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08:18 26.06.2013
Von Ronald Meyer-Arlt
Trauerarbeit: der Schauspieler Feidlim Cannon mit seiner Mutter.
Trauerarbeit: der Schauspieler Feidlim Cannon mit seiner Mutter. Quelle: Brokentalkers
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Hannover

Beide hießen Sean. Und beide sind tot. Der Vater des irischen Theaterkünstlers Feidlim Cannon starb vor elf Jahren an den Folgen einer Fehlbehandlung im Krankenhaus. Feidlims Bruder, Baby-Sean genannt, starb ein paar Jahre früher, kurz nach seiner Geburt. Die beiden Todesfälle stehen im Mittelpunkt der Produktion „Have I no Mouth“, die die irische Theatergruppe Brokentalkers auch heute Abend noch bei den Theaterformen auf der Cumberlandschen Bühne spielt. So nah an der Wirklichkeit wie hier ist Theater selten.

Auf der Bühne stehen – so verkündet es der Programmzettel – keine Schauspieler, sondern die Betroffenen selbst: Feidlim Cannon, einer der Gründer der irischen Theatergruppe Brokentalkers, seine Mutter und ein Psychotherapeut, der den beiden in den Zeiten schwerer Trauer geholfen hatte. Soll man das glauben? Vieles spricht dafür.

Der Psychotherapeut spricht ganz sanft und macht mit den Zuschauern ein paar Lockerungsübungen, damit sich alle wohlfühlen. Später darf jeder Zuschauer einen Luftballon aufblasend „seine ganz Wut“ in den Ballon pumpen. Fast alle machen dabei mit. Auch wenn der Therapeut zum „Ein- und wieder Ausatmen“ auffordert, folgen ihm die Zuschauer sofort. Das Publikum lässt sich gern therapieren.

Die Mutter scheint auch aus dem wirklichen Leben zu kommen, zumindest spricht sie nicht wie eine ausgebildete Schauspielerin. Allerdings sind ausgebildete Schauspieler ja durchaus auch in der Lage, so zu sprechen, als hätten sie nie eine Sprechausbildung erhalten.
Für die Authentizität des Ganzen sprechen immerhin die vielen unscharfen Familienfotos, die auf die Rückwand der Bühne projiziert werden. Darauf ist auch die junge Mutter mit ihren Kindern zu sehen. Viele Fotos hat der verstorbene Vater gemacht. Auffällig ist, dass die Personen meist rechts im Bild stehen, links ist nur leere Fläche zu sehen. Seinen Sohn bringt das schier zur Verzweiflung. Der springt vor den Bildern über die Bühne und fleht seinen toten Vater an, ihm irgendwie mitzuteilen, welches Geheimnis hinter der merkwürdigen Figurenanordnung steckt. Das ist sehr berührend.

Natürlich bekommt er keine Antwort. Tote sprechen nicht. Aber das Theater kann sie wiederauferstehen lassen. So wird dem Therapeuten gegen Ende ein Kopfverband angelegt, und er steht fortan als toter Vater auf der Bühne. Anrührend ist, wie der Sohn dann versucht, diesen Zombie-Vater lebendig werden zu lassen. Am Ende kippt er ihm ein Glas Guinness auf den Kopfverband. Aber auch das hilft nicht.

Dieses Theater des Authentischen ist eine hoch emotionale Angelegenheit – auch wenn die Akteure meist eher sachlich berichten, als emotional zu spielen. Berührend ist, dass hier echte Menschen echte Geschichten erzählen und die Zuschauer sehr nah an sich herankommen lassen. Dazu gibt es echte Fotos, Filme und Musik aus der hier beschworenen Vergangenheit.

Aber beim Zuschauen können auch Zweifel entstehen. Die Betroffenen erzählen hier zwar von ihrer Situation, aber sie machen das ja immer wieder, Abend für Abend, immer in denselben Worten. Im Grunde sind sie Darsteller von sich selbst. Die Sache ist reproduzierbar. Theater bleibt ein Lügengebilde, auch wenn es mit der Wahrheit spielt.

Das Stück ist wieder diesen Mittwochabend um 20 Uhr auf der Cumberlandschen Bühne zu sehen. Karten unter Telefon (05 11) 99 99 11 11 oder unter www.schauspielhannover.de

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