht behalten.

Die neue Ausstellung „Mythos Chanel“ im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe geht der Frage nach, wie und warum ausgerechnet Coco Chanel zur bekanntesten Modeschöpferin des 20. Jahrhunderts werden konnte. Da spielt das kleine Schwarze eine große Rolle. Das schlicht geschnittene, aber sorgfältig geschneiderte Stück steht für das, was die 1883 geborene Französin wollte: elegante, aber zeitlose und tragbare Kleidungsstücke, die mit unterschiedlichen Accessoires verändert und aufgepeppt werden konnten. Stets getreu des Chanel-Bonmots: „Mode ist vergänglich, Stil bleibt. Ich mache Stil.“

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Das kleine Schwarze, der Duft – und ein aufregendes Leben: Das Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg widmet sich in einer Ausstellung dem „Mythos Chanel“.

Das kleine Schwarze steht aber auch dafür, wie sehr Coco Chanel andere Kollegen überstrahlte: Sie hat diesen Klassiker zwar berühmt gemacht, aber nicht erfunden. Und das schicke Kleid, das Audrey Hepburn in „Frühstück bei Tiffany“ trägt, stammt nicht aus dem Hause Chanel, sondern von Givenchy.

Ein wichtiger Anteil am Mythos Chanel liegt, so die Interpretation der Ausstellungsmacher, in der Person Coco Chanel begründet. Dass eine junge, ledige Frau ein Modeunternehmen gründet, ist 1913 reichlich ungewöhnlich. Sie ist nicht nur eine begabte Modeschöpferin, sondern auch eine clevere Geschäftsfrau, die werbewirksam als ihr eigenes Mannequin auftritt. Und die sich gern als kühle, selbstbewusste Frau abbilden lässt – am liebsten von Starfotografen wie Man Ray oder Horst P. Horst.

Es schadete dem Ruhm auch nicht, dass Weltstars in ihrem Pariser Modehaus ein- und ausgingen. In der Ausstellung sind Kleider, Kostüme und Hosenanzüge zu sehen, die Chanel-Fan Marlene Dietrich trug. Für den Preis je eines dieser Originalmodelle hätte man auch einen Kleinwagen kaufen können, sagt Maria Spitz, die die Schau ursprünglich für die Draiflessen Collection der Unternehmerfamilie Brenninkmeijer in Mettingen konzipiert hat. Nach einer Station in Den Haag ist „Mythos Chanel“ jetzt, teilweise neu zusammengestellt und neu gestaltet, in Hamburg zu sehen.

Deutlich wird in der Ausstellung die überraschend großzügige Modeschutzpolitik Chanels, die durchaus dazu diente, ihren Namen noch bekannter zu machen. Bis zu einem gewissen Grad und mit Zustimmung der Modeschöpferin durften ihre Entwürfe kopiert werden. In deutschen Modezeitschriften gab es in den sechziger, siebziger Jahren zuhauf Schnittmuster für Kostüme „wie von Chanel“. So sieht man in der Schau zwölf der berühmten Chanel-Kostüme: gerader Schnitt, kragenlose Jacken, festes Material mit Borte. Dem gegenübergestellt sind 19 Kostüme, die den Stil zum Teil verblüffend genau kopieren – wenn auch bei einigen die Röcke etwas kurz geraten sind. Madame Chanel war der Überzeugung, dass die hässlichsten Körperteile einer Frau ihre Knie seien – und legte großen Wert darauf, dass Röcke und Kleider ihres Hauses niemals oberhalb der Knie endeten.

Das änderte sich, als nach dem Tod Coco Chanels 1971 und einigen Jahren, in denen das Unternehmen als ziemlich unbedeutend galt, Karl Lagerfeld 1983 künstlerischer Leiter des Hauses wurde. Der in Hamburg geborene Modemacher – dem die dortige Kunsthalle gerade mit einer Fotoausstellung ziemlich viel der Ehre zukommen lässt – griff den Stil der Modeikone auf. Er modernisierte ihn jedoch kontinuierlich, wie einige der ausgestellten Entwürfe zeigen.

Die Schau macht eindrucksvoll klar, wie sehr Chanels Stil noch heute den Geschmack prägt. Das kleine Schwarze, die Handtaschen und die zahllosen Varianten des Chanel-Kostüms sind aus der Modewelt nicht wegzudenken. Doch weil sich die Ausstellung weitgehend auf Entwürfe und Kleider konzentriert, bleibt manches nebulös. Coco Chanels unbedingter Wille zur Selbstinszenierung und Markenbildung ist mehr zu erraten, als dass er erklärt wird. Dass die Französin sich während des Zweiten Weltkriegs bereitwillig mit den Besatzern arrangierte und mit einem deutschen Diplomaten zusammenlebte, klammert die Schau weitgehend aus. Als Chanel 1954 ihre erste Kollektion nach Ende des Zweiten Weltkriegs präsentierte, reagierte man in Frankreich auf diese Modenschau sehr verhalten.

So stilprägend Coco Chanels Entwürfe vor und nach dem Krieg auch waren: Das ganz große Geld machte die Französin nicht mit ihren Kleidern, sondern mit ihrem Parfüm. Im Jahr 1921 brachte sie den Duft „Chanel Nr. 5“ auf den Markt. Bis heute, sagt Ausstellungsmacherin Maria Spitz, sei es das meistverkaufte Parfüm weltweit. Kein Modeduft, sondern Stil.

Mythos Chanel“: Bis 18. Mai im Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg, Infos unter www.mkg-hamburg.de.

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